Ein Spaziergang zum altersgrauen Kuhturm bei Lindenau

Unsere Reise beginnt im frühen Leipzig, von wo aus wir zu Fuß nach Lindenau aufbrechen. Wir starten am ehemaligen Äußeren Ranstädter Stadttor und machen uns Richtung Westen auf den Weg. Über die Elster-Brücke gelangen wir zu einer Allee, die kunstvoll mit zahlreichen Pappeln bepflanzt ist. Diese Allee ist die Frankfurter Straße, eine einstige römische Handelsroute. Nachdem wir die Brücke überquert haben und das Stadttor hinter uns liegt, genügen nur noch einige hundert Schritte mehr, um die letzten Häuser der Vorstadt hinter uns zu lassen und wir einen gehaltvollen Spaziergang vor uns haben. Ein romantischer Blick eröffnet sich uns von der Allee aus, wenn wir die Landschaft mit den dahinterliegenden Wäldern betrachten, die sich in einem Halbkreis um den gesamten Westen herumziehen. In der Ferne sehen wir die umliegenden Dörfer und können die Namen der jeweiligen Waldabschnitte wie das „Schleußiger Holz“ und das „Leutzscher Holz“ nutzen, um uns dorthin zu orientieren. Auch das bekannte „Rosenthal“ ist von weitem zu erkennen. Wenn wir unseren Blick zurück auf den Weg nach Lindenau richten, erstrecken sich auf beiden Seiten des Weges weite Gras- und Flusslandschaften. Nach einem etwa halbstündigen Spaziergang stoßen wir auf den altehrwürdigen „Kuhturm“, der am Ufer der Luppe an den so genannten „Kuhburger Wiesen“ an einem abgeschlossenen Graben vor Lindenau liegt. [1] Es gibt alte Geschichten über dieses Land, das von dichten Wäldern mit uralten Bäumen umgeben ist, darunter Ulmen, „von denen die stärkste einen Umfang von 14 Fuß hat“, [2] und Legenden über einen slawischen Opferaltar, der mit der Vertreibung der Slawen im 11. Jahrhundert und der Zerstörung ihrer Siedlung „Lipzk“ verschwunden sein soll. Es wird angenommen, dass der Kuhturm auf diesem Land „bej Lindenau“ um diese Zeit herum erbaut wurde. Ursprünglich war der Bau als Außenposten geplant gewesen, um die Pleiße-Elsterniederungen vor der Stadt, wo neben lebhaften Handel auch viel Ackerbau betrieben wurde, besser zu bewirtschaften und vor Angreifern zu schützen. So entstand zwischen Lindenau und Leipzig eine bewachte Landstraße, die weiter nach Merseburg führte und vor allem die ortsansässige Wirtschaft förderte. Gleichzeitig dienten die umliegenden Wiesen als Weideland für das Vieh der zahlreichen Stadtgüter. So erhielt der Außenposten einen Wachturm und den Beinamen „Kuhburg“. Im 15. Jahrhundert wandelte sich der Wachposten in ein Forsthaus und war ab 1533 mehr als zwei Jahrhunderte lang der Wohnsitz der Försterfamilien, bekannt als die „Kuhtürmer“. Der Letzte war Oberförster Koch, der Vater des 1876 verstorbenen Bürgermeisters der Stadt. [3] Danach folgte dem Forsthaus eine Gastwirtschaft, die in den 1850er bis zur Mitte der 1860er Jahre von dem bekannten Gastwirt Schatz bewirtschaftet wurde. [4] Die „Restauration zum Forsthaus Kuhturm“ soll ein beliebtes Etablissement gewesen sein, besonders bei den „besseren Gesellschaftsklassen“. Dies lag nicht zuletzt daran, dass sich Lindenau wie Gohlis und Connewitz zu einer beliebten Sommerresidenz vieler wohlhabender Familien entwickelte, in denen „gerade die reichsten unserer Stadtbewohner“ Landgüter und Neubauten besaßen. [5] Am 27. Juni 1857 ereignete sich auf dem Anwesen jedoch ein Unglück, als die gusseisernen Tragbalken der Decke im neugebauten Salon einstürzten, was zu einem Rückgang der Gäste und zur Aufgabe des Geschäftes führte. [6] Die Universität Leipzig übernahm alle Gebäude und etablierte auf dem rund 13,5 Hektar großen „Kuhturm-Grundstück“ um 1869 eine neue landwirtschaftliche Versuchsanstalt und ein Laboratorium. Der erste Standort des wissenschaftlichen Instituts umfasste einen Hof, einen Garten und eine Versuchsfläche von insgesamt 82 Parzellen von jeweils 10 x 40 Metern, bevor es 1879 in einen Neubau an der Ecke Stephanstraße/Brüderstraße umzog. [7] Der Gebäudekomplex wurde seit 1835 mehrmals um- und ausgebaut, jedoch stammen die Mauern des Hauptgebäudes und des Turms noch aus den ältesten Tagen. Auch ein christlicher Taufstein unter den herrlichen Linden im Garten, der im 17. Jahrhundert in der Nähe des Dorfes Schönau gefunden und hier aufgestellt wurde, blieb aus früheren Zeiten erhalten. Gegen Ende des 18. Jahrhunderts erhielt das ehemalige Forsthaus eine kirchenähnliche Bauweise der Spätgotik (Stieglitz), wie der damalige Baurat Oskar Mothes vermutete. [8] Dieses Grundstück, das seit „fast einem Jahrtausend“ verschiedenen Zwecken gedient hat, wurde vom Rat der Stadt dem Leipziger Gärtner-Verein für die Internationale Jubiläums-Gartenbau-Ausstellung 1893 und der Aktiengesellschaft für den Leipziger Palmengarten zur Verfügung gestellt und am ersten Pfingstfeiertag, dem 29. Mai 1898, als „vorderes Palmengarten-Restaurant“ von Alwin Hensel wiedereröffnet. [9] Siehe auch – Die Neueröffnung vom Kuhturm-Restaurant 1898 [1] Vgl. Ramshorn, Carl et al.: XIX. Lindenau, in: Internet Archive. The New York Public Library: Leipzig und seine Umgebungen mit Rücksicht auf ihr historisches Interesse. Leipzig. 1841, S. 95 f. [2] Mielck, Eduard: IV. Ulmen oder Rüstern, in: Internet Archive. The City of Boston Public Library: Die Riesen der Pflanzenwelt. Leipzig/ Heidelberg. 1863, S. 52. [3] Vgl. Geschichtliches über den Kuhturm, in: SLUB Dresden. Leipziger Tageblatt und Anzeiger, Sonntagausgabe. 2. Beilage vom 27. August 1893, S. 6007. [4] Aus den Erinnerungen eines alten Leipzigers, in: Stadtarchiv Leipzig. Leipziger Ausstellungs-Zeitung vom 15. Februar 1895. Beiblatt Nr. 44, S. 135 f. [5] Ramshorn, Carl et al.: XIX. Lindenau, in: Internet Archive. The New York Public Library: Leipzig und seine Umgebungen mit Rücksicht auf ihr historisches Interesse. Leipzig. 1841, S. 96. [6] Königreich Sachsen, in: SLUB Dresden. Deutsche allgemeine Zeitung. Sonntagausgabe vom 28. Juni 1857, S. 1302. [7] Schulze, Eberhard et al.: Zur Geschichte der Agrarwissenschaften an der Universität Leipzig, in: Vorträge anlässlich 150 Jahre Gründung des landwirtschaftlichen Instituts am 10. Dezember 2019. Veröffentlichungen der Leipziger Ökonomischen Societät e.V. (Hg.) Leipzig. Heft 33, Teil1. 2020, S. 12 ff. [8] Gurlitt, Cornelius: Der Festungsbau, in: Beschreibende Darstellung der älteren Bau- und Kunstdenkmäler des Königreich Sachsen. Siebzehntes Heft: Stadt Leipzig. K. Sächsisches Alterthumsverein (Hg.) Dresden. 1895, S. 296 f. [9] Vgl. Geschichtliches über den Kuhturm, in: SLUB Dresden. Leipziger Tageblatt und Anzeiger, Sonntagausgabe. 2. Beilage vom 27. August 1893, S. 6007. © 2024 is licensed under CC BY-NC-SA 4.0 Namensnennung – Nicht-kommerziell – Weitergabe unter gleichen Bedingungen

