Aus der Presse – Erinnerung an Altleipziger Biergärten
Die Promenaden sind der liebliche Schmuckgürtel unserer Stadt, dessen Entstehung bis zu Anfang des achtzehnten Jahrhunderts zurückgeht. Damals pflanzte man die Allee von der Thomaskirche bis zum Barfußgäßchen (heute Wünschmannhof), und später bis zum Alten Theater. Der „niedere Park“ (am Hauptbahnhof) ist die Schöpfung jenes Bürgermeisters und Kriegsrates Müller, der in der Johannisgasse ein künstlerisch verschöntes Haus führte und einstmals zu den Verehrern der Corona Schröter gehörte. Berühmter noch als die Promenaden sind die herrlichen Gärten gewesen, die den Kern der Stadt umgaben: der Bosesche, der Gerhardsche, der Apelsche, wie man sie auf dem Hohmannschen [Homannsche Erben] Stadtplane von 1749 erkennen kann. Alle Fremden waren entzückt von diesen Anlagen, die zum Teil in strengem französischem Stile angelegt waren. Dem Leipziger ist von jung auf die Liebe zu Gärten eigen gewesen, die teils künstlich verziert, teils frei natürlich angeordnet waren. Und so kann es nicht wunder nehmen, wenn er bei seinen Spaziergängen auch unter grünen Wipfeln Einkehr zu suchen pflegte, um sich dort bei Speise und Trank zu erquicken. Solcher trauter Bier- und Kuchengärten gab es namentlich in der Biedermeierzeit und noch später recht viele. Wir wollen nicht reden von den entfernteren, wie der durch halb sagenhafte Episoden vom alten Dessauer geschmückten Gosenschenke zu Eutritzsch, oder von der Gohliser Oberschänke, wo Robert Schumann Markobrunner trank und der alte Roderich Benedix Stammgast war, auch nicht von dem großen Kuchengarten in der späteren Ranstschen Gasse, den Goethe erwähnt hat, weil er dort, vor den Meßfremden flüchtend, vergnügte Stunden verbrachte, und nicht von der Güldenen Aue zu Sellerhausen, wo der große Dichter später geweilt hat. Vielmehr wollen wir uns an Gärten erinnern, die dem Inneren der Stadt näher lagen. Es gibt mehrere Beispiele für Alt-Leipziger Biergärten aus Leipzig und seinen Vororten. Das Schönste, was Leipzig zu bieten hatte, das war wohl die Insel Buen Retiro in Schimmels Teich. Sie lag unweit des jetzigen Gewandhauses, und der Schimmelsche Teich gehörte zu einem ganzen Kranze weidenumbüschter Weiher, zwischen denen sich noch ein Netz von Flußläufen und toten Wasserarmen hinzog. Wo jetzt das Konzertviertel sich ausbreitet, da haben unsere Väter noch sumpfige Niederungen gesehen, in denen vielfach geschlängelt die „alte“ Pleiße sich verlor und die blanken Teiche mächtige Schwarzpappeln spiegelten. Am Floßplatze begann das Schimmelsche Gut, und durch dieses ging der Weg über die noch nicht von Mauern eingefaßte „neue“ Pleiße nach dem großen Teiche und der reizenden Gartenwirtschaft auf der Insel hinüber. Dort war auch lange Jahre der Schauplatz des historischen Fischerstechens. Schon für einen Dreier konnte man dem berühmten Wasserturnier zusehen. Das Lied „Auf dem Dache sitzt ein Greis, der sich nicht zu helfen weiß“ soll da draußen entstanden sein in Erinnerung an eine große Ueberschwemmung. Ein beliebter Spaziergang führte nach dem Pfaffendorfer Fettviehhofe, wo der alte Pinkert seiner Gartenwirtschaft Reiz verlieh, indem er etliche Affen im Käfige hielt. Der Tierbestand ward durch andere Tiere bereichert, und somit der Grund gelegt zu dem heutigen Zoologischen Garten an gleicher Stelle. Die „Kalte Madam“ war im Rosenthale bei Kintschy, heute Schweizerhäuschen genannt nach einem Schweizer Zuckerbäcker. Von Bonorand, wo einst Eduard Strauß große Konzerte gab, ist nichts Neues zu sagen. Die vornehme Welt kam, von magisch leuchtenden Milchglaslampen bestrahlt, stets gerne dort zu Gaste. Mehr aufs Bürgerliche war der schöne Garten von Cajeri gestimmt an der Stelle des heutigen Zentraltheaters, unmittelbar an der Pleiße. Hochgepriesen wurden die dortigen Riesenportionen von Leipziger Allerlei mit Krebsnasen zu einem Preise, der uns heute lächerlich gering anspricht.Im Süden, beträchtlich weiter entfernt, lag das Gosenthal am Eingange der heutigen Kaiser-Wilhelm-Straße, und nahe dabei der Kuchengarten der Brandbäckerei. Außerordentlich beliebt war der Kunzesche Garten in der Johannisgasse mit Durchgang nach dem Grimmaischen Steinwege. Ein recht gemütliches Familienlokal! Nur war dem Wirte verboten, im Garten musizieren zu lassen in Rücksicht auf das benachbarte Triersche Institut, die Entbindungsanstalt der Universität. Am Eingange der Nordstraße lag der Forkelsche Garten, im Inneren der Stadt grünte ein nettes Hofgärtlein am Thomaskirchhofe (heute Oberpollinger, aber nicht mehr als Gartenwirtschaft im Betrieb). Die Theaterterrasse wird auch nicht mehr bewirtschaftet, obwohl sie ein ideales Plätzchen war und die dortigen Konzerte vielen Zuspruch fanden. Und so ist nahe dem Stadtkern eigentlich nur der Panoramagarten zu nennen, zu dem sich die hübsche Anlage auf dem Naschmarkt, der Vorraum des Burgkellers, gesellt, wo der junge Goethe auf seinem Postamente träumt von den alten Zeiten, da man in Leipzig noch unter Maulbeeren lustwandelte. Von P. D. Altleipziger Biergärten, in SLUB Dresden: Leipziger Tageblatt und Handelszeitung vom 8. Juli 1921. Frühausgabe, S. 5.