Ein persönlicher Blick auf den Botanischen Garten in Leipzig

Als Biologe beschäftigte ich mich in der Vergangenheit hauptsächlich mit Pflanzen, ihrer Vielfalt und Ökologie in ganz unterschiedlichen Kontexten. Ich bin fasziniert von der Natur, mit all ihren Facetten. Nach dem Studium hatte ich berufliche Stationen im tropischen Küstenregenwald Brasiliens, aber auch im Leipziger Auwald. Zuletzt war ich regelmäßig in den Baumkronen am Leipziger Auwaldkran zu finden. Bei meiner Arbeit im Leipziger Auwald wurde ein Kontext in meinen biologischen und ökologischen Betrachtungsweisen immer wichtiger und zentraler: der Mensch und sein historischer Einfluss auf diesen heute so wichtigen und artenreichen Wald. Diesen anthropogenen Einfluss auf das Ökosystem zu kennen, ist wichtig, um das heutige Waldbild aus Eichen, Eschen und vielen weiteren Baumarten zu verstehen, aber auch, um die richtigen Schlüsse für den zukünftigen Umgang mit diesem Auwald und der Leipziger Aue zu ziehen. Hier, im Leipziger Auwald, hatte ich somit meine ersten beruflichen Anknüpfungspunkte mit einem Teil der Stadtgeschichte – denn Leipzig ist und war immer eine Auwald-Stadt. Seit nunmehr reichlich drei Jahren findet man mich tagsüber im Botanischen Garten der Universität Leipzig zwischen der Linnéstraße und der Johannisallee. Auch hier steht die Pflanze, oder eher unsere lebende Pflanzensammlung mit rund 6.300 Arten, im Mittelpunkt unserer Arbeit. Wir möchten den Botanischen Garten heute als einen Ort des gesellschaftlichen Austauschs, der erlebbaren Wissenschaft und des Lernens weiterentwickeln. Doch auch hier im Botanischen Garten wird mir zunehmend die historische Bedeutung dieser Institution bewusst. Bitte verzeihen Sie mir diese, vor allem für Historiker*innen etwas naiv klingende Beschreibung dieses Erkenntnisgewinns, aber als Naturwissenschaftler lebte ich vielmehr im Hier und Jetzt. In der heutigen Welt großer Veränderungen und gesellschaftlicher Herausforderungen beschäftigen wir uns auch im Botanischen Garten mit Klimawandel und Klimaanpassung, mit Nachhaltigkeit, mit Artenstreben und Artenschutz, um nur einige Aspekte zu nennen. Schaut man rückblickend von diesen aktuellen Themen in die Geschichte des Botanischen Gartens, wird besonders deutlich, welche unterschiedliche Bedeutung und Funktion ein solcher Garten für die Universität, aber auch für die Stadtgesellschaft in den unterschiedlichen Epochen hatte. Der Botanische Garten der Universität Leipzig ist der älteste seiner Art in Deutschland und gehört, gemeinsam mit den Gärten in Pisa, Padua und Florenz, zu den ältesten in Europa. Die Ursprünge des Botanischen Gartens reichen bis ins Jahr 1542 zurück, als das Dominikanerkloster St. Pauli samt Apothekergarten an die junge Universität Leipzig überschrieben wurde. Kurze Zeit später, bereits 1580, wurde der Garten Teil der universitären Lehre und Forschung, als Moritz Steinmetz zum ersten Präfekten ernannt wurde. In seiner über 450-jährigen Geschichte wurde er dreimal innerhalb Leipzigs verlegt, bevor er 1877 seinen heutigen Standort in der Linnéstraße fand. In der Geschichte sehr viel besser bewanderte Personen als ich können sehr schnell überblicken, welche Zeiten der Botanische Garten als Institution „miterlebt“ hat. Was mich hier vor allem interessiert, ist die Einbettung des Botanischen Gartens in eine sich immer wieder ändernde Universitäts- und Stadtgesellschaft. Die unterschiedlichen Zeiten sind ganz maßgeblich mit vielen herausragenden Wissenschaftlern verbunden und es macht ehrfürchtig, ihre Namen und wissenschaftlichen Leistungen in der langen, seit 1580 geführten Liste von Direktorinnen und Direktoren des Botanischen Gartens zu entdecken. Doch auch die vielen „kleinen“ Geschichten rund um den Botanischen Garten interessieren mich. Fragen der Finanzierung des Gartens, des gesellschaftlichen Austauschs, der Verflechtungen mit anderen Leipziger Institutionen und vieles mehr gehören für mich dazu. Hier gibt es sicher auch in Zukunft noch viel Geschichtliches zu entdecken und zu erforschen. Im Jahr 2027 (!) feiert der Botanische Garten seinen 150. Geburtstag am heutigen Standort und 2042 werden wir auf eine 500-jährige Geschichte zurückschauen. Beides sind für mich wichtige Anlässe, weiter in die Geschichte des Gartens einzutauchen und mich mit ihr zu beschäftigen. Dabei bin ich bei weitem nicht der einzige, der sich für diese interessiert, das verdeutlichen viele Gespräche mit geschichtsbegeisterten Menschen, sowohl hier im Botanischen Garten als auch in der Stadtgesellschaft. Dabei ist die Geschichte des Botanischen Gartens der Universität Leipzig auch ein wichtiger Teil der Park- und Gartengeschichte der Stadt. Das