Schwedische Pionierin Elfrida Andrée im Palmengarten – Dirigentin

Der Konzertsaal des Leipziger Palmengartens wird heute Mittwoch abend der Schauplatz eines seltenen musikalischen Ereignisses sein. Gelegentlich des 17. Symphonie-Konzertes des Winderstein-Orchesters gelangt eine A-moll-Symphonie von Elfrida Andrée aus Göteborg unter persönlicher Leitung der Komponistin zur Aufführung. Außerdem wird die interessante Dame, eine nahe Verwandte des kühnen Nordpolforschers, noch das Vorspiel zu einer von ihr komponierten Oper „Fritjofs Saga“ dirigieren. Man darf mit Recht auf diese außergewöhnlichen Darbietungen gespannt sein. Im ersten Teile des heutigen Konzertes bringt übrigens Herr Konzertmeister Pick-Steiner das Konzert Nr. 3, H-moll, für Violine von C. Saint-Saёns zum Vortrage. Inhaber von Dauerkarten haben auch zu diesem Konzerte ohne jede Nachzahlung Zutritt. [1] Das 17. Sinfonie-Konzert des Winderstein-Orchesters im Palmengarten trug ein ganz eigenartiges Gepräge. Eine junge Komponistin, Frl. Elfrida Andrée aus Göteborg, brachte zwei ihrer Werke unter eigener Leitung zur Aufführung. Der musikproduktiven Betätigung des weiblichen Geschlechts stehe ich ziemlich mißtrauisch gegenüber und ich bin auch bis heute noch nicht überzeugt worden, daß die Frau gerade auf diesem Kunstgebiete hervorragende schöpferische Beanlagung besitzt. Wenigstens nicht, insofern es sich um größere, mit Inhalt und Leben auszufüllende Formen handelt. Das ist gewissermaßen psychologisch begründet. Die musikalische Ideenwelt der Frau ist eine viel beschränktere wie die des Mannes, die ganze Natur des Weibes weist auf das zarte, innige, schwärmerische und hingebende hin, kraftvollere Akzente stehen ihr weniger zu Gebote. Diese vermißten wir auch in der Sinfonie A moll des Frl. Elfrida Andrée. Die Dame war uns in rein menschlicher Beziehung interessanter – sie soll mit dem verschollenen Nordpolfahrer Andrée verwandt sein – als in künstlerischer. Ihre Sinfonie ist nur ein schwaches Produkt. Eine eigenartige Persönlichkeit tritt nirgends zu tage, selbst ein Stich ins Nationale, den wir vermutet hatten, ist nicht vorhanden, das Werk ist vielmehr mendelssohnisch angehaucht. Die Durchführung ist der Komponistin schwächste Seite; von kunstvoller thematischer Arbeit, polyphoner Gestaltung ist hier wenig zu spüren, die Themen erweisen sich auch zur weiteren Entwickelung als zu wenig eindringlich. Der letzte Satz ist meines Dafürhaltens noch der beste. Einen weit günstigeren Eindruck machte auf mich der Autorin Vorspiel zur Oper „Fritjofs Saga“, das in der Konzeption nicht ohne Schwung ist, manche schöne Momente enthält und auch eine wirkungsvollere instrumentale Einkleidung als die Sinfonie besitzt. Frl. Andrée leitete das Orchester, welches die Ouverture recht temperamentvoll, die Sinfonie dagegen ziemlich lau und mit sichtlicher Unlust spielte, mit bemerkenswertem Geschick. Von L. W. [2] [1] Der Konzertsaal des Leipziger Palmengartens, in: SLUB Dresden. Leipziger Tageblatt und Anzeiger vom 25. Januar 1905. Frühausgabe, S. 7. [2] Das 17. Sinfonie-Konzert des Winderstein-Orchesters, in: SLUB Dresden. Leipziger Tageblatt und Anzeiger vom 28. Januar 1905. Frühausgabe, S. 2.

Gespräch mit Experten – Dr. Maren Möhring zur Esskultur der STIGA

Prof. Dr. Maren Möhring, Sozial- und Kulturhistorikerin an der Universität Leipzig, widmet sich in einem wissenschaftlichen Artikel der Bedeutung von Speisen und Getränke bei Welt- und Kolonialausstellungen um 1900. Sie analysiert anhand der Berliner und Leipziger Gewerbeausstellungen deren Inszenierung und ihre Funktion als Ausstellungsobjekte. Hierbei beleuchtet sie auch die Rolle der Koch- und Essgewohnheiten der Nichteuropäer, die eigens für die Dauer dieser Ausstellungen ausgewählt wurden. Frau Prof. Dr. Möhring, Sie beschäftigen sich mit dem Thema „Esskultur auf den Welt- und Kolonialausstellungen um 1900“. Wie kamen Sie dazu, was hat Sie dazu bewogen, einen Forschungsbeitrag zu schreiben? Ich interessiere mich generell für die Bedeutung von Essen in verschiedenen sozialen und kulturellen Kontexten: Welche Bedeutungen werden spezifischen Lebensmitteln und bestimmten Mahlzeiten zugeschrieben? Was erfahren wir über Gesellschaften, wenn wir ihre esskulturellen Konventionen betrachten? Gerade wenn es um die Inszenierung von anderen Kulturen geht, kommt dem Essen als Alltagsphänomen oft eine besondere Bedeutung zu. Was und wie gegessen wird, weckt Interesse und Neugier, aber oft auch Abwehr. Diese widersprüchlichen Emotionen scheinen mir für eine Analyse von Welt- und Kolonialausstellungen hoch relevant. Wie würden Sie sich selbst und ihre Forschung beschreiben? Ich bin Historikerin geworden, weil ich mich für gesellschaftliche Transformationsprozesse und für kulturellen Wandel interessiere. Wichtig ist mir eine genaue Analyse von Machtbeziehungen, um soziale Ungleichheiten, aber auch die Handlungsspielräume historischer Akteur:innen ausloten zu können. Das heißt auch, sich damit zu befassen, was zu einem bestimmten Zeitpunkt eigentlich sagbar und denkbar war. Durch geschichtswissenschaftliche Untersuchungen lassen sich zum einen die Begrenzungen vergangener Diskurse aufzeigen, zum anderen aber auch nicht realisierte Möglichkeiten aufdecken, die unseren gegenwärtigen Horizont erweitern können. Ihr Beitrag beleuchtet die Rolle der Gastronomie auf Welt-, Gewerbe- und Kolonialausstellungen. Könnten Sie uns näher erläutern, wie diese Veranstaltungen die Wahrnehmung und den Konsum von Essen und Getränken beeinflusst haben? Welt- und Kolonialausstellungen lebten von der Präsentation einer Vielzahl technischer, aber auch kultureller Güter und Leistungen. Der visuelle Konsum steht bei einem Ausstellungsbesuch im Vordergrund. Die Gastronomie vor Ort aber bot die Möglichkeit, sich nicht nur über den Sehsinn, sondern auch riechend und schmeckend dem Gebotenen zu nähern. Mir scheint das Moment der Einverleibung vertrauter, aber eben auch unbekannter Speisen ein wichtiges Element der Ausstellungserfahrung gewesen zu sein. Welchen Stellenwert hatte die Verpflegung vor Ort? War das Essensangebot „nur“ ein Beiwerk? Einerseits gehörten die Speisen auf Weltausstellungen zum Rahmenprogramm, das (fast) jede Form von Vergnügungsevent begleitet. Andererseits aber wurden Lebensmittel, ihre Zubereitung und ihr Konsum auch als aussagekräftige Symbole einer bestimmten Kultur eingesetzt – der eigenen wie der ausgestellten ‚anderen‘ Kulturen. Ihr Beitrag betont die Inszenierung von „fremden Welten“ durch „landestypischen“ Speis und Trank. Wie würden Sie diese Form der Gastronomie beschreiben? Die Welt- und Kolonialausstellungen lassen sich als eine frühe Form der Erlebnisgastronomie verstehen, bei der es nicht nur um die einverleibten Speisen und Getränke ging, sondern auch um den kulturellen Kontext, den als landestypisch erachtete Speisen und Getränke transportierten. Es ging nicht nur um die Inszenierung besonders ‚exotischer‘ Genüsse, sondern auch regionale Traditionen wurden beschworen. Letztlich war es eine touristische Vorstellungswelt, die aufgerufen wurde – egal, ob indische oder Wiener Küche geboten wurde. Diese Vorstellungswelten materialisierten sich nicht nur in Form von Speisen und Getränken, sondern gewannen Gestalt auch durch teils aufwändig ausgestattete Lokale, die architektonisch, durch Bildschmuck, Alltagsgegenstände oder auch musikalische Untermalung auf die jeweilige Region verwiesen. Die Berliner Gewerbeausstellung von 1896 und die Sächsisch-Thüringische Industrie- und Gewerbeausstellung in Leipzig 1897 stehen im Mittelpunkt Ihrer Analyse. Was hat Sie dazu inspiriert, gerade diese Ausstellungen zu wählen? Als Historikerin interessiert mich immer auch die Geschichte vor Ort, und da ich in Leipzig lebe, war es naheliegend, mich intensiv mit der Sächsisch-Thüringischen Gewerbe-Ausstellung von 1897 zu befassen und diese mit anderen Ausstellungen in Beziehung zu setzen. Denn die einzelnen Elemente ähneln sich letztlich sehr – auch und gerade, was die kulinarische Dimension angeht. Haben die gastronomischen Angebote das Verständnis von Kultur und Identität beeinflusst? Könnten Sie uns näher erläutern, wie Essen und Gastronomie dazu beigetragen haben, bestimmte Stereotypen zwischen den Kulturen zu formen oder zu reflektieren? Ich würde grundsätzlich unterscheiden zwischen der Inszenierung von Esspraktiken der auf Welt- und Kolonialausstellungen präsentierten Menschen aus nicht-europäischen Regionen und dem kommerziellen Speiseangebot in den gastronomischen Einrichtungen am Ausstellungsort. Die Präsentation ‚fremder‘ Ernährungspraktiken befriedigte eine ethnologische und auch kolonial(rassistisch)e Neugier, weil sie versprach, nah an die ausgestellten Menschen heranzuzoomen und sie vermeintlich bei ihren Alltagsaktivitäten zu beobachten. Essen diente hier (auch) der Authentifizierung des Ausgestellten. Ähnlichkeiten, vor allem aber auch Differenzen zum Gezeigten dienten der eigenen Selbstvergewisserung. Inwieweit diese Inszenierungen als solche erkannt wurden, ist schwer zu sagen. In den direkt kommerziellen Etablissements auf den Weltausstellungen war der Inszenierungscharakter den Besucher:innen vermutlich bewusst(er). Hier mögen bestimmte stereotype Bilder einen eher spielerischen Charakter angenommen haben. Die gastronomischen Einrichtungen zählten klar zum Vergnügungssektor der Ausstellungen, während die Völkerschauelemente einen ethnologischen Anstrich besaßen und wissenschaftlich(er) daherkamen. Daher wurden stereotype Darstellungen wenig(er) hinterfragt. Zum Abschluss, welche Herausforderungen bieten sich Forschern, die sich mit diesem Thema befassen wollen? Eine der größten Herausforderungen ist – wie bei vielen geschichtswissenschaftlichen Untersuchungen – die schwierige Quellenlage. Erlebnisberichte von Ausstellungsbesucher:innen oder gar Aufzeichnungen von ausgestellten Menschen sind rar; wir können also oft nur die in den Ausstellungsführern vorgegebenen Sichtweisen rekonstruieren. Was die Menschen vor Ort tatsächlich dachten und taten, lässt sich nur annäherungsweise bestimmen. Ich glaube jedoch, dass ein Augenmerk auf scheinbar nebensächliche Aspekte wie das Essen uns neue Erkenntnisse liefern und die Perspektiven auf die Weltausstellungen erweitern kann. Mehr erfahren Sie in meinem Forschungsbeitrag, den Sie in einem Open-Access-Dokument nachlesen können. Aktuelles: www.uni-leipzig.de/personenprofil/mitarbeiter/prof-dr-maren-moehring