Interesse für dieses Leipziger Grün ist sehr hoch, wie beispielsweise das Buch „BÜRGER GÄRTEN PROMENADEN – Leipziger Gartenkultur im 18. und 19. Jahrhundert“ von den beiden Herausgeberinnen Nadja Horsch und Simone Tübbecke zeigt. Aber auch die noch bis zum 28. Februar 2025 laufende Ausstellung zur Blütezeit des Leipziger Palmengartens ist Ausdruck des Interesses von Menschen, die sich mit unserer Gartenkultur in Leipzig beschäftigen. Vielleicht sind die beiden oben genannten Jubiläen auch ein Anlass, sich mit unserer Geschichte näher auseinanderzusetzen. Der Botanische Garten heute Die Modernisierung der Gewächshäuser von 1998 bis 2001, die Neugestaltung vieler Freilandbereiche und die wachsende Bedeutung der Biowissenschaften an der Universität stärkten in jüngster Zeit die Rolle des Botanischen Gartens. Mit der Gründung des Deutschen Zentrums für integrative Biodiversitätsforschung (iDiv) im Jahr 2012 wuchsen die Anforderungen an eine zeitgemäße Infrastruktur. Dies führte zum Bau eines modernen Forschungsgewächshauses, das heute hochmoderne Experimente ermöglicht. Der Garten spiegelt mit seiner bewegten Geschichte die wissenschaftliche und kulturelle Identität der Universität und der Stadt Leipzig wider. Als „Garten der Vielfalt“ widmet er sich auch heute der Pflege und Weiterentwicklung seiner Pflanzensammlung, die vor allem der Forschung, Lehre und dem gesellschaftlicher Dialog dient. Seit jeher ist der Botanische Garten ein öffentlich zugänglicher Ort, an dem Forschung und Wissen sichtbar gemacht werden. Die Außenanlagen können kostenfrei besucht werden und ziehen jährlich über 150.000 Menschen an. Besucher:innen entdecken die Vielfalt und Schönheit der Pflanzenwelt und lernen in einem vielfältigen Veranstaltungs- und Bildungsprogramm Neues über die Natur. In Zusammenarbeit mit dem Förderkreis des Botanischen Gartens e. V. bietet der Garten Formate wie den „Botanischen Salon“, Workshops und Schulungen, Bürgerwissenschaftsprojekte oder Kunstprojekte an, die einen Dialog auf Augenhöhe fördern. Ziel ist es, Besucher:innen nicht nur zu informieren, sondern sie auch aktiv einzubinden. Ergänzt wird das Angebot durch eine breite Medienpräsenz, digitale Angebote und die Botanikschule mit einem Programm für Schulklassen der Leipziger Schulen. So schafft der Garten heute eine lebendige Verbindung zwischen Wissenschaft und Gesellschaft. Der veröffentlichte Text erschien im Lotterbrief 14 | Januar 2025, Seite 34 ff., der Hieronymus-Lotter-Gesellschaft zur Förderung des Stadtgeschichtlichen Museums Leipzig e.V. (HLG). Abonnieren Sie den Lotterbrief unter www.lotter-gesellschaft.de/wir-ueber-uns/lotterbrief. © 2024 is licensed under CC BY-NC-SA 4.0 Namensnennung … Weiterlesen

Gespräch mit Experten – Rolf Engelmann zum Botanischen Garten in Leipzig

Rolf Engelmann ist seit 2021 als Koordinator für Wissenstransfer im Botanischen Garten der Universität Leipzig tätig. Mit einem Studium zum Biologen in Halle und Leipzig bringt er fundiertes Fachwissen und eine Leidenschaft für die verständliche Vermittlung von Wissenschaft mit. Sein Fokus liegt darauf, den Botanischen Garten als lebendigen Ort des Austauschs und Lernens zu gestalten. Hier schafft er Bildungsangebote für Menschen jeden Alters und stärkt damit die Rolle des Gartens als Brücke zwischen Universität und Öffentlichkeit in einer der ältesten botanischen Einrichtungen Deutschlands. Herr Engelmann, können Sie uns bitte erklären, welche Bedeutung der Botanische Garten für die Universität und die Stadt Leipzig hat? Der Botanische Garten der Universität Leipzig ist ein Ort der Wissenschaft, also der Forschung und Lehre. Im Garten wird mit Pflanzen experimentiert, Pflanzen für Bestimmungskurse angezogen und unsere Pflanzensammlung dient im Rahmen der Ausbildung von Studierenden botanischen und vegetationskundlichen Führungen. Doch auch für die Menschen der Stadt Leipzig hat der Garten eine große Bedeutung. Als Grünes Schaufenster der Universität gestalten wir hier einen intensiven Austausch im Bereich des Wissenstransfers. Gemeinsam mit unserem Förderverein organisieren wir ein vielfältiges Jahresprogram mit Führungen, Exkursionen, Vorträgen, Pflanzenmärkten und Ausstellungen. Auch der Bildungsbereich im Botanischen Garten ist hervorzuheben: wir haben Angebote für alle Altersbereiche ob Kinder, Jugendliche oder Erwachsene. Wie hat sich der Botanische Garten der Universität Leipzig im Laufe seiner Geschichte entwickelt? Der Botanische Garten der Universität Leipzig gilt als der älteste Botanische Garten an einer Universität in Deutschland. Der Ursprung liegt im Jahr 1542 als das Dominikanerkloster St. Pauli mit dem zugehörigen Medizinal-Garten der damals