Der klingende Park – Tage der Industriekultur in Leipzig

Die Veranstaltungsreihe „Der klingende Park“ ist ein Teil der Industriekulturtage in Leipzig. Sie bietet im weitesten Sinne eine Reise durch die Geschichte der Gartenbaukunst in Leipzig, angefangen mit den prächtigen privaten Bürgergärten, den ersten Botanischen Garten und den ersten kommunalen Landschaftspark Deutschlands über die modernen Ausstellungs- und Freizeitparks sowie Ausflugsstätten im Industriezeitalter bis hin zu den noch erhaltenen Parkanlagen jener Zeit, die als Gartenbau- und Kulturdenkmal heute einen besonderen Schutzstatus genießen. Die Parkerrichtung war über dem ein wichtiger Faktor des städtebaulichen Wandels im Zuge der Hochindustrialisierung und des Städtewachstums in Deutschland. Zur Zeit der Sächsisch-Thüringischen Industrie- und Gewerbeausstellung 1897 (STIGA) waren viele Leipziger Parkanlagen in ihrer Entstehung. Gut für Leipzig war es, dass die Stadtoberen 1899 eine Umsetzung öffentlicher Parkanlagen befürwortete und finanzielle Mittel dafür bereitstellte – dies kann heute als Ausdruck einer vorausschauenden und nachhaltigen Stadtentwicklung im Industriezeitalter gedeutet werden, denn diese Grünflächen dienten neben anderen wichtigen Aspekten auch zur Regeneration einer hart arbeitenden Bevölkerung. Hierzu zählen beispielsweise der Stünzer Park (1898) im Leipziger Osten, der Leipziger Palmengarten (1899) im Leipziger Westen, der Arthur-Bretschneider-Park (1900) im Leipziger Norden ebenso wie der Wilhelm-Külz-Park (1904) im Leipziger Süden und der an der Stelle des Ausstellungsparks der STIGA tretende König-Albert-Park (1904), der heutige Clara-Zetkin-Park, im Leipziger Zentrum. Sie alle dienen dem Wohl der Leipziger und ihrer Besucher, sei es zur Bildung, Erholung oder zum Vergnügen. Entsprechend lohnenswert ist ein Blick auf ihre Entstehungs- und Blütezeit, die verschiedenen Kunstformen, die diese Parks bereicherten (z.B. Architektur, Skulptur, Landschaftsgestaltung, Musik) – ganz zu schweigen von den Schicksalen einst untergegangener Oasen, die in alten Postkarten, Lithografien und Aufnahmen heute wieder lebendig werden. Unser Ziel ist es, die Vielfalt der Leipziger Park- und Gartenkultur zu beleuchten und mit dieser Veranstaltungsreihe ab 2023 jährlich möglichst viele Menschen zu erreichen. Wir sind davon überzeugt, dass ein tiefes Verständnis der lokalen Kulturgeschichte zu einer höheren Wertschätzung führen kann und somit zu einem bewussteren Umgang mit den Parkanlagen anregt. Veranstaltungen … die Veranstaltungen in 2024: Klingender Park mit einer Hommage an den Leipziger Palmengarten mit dem Musikpavillon-Salonorchester Thomas Krause, Open-Air-Ausstellung und Bücherverkauf am Musikpavillon, Clara-Zetkin-Park Wann? 20.05.2024, 14:00–18:00 UhrWo? Musikpavillon, Clara-Zetkin-Park, Anton-Bruckner-Allee 11, 04107 Leipzig **** … die Veranstaltungen in 2023: Zu den 11. Tagen der Industriekultur in Zusammenarbeit mit dem Verein für Industriekultur Leipzig e.V. mit folgendem Thema: „Vom Ausstellungspark 1897 zum Leipziger Palmengarten 1899: Park- und Gartenkultur im Zeitalter der Industrialisierung“ Wann? 03.09.2023, 14:00–19:00 UhrWo? Musikpavillon, Clara-Zetkin-Park, Anton-Bruckner-Allee 11, 04107 LeipzigWie viele Gäste waren da? > 500 Gäste