noch jungen Universität Leipzig übertragen wurde. Bereits 1580 erfolgte eine Integration in die Lehre und Forschung der Universität mit der Ernennung von Moritz Steinmetz zum ersten Präfekten des Gartens. Im Lauf der Jahrhunderte wurde der Standort des Botanischen Gartens mehrfach verlegt und befindet sich nun seit 1877 am jetzigen Standort. Heute blicken wir im Botanischen Garten auf eine wechselvolle Geschichte zurück. In den über 450 Jahren seiner Existenz ist er Teil der wissenschaftlichen und kulturellen Identität der Universität Leipzig und der Stadt Leipzig geworden. Ist sein Status als ältester Botanischer Garten in Deutschland gerechtfertigt? Wie bereits verdeutlicht liegen die Anfänge des Gartens in der Mitte des 16. Jahrhunderts. In dieser Zeit sind auch die ältesten europäischen Botanischen Gärten Norditaliens in Pisa (1544), Padua (1545) und Bologna (1568) gegründet worden. Der Leipziger Botanische Garten ist somit keine Besonderheit, sondern unterstreicht die Bedeutung Botanischer Gärten bzw. Medizinalgärten für die Lehre und Forschung an den Universitäten zu der damaligen Zeit. Zur Wahrheit gehört aber auch, dass der Leipziger Garten seitdem mehrmals umgezogen ist und die Schwerpunkte der Pflanzensammlung sich abhängig von den jeweils aktuellen Forschungsschwerpunkten verändert haben. Aus einem Medizinalgarten (lat. hortus botanicus) entwickelte sich ein Botanischer Garten, in dem heute die verschiedenen Facetten der Vielfalt im Pflanzenreich im Fokus stehen. Mit heute rund 6.300 verschiedenen Arten wollen wir als Garten der Vielfalt eine Brücke schlagen und vor allem botanisch-ökologische Themen im Kontext von Klimawandel, Transformation, Nachhaltigkeit oder Biodiversitätskrise betrachten. Gibt es bestimmte Personen, die eine zentrale Rolle gespielt haben, die heute nicht vergessen werden dürfen? Als Einrichtung mit so langer Geschichte ist es sicher nicht einfach einzelne Personen herauszustellen und gleichzeitig andere nicht zu würdigen. Diplomatisch ausgedrückt gibt es eine Vielzahl an Personen oder besser an Personengruppen, ohne die ein Botanischer Garten nicht erfolgreich arbeiten kann. Zu Nennen sind dabei an erster Stelle natürlich die Gärtnerinnen und Gärtner. Sie bringen gärtnerischen Sachverstand und Leidenschaft in unsere artenreiche Pflanzensammlung. In den früheren Jahrhunderten wurden sie, unterstützt von weiteren Personen, wie beispielsweise Heizern (lange Zeit wurden die Gewächshäuser des Botanischen Gartens mit Kohle beheizt) oder anderen Personen, die essentielle Hilfstätigkeiten ausgeführt haben. Ich stelle diesen Personenkreis ganz bewusst an den Anfang meiner Aufzählung, sie werden im Laufe der Geschichte mitunter zu selten gewürdigt – hier würde ich mich über neue Erkenntnisse und Anekdoten bei der Aufarbeitung unserer Geschichte sehr freuen. Des Weiteren hatten wir seit 1580 viele sehr namhafte Direktoren, die die Geschicke des Gartens maßgeblich prägten und nicht selten weltweit bekannte Botaniker ihrer Zeit waren. Doch auch die Garteninspektoren, heute eher als Betriebsleiter bezeichnet, gestalteten die Entwicklung des Botanischen Gartens über die Jahrhunderte und sind wichtige Brückenbauer zwischen Wissenschaft und gärtnerischer Praxis. Nicht zu vergessen sind auch die Kustoden, also die wissenschaftlichen Mitarbeiter des Botanischen Gartens. Sie betreuen die artenreiche Sammlung, organisieren den fachlichen Austausch mit anderen Botanischen Gärten und entwickeln die Sammlung des Botanischen Gartens stetig weiter. Wie würden Sie die Pflanzensammlung des Gartens beschreiben? Heute haben wir im Botanischen Garten rund 6.300 verschiedene Pflanzenarten in rund 10.000 verschiedenen Akzessionen. Grob könnte man sagen, dass die Hälfte der Arten im Freiland zu finden sind und die andere Hälfte der Arten unsere Gewächshäuser benötigt. Als „Garten der Vielfalt“ möchten wir die Vielfalt im Pflanzenreich in möglichst vielen Facetten erlebbar machen. Im System kann man sich mit der Verwandtschaft im Pflanzenreich beschäftigen, in den geographischen Abteilungen sieht man die Arten gleicher klimatischer oder geographischer Regionen und die biochemische Vielfalt ist in den Beeten des Apothekergartens ersichtlich. Hier sind die gezeigten Pflanzen nach ihren medizinisch genutzten Inhaltsstoffen sortiert. Gibt es spezielle oder seltene Pflanzenarten, die im Botanischen Garten besonders hervorstechen? Als Botanischer Garten liegt unserer Fokus auf Wildarten, das heißt Pflanzenarten, die so auch in der Natur vorkommen. Nur eine sehr untergeordnete Rolle spielen bei uns Sorten oder Züchtungen. Aus diesem Grund sind in unserer Sammlung mitunter sehr viele seltene und besonders