Musikdirektor Gustav Sabac-el-Cher in Leipzig – Dirigent

Vom nächsten Sonntag, den 1. August, ab wird neben den bewährten hiesigen Capellen das Musikcorps des 1. ostpreußischen Grenadier-Regiments „König Friedrich III.“ Nr. 1 aus Königsberg i. Pr. auf dem Ausstellungsplatz concertiren. Der Capelle geht ein ganz vorzüglicher Ruf voraus und soll dieselbe über ein ungewöhnlich reiches Repertoire verfügen. Ein ganz besonderes Interesse dürfte aber der Dirigent des Musikcorps, Herr G. Sabac el Cher, selbst erwecken, weil er der erste und einzige schwarze Capellmeister der deutschen Armee ist. Er ist der Sohn eines *POCs, welchen Prinz Albrecht von Preußen am Hofe des Vicekönigs von Egypten kennen gelernt und als Kammerdiener nach Berlin gebracht hatte. Mit Ausnahme seiner schwarzen Hautfarbe erinnert jedoch nichts mehr an die afrikanische Abstammung des Königsberger Musikdirektors, er gilt vielmehr als ebenso schneidiger Soldat, wie vorzüglicher Musiker, der mit seiner wohlgeschulten Capelle stets Beifall und Anerkennung findet. Es ist deshalb auch anzuerkennen, daß uns der Festausschuß mit diesem vielversprechenden Musikcorps und seinem interessanten Dirigenten bekannt macht. [1] Wie schon angekündigt, beginnt am Sonntag, den 1. August, das Musikcorps des 1. ostpreußischen Grenadier-Regiments „König Friedrich III“ Nr. 1 aus Königsberg unter seinem schwarzen Dirigenten, dem Musikdirector G. Sabac el Cher, seine Concerte auf dem Ausstellungsplatze. Die anerkannt vorzügliche Capelle wird zwei Theile ihres auserwählten Programms im Pavillon beim Café und zwei Theile in dem neben dem Hauptrestaurant befindlichen spielen. Es steht zu erwarten, daß die wohlgeschulte Capelle wie überall so auch hier reichen Beifall und wohlverdiente Anerkennung finden wird. [2] Sabac el Cher. Dies ist der Name des einzigen schwarzen Kapellmeisters, den die deutsche Armee besitzt. Er steht an der Spitze des Musikcorps vom königl. Preußischen Grenadierregiment König Friedrich III. (1. ostpreußisches) Nr. 1, das zu Königsberg i. Pr. garnisonirt. Die Kapelle spielte im Juli d. J. auf der Internationalen Kunstausstellung zu Dresden und fand für ihre vortrefflichen Leistungen stets lebhaften Beifall der Zuhörer. Ihr Kapellmeister, ein sehr hübscher Mann, fesselte natürlich das Interesse des Publikums in besonderem Grade. Sabac el Cher ist von Geburt ein Deutscher. Sein Vater stammte aus Unterägypten und war als Kind am Hofe des Vicekönigs von Aegypten in Kairo zur Erziehung. Dort lernte ihn Prinz Albrecht von Preußen, ein Bruder Kaiser Wilhelm’s I., kennen, der ihn nach Berlin brachte, wo er sich mit einer Berlinerin verheirathete und im Hofhalt des genannten Prinzen das Amt eines Silberverwalters übertragen erhielt. Im Jahre 1867 beschenkte ihn seine Gattin mit einem Sohn, der bis zum 14. Jahre in die Bürgerschule ging und bereits im 8. Lebensjahre die Violine zu spielen begann. Von 1881 bis 1885 besuchte er ein Musikinstitut zu seiner weitern Ausbildung und trat in dem zuletzt genannten Jahr bei der Kapelle des königl. preußischen Füsilierregiments Prinz Heinrich von Preußen (brandenburgisches) Nr. 35 in Brandenburg a. d. H. als Hautboist und Soloposaunist ein. Nach mehrjähriger Thätigkeit als solcher besuchte er von 1893 bis 1895 die königl. Hochschule für Musik in Berlin und nahm Unterricht bei den Professoren Joachim, Bargiel, Härtel, Koßleck, Roßberg u. a. Nach gut bestandenem Examen wurde er im letztgenannten Jahr nach Königsberg berufen zur Uebernahme der Dirigentenstelle im 1. Grenadierregiment. Er bekleidet diesen Posten noch heute, und seine Kapelle findet überall, wo sie concertirt, Anerkennung und Beifall. Dies ist in knappen Umrissen die Lebensgeschichte des einzigen schwarzen Kapellmeisters der deutschen Armee. – Dch. [3] Seit wenigen Tagen läßt sich im Parke der Internationalen Kunstausstellung die Kapelle des Grenadier-Regiments „König Friedrich III.“ (1. Ostpreußisches) Nr. 1 aus Königsberg hören und findet allabendlich trotz des für Gartenconcerte leider recht wenig günstigen Wetters Zuspruch und für ihre Vorträge stets reichlichen Beifall. Das Interessanteste an der Kapelle ist für das Publikum jedenfalls der Dirigent Sabac-el-Cher, der einzige schwarze Kapellmeister des deutschen Heeres. Ueber ihn und seine Carriere in Deutschland ist Folgendes bekannt: Sabac-el-Cher wurde 1867 als der Sohn eines gleichnamigen Silberverwalters, welcher lange Jahre im Dienste des verstorbenen Prinzen Albrecht von Preußen stand, geboren. Bis zum 14. Jahre besuchte der Knabe eine höhere Bürgerschule und fing bereits im 8. Jahre an Violine zu spielen. Vom 14. bis 18. Jahre besuchte er ein Musikinstitut und trat 1885 bei der Kapelle des Füsilier-Regiments Nr. 35 als Hautboist ein. Dann besuchte er 1893-1895 die königliche Hochschule für Musik in Berlin und wurde 1895 zur Uebernahme der Dirigentenstelle im 1. Grenadier-Regiment nach Königsberg berufen. Sein Vater stammte aus Unter-Egypten und war als Kind am Hofe des Vice-königs von Egypten in Kairo. Dort lernte ihn Prinz Albrecht von Preußen kennen und brachte ihn nach Berlin, woselbst Sabac-el-Cher eine Berlinerin heirathete. Daß er als Musiker etwas Tüchtiges gelernt hat, beweisen die Leistungen seiner Kapelle, die mit Geschmack und einer für einen Militärkapellmeister beinahe erstaunlichen Ruhe leitet. Das Zusammenspiel ist dabei exakt und von jener straffen Rhythmik, die so charakteristisch für die deutsche Militärmusik ist; Holz und Blech sind gleich gut besetzt, und auch an tüchtigen Solisten scheint es dem Orchester nicht zu fehlen. Die dynamischen Schattirungen werden tadellos herausgeholt, was vorgestern namentlich das Vorspiel zum dritten Akte aus „A basso porto“ von Spinelli bewies, während der Vortrag des Strauß‘ schen Walzers „Wo die Citronen blühen“ durch zarte Uebergänge und seine Pianos überraschte. Die Programme sind ein augenscheinlich in Rücksicht auf ein nicht allzu musikalisch anspruchsvolles Publikum zusammengestellt, da sie meist populäre Musikstücke enthalten; das Fehlen Wagner‘s in der Reihe der Komponistennamen überrascht aber doch etwas, da man heutzutage auf dem Programm jedes Militärconcerts dem Meister von Bayreuth zu begegnen gewohnt ist. Hoffentlich bessert sich bald das Wetter, damit die trefflichen Leistungen Sabac-el-Cher‘s von einem recht zahlreichen Publikum in den nächsten Tagen gewürdigt werden können. [4] There are bandmasters and bandmasters, pretty well the world over. About the most famous of them is Lieutenant „Dan“ Godfrey, supreme over the band of the Grenadier guards. Himself the son and grandson of bandmasters, he has passed the talent on. His three sons are likewise bandmaster. The original Godfrey, Charles by name, led the band of the Coldstream guards in the days before Waterloo, and wielded the baton a matter of forty years. His son and successor, Frederick, conducted for something like twenty years. The third … Weiterlesen