interessante Pflanzen. Für unsere Besucher sind sicherlich solche Pflanzen von großem Interesse, die nicht vor unserer Haustür in der Natur oder im Garten wachsen. Ich denke hier beispielsweise an Palmen, die Riesenseerose oder auch das Mammutblatt – alles Pflanzen die Staunen und Interesse wecken. Arbeiten Sie dabei mit anderen Forschungseinrichtungen zusammen? Ja, in allen Belangen. Zuerst einmal ist der Botanische Garten mit der Arbeitsgruppe Spezielle Botanik und Funktionelle Biodiversität verknüpft, arbeitet aber auch mit anderen Arbeitsgruppen der Universität Leipzig zusammen. Darüber hinaus betreibt das Deutsches Zentrum für integrative Biodiversitätsforschung (iDiv) Halle-Jena-Leipzig ein Forschungsgewächshaus im Botanischen Garten. Zusätzlich gibt es gemeinsame Projekte mit dem Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung (UFZ), … Weiterlesen

Der Frankfurter Palmengarten – historischer Garten mit Weltruf

Mit einer Größe von rund 20 Hektar ist der Frankfurter Palmengarten einer der größten Botanischen Gärten Deutschlands mitten in der Metropolregion RheinMain. Seine umfangreichen Pflanzensammlungen, die rund 13 000 Arten im Freien und unter Glas umfassen, genießen Weltruf. Hinzugekommen ist 2012 der benachbarte, etwa 8 Hektar große Botanische Garten, der zuvor der Goethe-Universität angegliedert war. Die Geschichte des Palmengartens begann 1871. Dabei spielten zwei Herren eine entscheidende Rolle. Einer davon ist der pflanzenbegeisterte Herzog Adolph von Nassau in Wiesbaden-Biebrich, der 1866 wegen der Annexion der Preußen abdanken musste und in Folge seine umfangreiche Pflanzensammlung im Schloss Wiesbaden-Biebrich veräußern musste. Der andere ist der Kunstgärtner und Gartenplaner Heinrich Siesmayer aus Bockenheim, heute ein Stadtteil von Frankfurt, der für den Herzog gearbeitet hatte. Ihm war der Wert der Sammlung bewusst – sie umfasste auch eine große, überregional bekannte Kameliensammlung mit über 100 Jahre alten Exemplaren – weshalb er sich dafür stark machte, die komplette Sammlung für Frankfurt zu erwerben. Damit wurde er zum Initiator des Palmengartens. Um das Geld für den Kauf zusammenzubringen, gründete er eine Aktiengesellschaft, in der sich Frankfurter Bürgerinnen und Bürger am Aufbau des Palmengartens beteiligen konnten. Von Anfang an identifizierten sie sich mit dem Gartenprojekt, das gegen eine kleine Eintrittsgebühr für jeden zugänglich war. Noch heute ist der Palmengarten für die Frankfurter Bevölkerung einer der bekanntesten und beliebtesten Orte der Stadt. Als zentraler Ort der Naherholung und der Naturerfahrung mitten in der Stadt rangiert er sogar noch vor dem Frankfurter Zoo. Feierlich eröffnet wurde der Palmengarten am 16. März 1871. Im Gegensatz zu den klassischen Botanischen Gärten der Universitäten diente der Palmengarten nicht primär der Forschung und Lehre, sondern war ein Bürgergarten. Mit seinen üppigen Pflanzensammlungen und Blumenausstellungen sowie einem ansprechenden Musikprogramm und Tanzveranstaltungen im Gesellschaftshaus war er ein Schau- und Erholungsgarten, in der ersten Zeit mehr für das gehobene Bürgertum, heute für Menschen mit verschiedensten Interessen von Jung bis Alt. In der „Frankfurter Institution“ wurde so manche Ehe angebahnt, im Hochzeitsgarten trafen sich Mütter und ihre Töchter mit potenziellen Heiratskandidaten. Neben dem kulturellen Programm und einer gehobenen Gastronomie wurden auch sportliche Aktivitäten wie das Rudern auf dem Weiher, Tennis, Eislaufen oder Fahrradrennen angeboten. Das besondere Konzept des Palmengartens besteht bis heute darin, dass er viele verschiedene Aspekte miteinander verbindet: Er ist nicht nur ein wissenschaftlich betreuter Botanischer Garten und Ort der außerschulischen Bildung, sondern vereint zudem Erholung und Unterhaltung. Das Herz des Gartens schlägt bis heute im Palmenhaus, das 1869 gebaut wurde, um die Biebricher Pflanzen aufzunehmen. Zusammen mit dem angegliederten Gesellschaftshaus bildet es ein einmaliges, für den Palmengarten bezeichnendes Ensemble (Flora-Bau). Das Frankfurter Palmenhaus zählt zu den drei größten erhaltenen historischen Palmenhäusern weltweit. Die beiden anderen stehen in Kew Gardens (London) und in Wien-Schönbrunn. Im prächtigen Festsaal wurden große Feste gefeiert, dabei konnte man in das tropisch-exotische Ambiente des Palmenhauses eintauchen und unter Palmen flanieren. Der umgebende Park wurde von Heinrich Siesmayer als englischer Landschaftspark angelegt, mit klassischen Elementen wie Weiher, Steingarten mit Grotte, Schweizerhaus, Hängebrücke sowie verschlungenen Wegen. Im 19. Jahrhundert galt die Schweiz als das Idealbild einer romantischen Alpenlandschaft. Aus der Gründerzeit sind im Park noch einige Baumveteranen erhalten, was ihm seinen besonderen Charme verleiht. Auf dem Parterre vor dem Gesellschaftshaus ließ Siesmayer seine opulenten Teppichbeete anlegen. Mit der Zeit wurde der Palmengarten nach und nach bis auf seine heutige Fläche erweitert. Auch die Sammlung wuchs stetig, weshalb in den Jahren 1905/6 als Ersatz für die alten Biebricher Gewächshäuer eine neue repräsentative Schauhausanlage mit Mittelhalle und Glaskuppel sowie seitlichen Gewächshäusern entstand. Wenige Pflanzen aus den alten Sammlungen gibt es noch heute, so den vermutlich mindestens 200 Jahre alten Palmfarn Encephalartos altensteinii. In der 1. Hälfte des 20. Jahrhunderts änderte sich der Zeitgeist und man bevorzugte generell einen schlichteren Stil als zuvor. Die aufwändige Neorenaissance-Fassade des schlossartigen Gesellschaftshauses wurde Ende der 1920ger Jahre im geradlinigen Bauhaus-Stil nach dem Entwurf von Martin Elsässer erneuert, die Wechselflorbepflanzung auf dem Blumenparterre wurde stark reduziert und vereinfacht. Der prunkvolle Festsaal blieb nur deshalb erhalten, weil das Geld für den weiteren Umbau ausgegangen war. Die baufällige Hängebrücke und das Schweizerhaus wurden in den 1930er Jahren abgerissen. Weltwirtschaftskrise und erster Weltkrieg wirkten sich auf den Palmengarten negativ aus. Während des Krieges wurden im Garten Obst und Gemüse statt botanischer Raritäten angebaut, um die Lazarette mit frischen Lebensmitteln zu versorgen. Als die Aktiengesellschaft den Palmengarten schließlich nicht mehr finanzieren konnte, übernahm die Stadt 1931 den Palmengarten. Seitdem ist dieser ein städtisches Amt. Erster städtischer Direktor wurde Max Bromme (Direktionszeit von 1931-1945). Er gründete die noch heute existierende Gesellschaft der Freunde des Palmengartens, einen Verein, dem auch viele ehemalige Aktionäre des Palmengartens beitraten. Im Zweiten Weltkrieg wurde der Palmengarten und speziell auch das Palmenhaus durch einen Bombeneinschlag beschädigt, dabei erfror die tropische Bepflanzung im Palmenhaus aufgrund des Glasschadens komplett. Grundsätzlich blieb das Palmenhaus aber erhalten. Das war Glück, wenn man bedenkt, dass fast die ganze Frankfurter Innenstadt durch Bombenhagel in Schutt und Asche gelegt wurde. Nach Kriegsende wurde der Palmengarten von den Amerikanern besetzt, die dort einen Freizeitclub einrichteten. Es gab sogar die Idee, in das Palmenhaus ein Swimmingpool einzubauen. Der Pflanzenliebhaber Sergeant Gunn verhinderte dies jedoch. Und mit Hilfe der Amerikaner unter Anleitung des damaligen Direktors Fritz Encke konnten sogar die zerstörten Gewächshäuser wiederaufgebaut und bepflanzt werden. 1948 wurde er Palmengarten dann wieder den Frankfurter Bürgerinnen und Bürger zugänglich gemacht. Nach dem Krieg und vor allem seit den 1960er Jahren wurde der Palmengarten deutlich weiterentwickelt, besonders durch die Vergrößerung der Sammlungen, neue Gestaltungskonzepte und Neubauten. Direktor Dr. Gustav Schoser (Amtszeit von 1968 – 1992) setzte im Rahmen der „inneren Erweiterung“ das Subantarktishaus und das Haus Rosenbrunn um, und veranlasste den Umbau von Eingangsschauhaus und Haus Leonhardsbrunn. Aus den Tennisplätzen wurde eine Steppenanlage. Der in den 1980er Jahren errichtete Gewächshauskomplex des Tropicariums war ein großer Wurf. Er beherbergt Gewächse aus den Feuchten sowie Trockenen Tropen, die nach Klima- und Vegetationszonen geografisch sortiert gepflanzt sind. Ein Gang durch die großzügigen sternförmigen Häuser erweckt das Gefühl, durch reale Landschaften zu wandern, von der Wüste bis zum Regenwald, vorbei an riesigen „Schwiegermuttersitzen“, dem Affenbrotbaum, dem … Weiterlesen

Gespräch mit Experten – Dr. Katja Heubach zum Palmengarten am Main

Dr. Katja Heubach ist seit 2018 Direktorin des Palmengartens in Frankfurt am Main. Unter ihrer Leitung feierte die städtische Gartenanlage 2021 ihr 150-jähriges Bestehen – trotz der Herausforderungen durch die Pandemie. Der Frankfurter Palmengarten hat sich im Laufe der Geschichte immer wieder erfolgreich gegen widrige Umstände behauptet. Als ein Wahrzeichen der Stadt genießt er starken Rückhalt in der Bürgerschaft. Dieser Geist prägt auch die Arbeit der Direktorin, die darauf abzielt, die historische Gartenanlage den Herausforderungen der Zeit anzupassen und gemeinsam mit den Frankfurtern zu bewahren. Frau Dr. Heubach, vielen Dank, dass Sie sich die Zeit für dieses Interview nehmen und uns über den Frankfurter Palmengarten informieren. 