Königlicher Musikdirektor Gustav Curth in Leipzig – Verdienste

Über die Biografie von Gustav Curth, einem Musiker, Kapellmeister und Komponisten aus Dresden, ist heute nur noch wenig bekannt. Er wurde 1861 in Dresden in eine Musikerfamilie hineingeboren. Obwohl die Gründe für seinen Umzug nach Leipzig unbekannt sind, wurde diese Stadt zu seiner Wahlheimat. Hier feierte er als selbstständiger (Königlicher) Musikdirektor und Varieté-Kapellmeister große Erfolge und war eng mit der hiesigen Künstlerszene verbunden. Gustav Curth galt unter den Varieté-Kapellmeistern als einer der besten Vertreter seines Fachs. Als Kapellmeister und Musikdirektor erlangte er international einen hervorragenden Ruf, nicht nur als Dirigent, sondern auch als Komponist und Arrangeur. Seine Verdienste führten dazu, dass er unter seinen Musikdirektoren-Kollegen hohes Ansehen genoss. Er bekleidete wichtige Funktionen wie den 2. Vorsitzenden des Deutschen Musikdirektoren-Verbandes, des Schriftführers oder andere und war Mitglied im Musik-Vorstand des Centraltheaters. Im Jahr 1937 verstarb er in Borsdorf im Alter von 76 Jahren. Curth komponierte und arrangierte Militär- und Orchestermusik, Kantaten und Charakterstücke sowie humoristische Szenen für Singstimmen und Klavier. Bisher bekannte Stücke sind „Gnomenspiele“, „Die Welt, sie will betrogen sein“, „Vorüber ist so manches Jahr“, „Der Humorist“, „Der Zeitgeist“, „Geld gibt’s am Ersten immerdar“, „In Treue fest!“, „Die Komiker klagen oft“, „Teddy geht spazieren“, „Engländer und Bure“, „Es war ein Knabe gezogen“, „Im König-Albert-Park“, „Praeludium Marsch“, „Concordia Marsch“, „Litilet Marsch“, „Jubiläums-Festmarsch“, „Festmarsch der vereinigten Militärvereine Leipzigs“ und der „Regimentsparademarsch der 133er Landwehr“. Die „Curthsche Kapelle“ ist eng mit der Leipziger Musikgeschichte im späten 19. und frühen 20. Jahrhundert verbunden, da ein Bericht zu seinem 25-jährigen Jubiläum als selbstständiger Musikdirektor darauf hindeutet, dass sein Orchester als das älteste Zivilorchester der Stadt wahrgenommen wurde. Die derzeit nachgewiesenen Spielorte der „Curthschen Kapelle“ – ehemals „Leipziger (Curthsches) Konzert-Orchester“, später „Curth-Fix-Orchester“, „Gustav-Curth-Blasorchester“ und „Gustav-Curth-Orchester“ – in Leipzig: Zoologischer Garten, Kuchengarten, Bonorand, Felsenkeller, Schlosskeller, Eiskeller-Park, Alter Gasthof Leutzsch/ Wahren, Etablissement Stadt Nürnberg, Sanssouci, Hotel de Pologne, Theater-Terrasse, Drei Linden, Drei Lilien, Kaiser Fiedrich, Burgaue, Schillerschlösschen, Waldmeister, Panorama, Wintergarten, Großer Festsaal Neues Rathaus, Balkon Altes Rathaus, Völkerschlachtdenkmal, Palmengarten, Musikpavillon im König-Albert-Park, Rennbahn im Scheibenholz, Tivoli, Battenberg, Centralhalle, Centraltheater, Leipziger Schauspielhaus, Schützenhaus, Neues Schützenhaus, Schützenhof, Krystallpalast, Alberthalle, Albertgarten, Deutsches Buchhändlerhaus, Marktplatz, 10. Deutsches Bundesschießen 1890, Sächsisch-Thüringische Industrie- und Gewerbeausstellung 1897 (STIGA), Mitteldeutsches Bundesschießen 1911, Internationale Baufach-Ausstellung 1913 (IBA), Internationale Ausstellung für Buchgewerbe und Grafik 1914 (BUGRA). Gustav Curth’s Verdienste (nachgewiesene Quellen u.a. aus dem Leipziger Tageblatt) Krystall-Palast. Allabendlich ist das Sommer-Varieté sehr zahlreich besucht und das derzeitige vorzügliche Künstler- Ensemble versteht es vortrefflich, die zahlreichen Besucher zu unterhalten. In Anbetracht seiner großen Verdienste um das Gelingen des Ganzen hat die Direktion dem Leiter der Theater-Capelle, Herrn Musikdirektor Gustav Curth, welcher nun seit einem Jahre den musikalischen Theil der Vorstellungen in zufriedenstellendster Weise leitet, eine Jahresbenefiz-Vorstellung bewilligt, und findet dieselbe, verbunden mit Doppelconcert u.s.w. am Montag, den 13. Juli, statt. [1] Krystall-Palast. Das seit mehreren Tagen angekündigte Jahres-Benefiz für den verdienstvollen Capellmeister Herrn Gustav Curth findet heute, Montag, im Sommer-Varieté statt. Die materiellen und künstlerischen Erfolge, welche das nun ständige Varieté-Theater im Krystall-Palast bisher zu verzeichnen hatte, sind zum großen Theil auch ein Verdienst des strebsamen Dirigenten der Theatercapelle, Herrn Curth, welcher stets mit unermüdlichem Fleiß die zahlreichen Proben leitete und durch peinliche Gewissenhaftigkeit jeder einzelnen Vorstellung zu vollem Erfolge verhilft. Wir sind überzeugt, daß es nur dieses Hinweises bedarf, um dem beliebten Capellmeister für heute ein volles Haus zu sichern. Verbunden mit dieser Benefiz-Vorstellung ist ein Doppel-Concert, gleichzeitig tritt der unverwüstliche Clown Charles Jigg mit seiner großartig dressirten Thiergruppe heute Montag zum letzten Male auf. [2] Das Jahres-Benefiz für den beliebten Capellmeister Herrn Gustav Curth, welches sich eines sehr zahlreichen Besuches erfreute, gestaltete sich zu einem Ehrenabend für denselben und wurde der Benefiziant durch Blumen- und Kranzspenden, sowie auch durch sonstige Ovationen ausgezeichnet. – heute verabschiedet sich das gegenwärtige beliebte Künstler-Personal. – Morgen tritt das neu engagirte Specialitäten-Ensemble zum ersten Male auf. Die vierte Familien-Vorstellung findet nächsten Freitag statt. [3] Kirchliche Nachrichten. Am 17. Sonntag nach Trinitatis wurden aufgeboten: Thomaskirche. […] 4) H. A. Fix, Kapellmeister in St. Blasien, mit P. M. Curth, Musikdirektors hier Tochter […] [4] Jubiläums-Ehrenabend für Kapellmeister Curth. Morgen Freitag, abends 8 Uhr, findet im Kristallpalast-Theater anläßlich seines 25-jährigen Dirigentenjubiläums ein Ehrenabend ohne Tabakrauch für den Kapellmeister Gustav Curth statt. Curth nimmt unter den Varieté-Kapellmeistern wohl mit den ersten Rang ein und gilt allgemein als einer der besten Vertreter seines Faches. Die bedeutendsten internationalen Künstler, welche in dem jeweiligen Dirigenten eine fast unerläßliche Stütze für ihre Darbietungen suchen, haben diese in Gustav Curth stets gefunden, und die große Zahl der internationalen Stars haben Curths Namen als Varietédirigent in allen Weltgegenden auf das beste bekannt gemacht. Möge ihm der morgige Abend, welcher gewiß reich an Ehrungen sein dürfte, durch ein volles Haus die Sympathie aller derer, welche Curth als Künstler und Mensch achten und schätzen, zum Ausdruck bringen. [5] Ehrenabend für Kapellmeister Gustav Curth im Kristallpalast-Varieté. Zur Feier seines 25-jährigen Dirigentenjubiläums hatte Kapellmeister Gustav Curth im Kristallpalast-Varieté gestern einen Ehrenabend, der ihm der Ehren viele brachte. Zeigte schon äußerlich das volle Haus die herzlichen Sympathien, die man dem bewährten Jubilar am Dirigentenpult in der Leipziger Bürgerschaft entgegenbringt, so waren die übrigen Auszeichnungen erst recht der vollgültige Beweis, daß man Gustav Curth schätzt und liebt. Sein Stuhl und Pult waren festlich bekränzt, und mit einem Tusch empfing die Kapelle ihren Dirigenten zu Beginn der Vorstellung. Gegen Ende des ersten Teils, während die wohlbekannten Klänge des Curthschen Jubiläums-Festmarsches erklangen, verwandelte sich die Bühne in einen wahren Lorbeer- und Blumenhain, und auf langer Tafel waren die Ehrengaben aufgebaut. Der Humorist des jetzigen Programms, Herr Nesemann, hatte die Aufgabe, namens der Direktion der Kristallpalast- Aktiengesellschaft, namens der Kapelle, der jetzt auftretenden Artisten usw. dem Jubilar die Glückwünsche auszusprechen und die Ehrengaben, gewaltige Lorbeerkränze, von der Kapelle einen silbernen Lorbeerkranz auf blauem Samtkissen, von den Artisten ein Spazierstock mit silbernem Griff usw., zu überreichen. Es war eine schöne und eindrucksvolle Ehrung, die Gustav Curth hier zuteil wurde, und sie war wohlverdient dem Künstler wie dem Menschen. [6] Ministerium des Innern. Se. Majestät der König hat noch folgende Auszeichnungen verliehen: […] und dem Musikdirektor Curth in Leipzig und dem Musiklehrer … Weiterlesen