1899 diente dieser schließlich als Vorbild für den Leipziger Palmengarten, der heute leider nicht mehr als botanische Gartenanlage existiert, aber einst große Bedeutung für die Leipziger Bürgerschaft hatte. Welche Rolle spielt der Palmengarten für die Stadt Frankfurt? Der Palmengarten gehört zu den historischen Frankfurter Institutionen, die wie Zoo, Städel Museum, Universität und Senckenbergische Stiftung auf bürgerliche Initiativen zurückgehen und fest in der Frankfurter Stadtgesellschaft verwurzelt sind. Die Verbundenheit der Bürgerinnen und Bürgern zum Palmengarten ist groß. Für viele ist der Garten „ihr“ grünes Wohnzimmer. Der erste Besuch findet oft mit der Schule oder den Eltern statt. Später geht man dann zu Festen oder Konzerten in den Garten oder lässt sich im Haus Rosenbrunn trauen – nachdem man im Palmengarten den Heiratsantrag gemacht hat. Neben ausgesprochenen Pflanzenkennern und -liebhaberinnen, die sich informieren und nach Neuerungen schauen wollen, zieht der Garten vor allem Erholungssuchende an. Der Garten passt sich seit anderthalb Jahrhunderten den Bedürfnissen seines Publikums und den jeweiligen Erfordernissen der Zeit immer wieder neu an. Dazu gehören heutzutage auch zum Beispiel digitale Bildungsangebote; die Stärke des Gartens ist und bleibt aber das Analoge. Welche Schlüsselereignisse oder -phasen waren in den letzten 150 Jahren entscheidend für die Entwicklung und das Wachstum des Frankfurter Palmengartens? Ein Schlüsselereignis für die Gründung war 1866 die Besetzung der ehemals Freien Reichsstadt Frankfurt durch die Preußen. Im selben Zusammenhang musste auch Herzog Adolph von Hessen-Nassau abdanken und seine berühmte Pflanzensammlung verkaufen. Der Gartenkünstler Heinrich Siesmayer konnte sie glücklicherweise für Frankfurt erwerben, finanziert wurde alles von einer extra dafür gegründeten Aktiengesellschaft. Für diese Pflanzensammlung wurde der Palmengarten mit seinem Herzstück, dem Palmenhaus, eigentlich angelegt. Weil die Sammlung stetig wuchs, bekam sie Anfang des 20. Jahrhunderts eine damals hochmoderne Schauhausanlage. Dann kam der Einschnitt von Inflation und Weltwirtschaftskrise, die tragende Gesellschaft musste den Palmengarten abgeben. Seitdem ist der Palmengarten städtisch. Die Amerikaner, die kurzzeitig aus dem Garten ein Recreation Center für ihre GIs gemacht hatten, halfen, die Folgen des Kriegs abzupuffern. Später ging es im Palmengarten gesellschaftlich wieder ähnlich hoch her wie in seiner Anfangszeit. Regelrecht neu organisiert, auch baulich, hat dann Direktor Schoser den Garten in den 1970er und 80er Jahren. Der Palmengarten mit dem neugebauten Tropicarium und großen Blumenschauen war ungeheuer populär, regional wie international. Die Leute standen Schlange, um eine Orchideenausstellung zu sehen. Deutlich später, aber ebenso weitreichend war die 2012 umgesetzte Angliederung des angrenzenden Botanischen Gartens an den Palmengarten, der ehemals zur Goethe Universität Frankfurt gehörte. Heutzutage treiben uns vor allem der Klimawandel und das Artensterben um, dazu gehören auch Themen wie Nachhaltigkeitsmanagement, besonders in den Bereichen Energie, Wasser und Materialeinsatz. Im Rahmen von mehrjährigen Leitthemen bringen wir komplexe Fragestellungen an das Publikum und schaffen damit gleichzeitig eine erkenntnisreiche Neuorientierung nach innen. Das erste Leitthema, das wir in diesem Jahr abbinden, heißt „Blüten- und Bestäuberökologie“. Anlass war 2021 das neue Blüten- und Schmetterlingshaus mitsamt der Dauerausstellung „Abgestaubt“ zur Welt der Insekten. Dazu gehören die insektenfreundliche Umgestaltung von Rasen zu Wiesenarealen mit unterschiedlichen Blühaspekten, eine meterlangen Nistwand mit Biodiversitätsdach, nektarreiche Unterpflanzungen bestehender Beetanlagen und vieles mehr. Begleitend wurden zahlreiche analoge und digitale Vermittlungsformate mit Augenmerk auf die verschiedenen Blickwinkel von Wissenschaft, Praxis, Kunst und Kultur entwickelt. So rundet unsere neue große Kunstausstellung „Verspielt? − Roulette mit der Insekten- und Pflanzenwelt“ das Leitthema mit einem fulminanten Paukenschlag ab – und zieht ein völlig anderes Publikum zur Auseinandersetzung mit dem Thema in den Garten. Gab es Persönlichkeiten, die eine Schlüsselrolle in der Geschichte des Frankfurter Palmengartens gespielt haben? Können Sie einige von ihnen nennen und ihre Beiträge näher erläutern? Außer Heinrich Siesmayer, dem Gründungsdirektor, dem wir den Garten im Stil des englischen Landschaftsparks verdanken, ist zum Beispiel sein unmittelbarer Nachfolge August Siebert zu nennen, der die Pläne Siesmayers weiterentwickelte. Er machte den Garten um 1900 zu einem wahren Sportlerparadies mit Rudern auf dem Weiher, Tennis, Eislaufen, Fahrradrennen und Wettkämpfen. Direktor Fritz Encke sorgte für den Wiederaufbau des Gartens nach dem 2. Weltkrieg. Für immer mit dem Namen Gustav Schoser verbunden bleibt die grundlegende Erneuerung und die sogenannte „innere Erweiterung“ der Anlage ab Ende der 1960er Jahre. Der Palmengarten erhielt damals sein Erscheinungsbild, wie es in etwa noch heute besteht. Es kamen Gebäude wie das Subantarktishaus und das Haus Rosenbrunn hinzu, andere wurden umgebaut oder versetzt. Die Tennisplätze wurden entfernt und durch eine Steppenanlage ersetzt. Das in den 1980er Jahren errichtete Tropicarium war wirklich ein großer Coup, an dem wir bis heute Freude haben. Es beherbergt Gewächse aus den Feuchten sowie Trockenen Tropen, die nach Klima- und Vegetationszonen geografisch sortiert gepflanzt sind. Außerdem wurden unter Schosers Leitung besonders viele seltene und vom Aussterben bedrohte Pflanzen kultiviert, wie aus der Familie der Bromelien, Orchideen und der Gruppe der Sukkulenten. Der weitere Ausbau der wissenschaftlichen Sammlung ist auch mir besonders wichtig. Wir haben im letzten Jahr zum ersten Mal in der Geschichte des Palmengartens ein Sammlungskonzept erarbeitet. 2021 feierte der Frankfurter Palmengarten sein 150-jähriges Jubiläum. Wie haben Sie dieses besondere Ereignis begangen? Wir haben groß gefeiert, gemessen an Vielfalt des Programms, besonders, wenn man die Umstände bedenkt – mitten in der Pandemie. Zum Jubiläum gab es einen umfassenden Jubiläumsband, der die Geschichte des Palmengartens und seiner Sammlungen darstellt, Geschichten aus der Gegenwart des Gartens erzählt, mit großformatigen ansprechenden Bildern. Dazu hat die Autorin die Mitarbeitenden, aber auch unser Publikum befragt. Passend dazu gab es eine umfangreiche Ausstellung zur Geschichte– auch ein Novum in der Palmengartengeschichte. Ein weiteres Highlight war die Eröffnung des lange projektierten … Weiterlesen

Ein Spaziergang zum altersgrauen Kuhturm bei Lindenau

Unsere Reise beginnt im frühen Leipzig, von wo aus wir zu Fuß nach Lindenau aufbrechen. Wir starten am ehemaligen Äußeren Ranstädter Stadttor und machen uns auf den Weg in Richtung Westen. Über die Elster-Brücke gelangen wir zu einer Allee, die kunstvoll mit zahlreichen Pappeln bepflanzt ist. Diese Allee ist die Frankfurter Straße, eine einstige römische Handelsroute. Nachdem wir die Brücke überquert haben und das Stadttor hinter uns liegt, genügen nur noch einige hundert Schritte mehr, um die letzten Häuser der Vorstadt hinter uns zu lassen und wir einen längeren Spaziergang vor uns haben. Ein romantischer Blick eröffnet sich uns, wenn wir die Landschaft mit den dahinterliegenden Wäldern betrachten, die sich in einem Halbkreis um den gesamten Westen herumziehen. In der Ferne sehen wir die umliegenden Dörfer und können die Namen der jeweiligen Waldabschnitte wie das „Schleußiger Holz“ und das „Leutzscher Holz“ nutzen, um uns zu orientieren. Auch das bekannte „Rosenthal“ ist von weitem zu erkennen. Wenn wir unseren Blick zurück auf den Weg nach Lindenau richten, erstrecken sich auf beiden Seiten des Weges weite Gras- und Flusslandschaften oder besser gesagt Orte, die regelmäßig von Wasser heimgesucht werden. Nach einem etwa halbstündigen Spaziergang stoßen wir auf die bekannten „Kuhburger Wiesen“ und den altehrwürdigen „Kuhturm“, der am Ufer der Luppe an einem abgeschlossenen Graben vor Lindenau liegt. [1] Es gibt alte Geschichten über dieses Land, das von dichten Wäldern mit uralten Bäumen umgeben ist, darunter Ulmen, „von denen die stärkste einen Umfang von 14 Fuß hat“, [2] und Legenden über einen slawischen Opferaltar, der mit der Vertreibung der Slawen im 11. Jahrhundert und der Zerstörung ihrer Siedlung „Lipzk“ verschwunden sein soll. Es wird angenommen, dass der Kuhturm auf diesem Land „bej Lindenau“ um diese Zeit herum erbaut wurde. Ursprünglich war der Bau als Außenposten geplant gewesen, um die Pleiße-Elsterniederungen vor der Stadt, wo neben lebhaften Handel auch viel Ackerbau betrieben wurde, besser zu bewirtschaften und vor Angreifern zu schützen. So entstand zwischen Lindenau und Leipzig eine bewachte Landstraße, die weiter nach Merseburg führte und vor allem die ortsansässige Wirtschaft förderte. Gleichzeitig dienten die umliegenden Wiesen als Weideland für das Vieh der zahlreichen Stadtgüter. So erhielt der Außenposten einen Wachturm und den Beinamen „Kuhburg“. Im 15. Jahrhundert wandelte sich der Wachposten in ein Forsthaus und war ab 1533 mehr als zwei Jahrhunderte lang der Wohnsitz der Försterfamilien, bekannt als die „Kuhtürmer“. Der Letzte war Oberförster Koch, der Vater des 1876 verstorbenen Bürgermeisters der Stadt. [3] Danach folgte dem Forsthaus eine Gastwirtschaft, die in den 1850er bis zur Mitte der 1860er Jahre von dem bekannten Gastwirt Schatz