Petition – Wiederherstellung der historischen Terrassen

Leipzig, die Stadt der Parks und Gärten, wird um eine Besonderheit reicher: Dank einer erfolgreichen Petition 2019 kehren die Terrassen am Ufer des vorderen Wasserbeckens zurück in den heutigen Clara-Zetkin-Park. Die Parkanlage war als König-Albert-Park, später Albert-Park, in der DDR nach sowjetischem Vorbild umgestaltet und in den Clara-Zetkin-Park umbenannt worden, das zum Verschwinden der Terrassen führte. Der Clara-Zetkin-Park schließt den Volkspark im Scheibenholz mit ein und gehört zu den Grünanlagen, die den südlichen und nördlichen Teil des Leipziger Auwaldes als grünen Korridor miteinander verbinden. Zusammen mit dem Johannapark, dem Leipziger Palmengarten und dem Klinger- und Richard-Wagner-Hain im Leipziger Westen bildet das Ensemble ein großes Kulturdenkmal, das im ausführlichen Denkmalverzeichnis vom Sächsischen Landesamt für Denkmalpflege als besonders schützenswert eingestuft wird (SächsDenkmSchG § 2, 1). Besonders hervorgehoben werden Vegetation und Gewässer, Wege und Plätze, Bauten und Skulpturen sowie topografische Besonderheiten. Alle einzelnen Bauwerke, Steinmale und sonstige Werke der bildenden Kunst und des Kunsthandwerks stehen zudem als Einzeldenkmale gesondert unter Denkmalschutz (SächsDenkmSchG § 2, 5, c). Wesentliche Wegebeziehungen, Sichtachsen und Gestaltungsbauten im Clara-Zetkin-Park sind auf die Sächsisch-Thüringische Industrie- und Gewerbeausstellung 1897 in Leipzig (STIGA) zurückzuführen. Die Stadt stellte damals eine 40 ha große Wald- und Wiesenfläche zwischen dem Bach- und dem Musikviertel am Elsterflutbett zur Verfügung und beteiligte sich finanziell an der gärtnerischen Ausgestaltung des Gesamtareals. Zur landschaftlichen Gestaltung des Geländes wurde ein Masterplan vom Königlich Sächsischen Baurat, Arwed Rossbach, erarbeitet. Ein Konsortium ausgewählter Architekten realisierte den Bau der zuvor festgelegten Ausstellungsbereiche. Dabei wurde darauf geachtet, dass die Anlagen parkartigen Charakter behielten. Ursprünglich gehörten die Terrassen beidseitig am Ufer des Wasserbeckens zum Ausstellungspark und waren ebenso ein Teil der Parkanlage bei der Umgestaltung zum damaligen König-Albert-Park. „Wenn dann nach einem Jahre voll Glanz und Jubel und Triumph die stolzen Paläste gesunken und dem Erdboden gleichgemacht sein werden und keine hindernde Schranke mehr den freien Zutritt wehrt, wenn Jung und Alt, Arm und Reich sich in den herrlichen Anlagen ergeht, um fern und doch nah bei der Stadt geschäftigem Getriebe in freier, frischer Luft Erquickung zu suchen, dann wird die Erinnerung an die Ausstellung, die Schöpferin dieses zum Gemeingut gewordenen Erholungsplatzes, neu aufleben in den Herzen der genießenden Bürger und man wird dankbar preisen ihr Vermächtnis – das Gebliebene.“ Leipziger Ausstellungszeitung Nr. 101, 1. November 1896. Die Wiederherstellung der historischen Terrassen ist ein bedeutender Schritt in der Denkmalpflege, weil die grundhafte Sanierung der Parkanlage und ihrer baulichen Anlagen, wie dem Wasserbecken an der Anton-Bruckner-Allee, wichtige Entwicklungsziele der Stadt sind. Der Clara-Zetkin-Park ist ein Kulturdenkmal, das aus über 100 Jahren künstlerischer Garten- und Landschaftsgestaltung besteht und städtebauliche Bedeutung hat. Daher gibt es ein öffentliches Interesse an ihrem Schutz und ihrer Pflege. Zum Online-Artikel: https://www.l-iz.de/politik/brennpunkt/2019/01/Die-Wiederherstellung-der-Terrassen Beschlussvorlage Nr. VI-P-05928-DS-03 am 13. Februar 2019 einstimmig im Stadtrat beschlossen: „Die Wiederherstellung der historischen Terrassen ist Inhalt der Denkmalpflegerischen Zielstellung. In den Jahren 2023 bis 2026 werden schrittweise Planungs- und Sanierungsmaßnahmen durchgeführt. Die Bepflanzung wird entsprechend den Vorgaben der Zielstellung verändert. Die Finanzierung erfolgt über das Förderprogramm „Zukunft Stadtgrün“ in Höhe von 430.000,00 €. Folgende finanziellen Mittel sind für diesen Bereich in den Jahren 2023 bis 2026 vorgesehen:2023 – 50.000,00 €2024 – 150.000,00 €2025 – 150.000,00 €2026 – 80.000,00 €. Ein konkreter Zeithorizont für die Umsetzung der einzelnen Maßnahmen kann erst nach Erstellung der Planung gegeben werden. Die Finanzierung der Planung ist Bestandteil des Budgets ab 2023.“ * Anmerkung: Bei einem Akteurstreffen Clara-Zetkin-Park und Johannapark am 28. April 2023 im Rahmen der Unser Park–Kampagne unter der Leitung von Amtsleiter Rüdiger Dittmar wurde mitgeteilt, dass die Obere Denkmalschutzbehörde in Dresden der Wiederherstellung der historischen Terrassen im Clara-Zetkin-Park ablehnend gegenübersteht. Die Gründe werden hierzu gesondert mitgeteilt. Eine offizielle Begründung liegt aktuell nicht vor. Vgl. Landesamt für Denkmalpflege Sachsen. Clara-Zetkin-Park, in: Ausführliches Denkmalverzeichnis. OBJ-Dok-Nr. 09295784, Stand: 7. März 2012. StadtAL, Kap. 75 A Nr. 33 Bd. 2, Die Industrie und Gewerbeausstellung in Leipzig im Jahr 1897, in: Leipziger Ausstellungszeitung Nr. 101 vom 1. November 1896. Das Bleibende, S. 134.

Gespräch mit Experten – Sebastian Ringel zum Wandel der Vorstädte

Sebastian Ringel ist ein erfahrener Stadtführer und Autor. Nachdem er sich bereits den verlorenen Häusern der Leipziger Innenstadt gewidmet hat, richtet er nun den Blick auf ein mehr als zehn Quadratkilometer großes Areal zwischen der Innenstadt und den eingemeindeten Dörfern – das so genannte Alt-Leipzig. In seinem neuesten Buch beschreibt er verlorene und identitätsstiftende Orte der Leipziger Vorstädte, die im Laufe der Zeit verschwanden und schafft damit ein Kompendium der ehemaligen Gartenanlagen, Ausfluglokale und Kulturstätten, aber auch ganzer Landschaften mit Seen und Flussläufen. Herr Ringel, Ihr neues Buch beschäftigt sich mit der Entwicklung der historischen Leipziger Vorstädte und behandelt 300 verlorene Orte. Was hat Sie dazu inspiriert, sich mit diesem speziellen Thema auseinanderzusetzen? Nachdem ich bereits die Innenstadt durchforstet habe, war das nächstliegende Thema, die daran anschließenden Vorstädte. Interessant erschienen mir aber auch die landschaftlichen Veränderungen in diesem zentralen Bereich der Stadt – die Überbauung der Bürgergärten, die Umgestaltung des Binnendeltas und die Urbarmachung der Grünflächen. Die Vorstädte von Leipzig haben im Laufe der Zeit erhebliche Veränderungen durchgemacht. Welche stadtplanerischen Zielsetzungen und Motive des Verschwindens haben Sie während Ihrer Recherchen identifiziert? Bis in die 1830er Jahre hinein war Leipzig eine überaus übersichtliche Kleinstadt, die sich bis dato kaum ausgedehnt hatte. Dies galt allerdings für fast alle heutigen Großstädte in jener Zeit. Erst mit der Abschaffung des Torgroschens und der wenige später erfolgten rechtlichen Gleichstellung der Vorstadtbewohner änderten sich die Verhältnisse und zwar grundlegend. Denn von nun an zog die Einwohner nicht mehr wie in den Jahrhunderten zuvor in die Innenstadt, sondern sie drängten aus dieser heraus, da sie sowohl ihre Schutzfunktion als auch ihre rechtliche Vorrangstellung verloren hatte. Zugleich boten die nun entstehenden neuen Vorstädte jede Menge Raum und damit auch Komfort. Zunächst wurden für deren Anlage die Acker- und Wiesenflächen genutzt. Das Areal der alten Vorstädte geriet jedoch ab den 1860er Jahren zunehmend in den Fokus der Investoren, da diese nun im zentralen Bereich der Stadt lagen. Als besonders lukrativ galten die Grundstücke am Ring, der auf Grund seiner Breite dem Repräsentationsbedürfnis der neu gegründeten Versicherungsgesellschaften, Großbanken oder Luxushotel entsprach. Bereits vor dem Ersten Weltkrieg waren die allermeisten der hier stehenden Altbauten ersetzt worden. Viele der an selber Stelle errichteten Neubauten wurden dann während des Zweiten Weltkriegs zerstört. In Ihrem Buch sprechen Sie von „verlorenen Orten“ in den Leipziger Vorstädten. Könnten Sie einige dieser Orte hervorheben und uns erzählen, welche Bedeutung sie in der Geschichte Leipzigs hatten? Zwar wurden bis ins frühe 19. Jahrhundert oft nur einfache Bauten in den Vorstädten errichtet, nichtsdestotrotz existierten auch in der älteren Geschichte wichtige Gebäude hier. Dazu zählen beispielsweise die Mühlen der Stadt oder die Wasserkunst, die einen wesentlichen Teil der Infrastruktur der Stadt abbildeten. Aber auch die Hospitäler gehören dazu und nicht zuletzt die Johanniskirche, das über lange Zeit einzige Gotteshaus außerhalb der Mauern. Im 19. Jahrhundert entstanden dann aber auch diverse Kulturstätten, wie das Neue Theater, der Krystallpalast oder das Centraltheater viele große öffentliche Bauten, wie die Hauptpost oder das Buchhändlerhaus, die allerdings alle während des Zweiten Weltkriegs zerstört wurden. Das Buch enthält auch umfangreiches Kartenmaterial, um die Entwicklung der Vorstädte zu veranschaulichen. Wie haben Sie diese Karten ausgewählt, und welche Erkenntnisse können Leser aus dieser visuellen Darstellung ziehen? Ausgangspunkt ist das Jahr 1860. Die Karten habe ich extra für dieses Buch angelegt. Sie zeigen die Veränderungen im Stadtbild in sechs verschiedenen Abschnitten auf, so dass ein guter Vergleich zwischen den einzelnen Zeitabschnitten möglich und die Entwicklung der Vorstädte nachvollziehbar ist. Sie halten Vorträge zu diesem Thema. Wie behandeln Sie die Geschichte der Leipziger Vorstädte der letzten 160 Jahre? Welche Schlüsselmomente haben Ihrer Meinung nach die größten Auswirkungen auf die Entwicklung gehabt? Zum einen geht es mir darum nicht mehr vorhandenen Gebäude aus der Leipziger Vergangenheit vorzustellen, ich versuche aber auch die Entwicklung der Stadt, anhand der gewählten Beispiele nachzuzeichnen. Die Sächsische Revolution von 1830/31 ist dabei sicherlich der entscheidendste Wendepunkt in der Stadtgeschichte, wobei das heutige Stadtbild in Folge auch durch andere Ereignisse geprägt wurde, wie den Zweiten Weltkrieg oder die Hinwendung zur sozialistischen Moderne Sie verwenden historische Fotografien und aktuelle Aufnahmen, um die Entwicklung der Vorstädte zu veranschaulichen. Welche besonderen Geschichten oder Ereignisse werden Sie in Ihrem Vortrag hervorheben, um den Zuhörern einen Einblick in die faszinierende Geschichte dieses Gebiets zu bieten? Ich muss zugeben, dass ich recht spontan bin, wenn es um das Erzählen kleinerer Episoden oder Ereignisse geht. Es kommt auch immer darauf an um was für eine Art von Vortrag es sich handelt. Meist versuche ich auf die Bauten oder Ereignisse einzugehen, die in direkter Umgebung zum jeweiligen Veranstaltungsort liegen oder die thematisch passen. Die Umgestaltung der Leipziger Vorstädte hat sowohl Gebäude als auch ganze Landschaften betroffen. Für Sie als Stadtführer und Autor, welche Erkenntnis haben Sie aus Ihrer Arbeit gewinnen können? Besonders bemerkenswert finde ich mit welchem Aufwand das Flusssystem umgestaltet wurde. Ebenso erstaunlich ist, das alle alten Bürgergärten Alt-Leipzigs bereits im frühen 20. Jahrhundert komplett überbaut worden sind. Anderseits ist Leipzig heute eine Stadt in der, insbesondere westlich des Stadtkerns, noch große naturbelassene Räume existieren, also nicht nur Parkanlagen, sondern auch Wald- und Auwaldflächen. Dies allerdings ist nicht zuletzt der Tatsache zu verdanken, dass Leipzig nach 1930 über sieben Jahrzehnte nicht mehr gewachsen ist. Mehr erfahren Sie in meinem Buch, in Vorträgen oder während meinen Stadtführungen. Aktuelles: www.sebastian-ringel.de

Hausarbeit zur Wohltätigkeit am Beispiel Hermann Julius Meyer

Patrick Schoppa widmet sich in seiner Hausarbeit der Leipziger Stiftungsgesellschaft im 19. Jahrhundert am Beispiel von Hermann Julius Meyer, denn obwohl Meyer einer der prominentesten Stifter seiner Zeit war, sind seine persönlichen Motive noch weitestgehend unbekannt geblieben. Die Arbeit untersucht die Motive für sein bürgerliches Handeln und nutzt dazu verschiedene Quellen historischer Werke und der Primärliteratur, um Meyers Persönlichkeit und Beweggründe zu erforschen. Ebenfalls werden die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen für wohltätiges Handeln im 19. Jahrhundert im Allgemeinen und die spezifischen Umstände in Leipzig analysiert. Die Arbeit betont aber auch, dass noch weitere interdisziplinäre Untersuchungen notwendig sind, um Meyers Motive besser zu verstehen. 1 Inhaltsverzeichnis 2       Einleitung. 1 3       Bürgerliche Wohltätigkeit im 19. Jahrhundert. 3 3.1        Gesetzlicher Rahmen. 3 3.2        Welche Motivation gab es für Wohltätigkeit?. 5 4       Sozialer Wohnungsbau in Leipzig. 9 5       Hermann Julius Meyer. 12 5.1        Erziehung/Familie/Persönlichkeit. 12 5.2        Meyer im Kontext seiner Zeit. 14 5.3        Politische Ausrichtung. 19 6       Fazit. 20 7       Literaturverzeichnis. 22 8       Quellenverzeichnis. 24 9       Selbständigkeitserklärung. 25 2 Einleitung Das 19. Jahrhundert war geprägt von gesellschaftlichen Umbrüchen, Demokratisierungswellen, Kriegen, Restauration, Repressionen und dem Aufkommen einer politischen Öffentlichkeit. Besonders aber wurde das 19. Jahrhundert geprägt von einer nach Einfluss strebenden Gesellschaftsschicht: dem Bürgertum. Dass es kein geeinigtes Bürgertum gab, zeigt die Forschung [1] und der Begriff soll auch nicht Gegenstand dieser Arbeit sein. Wohl aber soll ein Aspekt der bürgerlichen Gesellschaft des 19. Jahrhunderts in Leipzig genauer untersucht werden, und zwar das Stiftungswesen. Im konkreten Fall der vorliegenden Arbeit lautet die Forschungsfrage: Das städtische Stiftungswesen am Beispiel von Hermann Julius Meyer. Welche Motive hatte er und wie lassen sie sich einordnen? Als Standardwerke für das Finden des Themas und Formulieren der Forschungsfrage dienten die 2018 erschienene Geschichte der Stadt Leipzig. Von den Anfängen bis zur Gegenwart von Susanne Schötz und das 2015 erschienene Gemeinschaftswerk von Thomas Adam, Stefan W. Krieg, Sächsisches Wirtschaftsarchiv e.V.: Max Pommer. Architekt und Betonpionier. Diese beiden Werke geben einen guten Einblick in die Gesellschaft Leipzigs im späten 19. Jahrhundert und vor allem viele Informationen zur Stiftung für die Erbauung günstiger Wohnungen, dessen Gründungshintergründe und Motivation des Stifters Hermann Julius Meyer im Nachfolgenden behandelt werden soll. Ferner steht die Erforschung von Wohnstiften allgemein und in Leipzig noch am Anfang, was durch die Arbeiten von Thomas Adam und die Studie von Karina Lau Das bürgerliche Leipziger Stiftungswesen im 19. Jahrhundert (2015) gezeigt werden soll. Die konkrete Frage nach der Motivation Hermann Julius Meyers, einen Wohnstift zu gründen, wurde nicht ausreichend in der Forschung behandelt. Zwar ist die Stiftung zur Erbauung billiger Wohnungen [2] Gegenstand der Stiftungsforschung [3], jedoch wird die Absicht bzw. das Motiv von H.J. Meyer wenig diskutiert. Thomas Adam arbeitet in seinem Aufsatz Stadtbürgerliche Stiftungskultur und die Ausformung sozialer Distinktionen in amerikanischen, deutschen und kanadischen Städten des 19. Jahrhunderts die Motivation Meyers heraus [4], jedoch sehr rudimentär und einseitig. Im Folgenden wird der Leser und die Leserin feststellen, dass es durchaus Kontroversen in der Stiftungsforschung gibt. [5] Aufgrund der fehlenden Präsenz Hermann Julius Meyers in der derzeitigen Geschichtsforschung hat sich der Verfasser mit Primärliteratur, wie  die zweibändige Aufsatzsammlung Die Wohnungsnoth der ärmeren Klassen und Vorschläge zu deren Verbesserung des Vereins für Socialpolitik aus dem Jahre 1886 beschäftigt. Diese zwei Bände sind eine Momentaufnahme der Wohnungsnot in deutschen Großstädten, sowie zeitgenössische Vorschläge zu deren Verbesserung. Das Werk bietet sehr viele Inhalte bezüglich bürgerlicher Wohltätigkeit und  Weltanschauung, was auch unmittelbar mit H.J. Meyer in Verbindung steht. Um sich jedoch der Geisteswelt und eventuellen Motiven Meyers annähern zu können, waren persönliche Schriftzeugnisse erforderlich. Die folgende Arbeit basiert daher auf Quellen aus dem geografischen Archiv des Leibnizinstituts und vor allem aus dem Sächsischen Wirtschaftsarchiv e.V., wo die Stiftung Meyer`sche Häuser ihre Akten archiviert hat. Die vorliegende Arbeit ist so gegliedert, dass von der Makro- in die Mikroebene die Frage nach der Motivation Meyers durchdrungen werden soll. Im konkreten Beispiel werden die bürgerliche Weltanschauung und die Rahmenbedingungen für Wohltätigkeit untersucht. Da von renommierten Historiker/innen bereits eine umfangreiche Analyse bezüglich wohltätiger Motive im 19. Jahrhundert besteht, werden diese im Kapitel 3 zusammengefasst und im Anschluss die Leipziger Situation dargestellt. Im letzten Teil wird versucht, anhand der verwendeten Literatur und Quellen ein Profil von Hermann Julius Meyer zu erstellen und daraus Motive für sein Handeln abgeleitet. Im Fazit wird nochmal die Forschungsarbeit von anderen Historiker/innen zusammengefasst, die eigenen Erkenntnisse zu Meyers Motiven dargestellt und einen Ausblick auf zukünftige Forschungsarbeit gewährt bzw. die Forschungslücken aufgezeigt. 3 Bürgerliche Wohltätigkeit im 19. Jahrhundert In der Forschung werden mittlerweile Begriffe wie Mäzenatentum und Philanthropie voneinander unterschieden. [6] Für diese Arbeit ist es wichtig, dass sich der Verfasser mit sozialer Philanthropie befasst und sich von dem Begriff des Mäzenatentums abgrenzt. Bezüglich der vorangegangenen Begrifflichkeiten aber auch der Gesellschaftsforschung zu Leipzig im 19. Jahrhundert bezieht sich der Verfasser dieser Arbeit zu großen Teilen auf die Arbeiten von Thomas Adam, der sich ausgiebig mit bürgerlicher Wohltätigkeit – sowohl in Europa als auch in Amerika – auseinandergesetzt hat. Ferner gibt es eine Studie zu stadtbürgerlicher Stiftungskultur in Leipzig von Karina Lau, die Adam rezipiert aber einige Aussagen widerlegt. 3.1 Gesetzlicher Rahmen Wohltätiges Handeln und vor allem Stiften hat in den privilegierten Gesellschaftsschichten lange Tradition. Während im Mittelalter und der frühen Neuzeit für das eigene Seelenheil gestiftet wurde, lassen sich für das 19. Jahrhundert differenziertere Absichten ausmachen. Auch die Armenfürsorge war vor der Reformation hauptsächlich kirchlich organisiert und nach Säkularisierung ist sie fortschreitend in den kommunalen und privaten Verantwortungsbereich übergegangen. Im Folgenden wird kommunale Wohlfahrtspraxis betrachtet, da der Verfasser der Meinung ist, dass die private Armenfürsorge und die Motivation dafür mit der kommunalen Entwicklung in Leipzig im Zusammenhang stehen. Die öffentliche Armenpflege in Leipzig lag zwischen 1804 und 1880 in der Hand „patriotischer Männer“. [7] So wurde im Jahre 1803 ein Armendirektorium gegründet, welches ein unabhängiges Kolloquium von Ratsmitgliedern war und eigenständig agieren konnte. [8] Damit geriet die Armenfürsorge in bürgerlich/ständische Hand. Dieses Direktorium erhob wohltätige Spenden zur Bürgerpflicht und verhängte, ohne rechtliche Grundlage, Bußgelder bei Nichtzahlung ohne triftigen Grund. [9] Die Zeit des Vormärz sorgte dafür, dass die Monarchie der Bevölkerung Zugeständnisse machen musste.  Ein weiterer Schritt in Richtung … Weiterlesen

Aus der Presse – Charlottenhof im Dienste der Wohltätigkeit

Zwei sonnige glückliche Tage waren am vergangenen Freitag und am Montag unseren braven verwundeten Kriegern im Charlottenhof beschieden. Herr Robert Gullmann nebst seiner Gattin hatten es sich nicht nehmen lassen, den in der Stöhrschen Fabrik und im Lindenauer Diakonissenhause untergebrachten verwundeten Soldaten ein paar vergnügte Stunden in ihrem prächtigen Charlottenhof zu bieten. Erregte der herrliche Park mit seinen schönen Anlagen, seinen malerischen Bauten, Terrassen und Grotten und mit seinen großen Seen an und für sich schon große Bewunderung bei den vielen von weither kommenden Soldaten, so erhöhte sich deren Freude und Begeisterung, als Herr Gullmann seine „feldgrauen lieben Gäste“ mit Kaffee und Kuchen, Zigarren und Zigaretten und später mit einem Abendessen bewirtete und schließlich noch mit vielen Andenken und Postkarten vom Charlottenhof beschenkte. Das schmucke Königsboot sowie die vielen neuen Gondeln standen selbstredend den Verwundeten ebenfalls zur freien Verfügung, und es war eine Lust zu sehen, wie unsere tapferen Krieger fröhlich dem Wassersport betrieben und sich einander im Wettrudern den Rang streitig zu machen versuchten. Für weitere Unterhaltung sorgten ferner das ausgezeichnete Musikkorps des Landwehr-Ersatz-Bataillons Nr. 106 unter der schneidigen Leitung des Korpsführers Fritz Heise, sowie die beliebte Münchner Schrammel-Musikkapelle in Nationaltracht. Die lustigen und vaterländischen Weisen fanden ein dankbares und aufmerksames Publikum. Mit Autos und Extrawagen der Großen Leipziger Straßenbahn kehrten die Verwundeten in ihre Pflegestätten zurück, sicher in dem Bewußtsein, daß die Daheimgebliebenen jederzeit ihren tapferen und mutigen Leistungen Dank und Anerkennung zu zollen wissen. Charlottenhof im Dienste der Wohltätigkeit, in: SLUB Dresden. Leipziger Tageblatt und Handelszeitung. Frühausgabe vom 9. Juni 1915, S. 9.

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