bewirtschaftet wurde. [4] Die „Restauration zum Forsthaus Kuhturm“ soll ein beliebtes Etablissement gewesen sein, besonders bei den „besseren Gesellschaftsklassen“. Dies lag nicht zuletzt daran, dass sich Lindenau wie Gohlis und Connewitz zu einer beliebten Sommerresidenz vieler wohlhabender Familien entwickelte, in denen „gerade die reichsten unserer Stadtbewohner“ Landgüter und Neubauten besaßen. [5] Am 27. Juni 1857 ereignete sich jedoch ein Unglück auf dem Anwesen, als die gusseisernen Tragbalken der Decke im neugebauten Salon einstürzten, was am Ende zu einem Rückgang der Gästezahlen und schließlich zur Aufgabe des Geschäftes führte. [6] Die Universität Leipzig übernahm alle Gebäude und etablierte um 1869 auf dem rund 13,5 Hektar großen Flurstück, bekannt als „Kuhturm-Grundstück“, eine neue landwirtschaftliche Versuchsanstalt und ein Laboratorium. Der erste Standort des wissenschaftlichen Instituts umfasste einen Hof, einen Garten und eine Versuchsfläche von 82 Parzellen mit jeweils 10 x 40 Metern, bevor es 1879 in einen Neubau an der Ecke Stephanstraße/ Brüderstraße umzog. [7] Der Gebäudekomplex wurde seit 1835 mehrmals umgebaut, allerdings stammen die Mauern des Hauptgebäudes und der Turm noch aus den ältesten Tagen. Gegen Ende des 18. Jahrhunderts wie der damalige Baurat Dr. Oskar Mothes (Architekt, Kunsthistoriker und Architekturschriftsteller) vermutete erhielt dieser eine Bauweise der Spätgotik (Stieglitz). [8] Auch ein christlicher Taufstein, der im 17. Jahrhundert in der Nähe des Dorfes Schönau gefunden und hier unter den Linden im Garten aufgestellt wurde, blieb wie die herrschaftlichen Linden selbst aus früheren Zeiten erhalten. Dieses Grundstück, das seit „fast einem Jahrtausend“ verschiedenen Zwecken gedient hatte, wurde dem Leipziger Gärtner-Verein für die Internationale Jubiläums-Gartenbau-Ausstellung 1893 und daraufhin der Aktiengesellschaft Leipziger Palmengarten 1896 (eröffnet 1899) vom Rat der Stadt zur Verfügung gestellt und am ersten Pfingstfeiertag, dem 29. Mai 1898, als „vorderes Palmengarten-Restaurant“ von Alwin Hensel wiedereröffnet. [9] Siehe auch – Die Neueröffnung vom Kuhturm-Restaurant 1898 [1] Vgl. Ramshorn, Carl et al.: XIX. Lindenau, in: Internet Archive. The New York Public Library: Leipzig und seine Umgebungen mit Rücksicht auf ihr historisches Interesse. Leipzig. 1841, S. 95 f. [2] Mielck, Eduard: IV. Ulmen oder Rüstern, in: Internet Archive. The City of Boston Public Library: Die Riesen der Pflanzenwelt. Leipzig/ Heidelberg. 1863, S. 52. [3] Vgl. Geschichtliches über den Kuhturm, in: SLUB Dresden. Leipziger Tageblatt und Anzeiger, Sonntagausgabe. 2. Beilage vom 27. August 1893, S. 6007. [4] Aus den Erinnerungen eines alten Leipzigers, in: Stadtarchiv Leipzig. Leipziger Ausstellungs-Zeitung vom 15. Februar 1895. Beiblatt Nr. 44, S. 135 f. [5] Ramshorn, Carl et al.: XIX. Lindenau, in: Internet Archive. The New York Public Library: Leipzig und seine Umgebungen mit Rücksicht auf ihr historisches Interesse. Leipzig. 1841, S. 96. [6] Königreich Sachsen, in: SLUB Dresden. Deutsche allgemeine Zeitung. Sonntagausgabe vom 28. Juni 1857, S. 1302. [7] Schulze, Eberhard et al.: Zur Geschichte der Agrarwissenschaften an der Universität Leipzig, in: Vorträge anlässlich 150 Jahre Gründung des landwirtschaftlichen Instituts am 10. Dezember 2019. Veröffentlichungen der Leipziger Ökonomischen Societät e.V. (Hg.) Leipzig. Heft 33, Teil1. 2020, S. 12 ff. [8] Gurlitt, Cornelius: Der Festungsbau, in: Beschreibende Darstellung der älteren Bau- und Kunstdenkmäler des Königreich Sachsen. Siebzehntes Heft: Stadt Leipzig. K. Sächsisches Alterthumsverein (Hg.) Dresden. 1895, S. 296 f. [9] Vgl. Geschichtliches über den Kuhturm, in: SLUB Dresden. Leipziger Tageblatt und Anzeiger, Sonntagausgabe. 2. Beilage vom 27. August 1893, S. 6007. © 2024 is licensed under CC BY-NC-SA 4.0 Namensnennung – Nicht-kommerziell – Weitergabe unter gleichen Bedingungen

Königlicher Musikdirektor Gustav Curth in Leipzig – Verdienste

Über die Biografie von Gustav Curth, einem Musiker, Kapellmeister und Komponisten, ist heute nur noch wenig bekannt. Er wurde 1861 in Dresden in eine Musikerfamilie hineingeboren. Obwohl die Gründe für seinen Umzug nach Leipzig bislang unbekannt sind, wurde diese Stadt zu seiner Wahlheimat. Hier feierte er als selbstständiger (Königlicher) Musikdirektor und Varieté-Kapellmeister große Erfolge und war eng mit der hiesigen und internationalen Künstlerszene verbunden. Gustav Curth galt unter den Varieté-Kapellmeistern als einer der besten Vertreter seines Fachs. Als Musikdirektor erlangte er einen hervorragenden Ruf, nicht nur als Dirigent, sondern auch als Komponist und Arrangeur. Seine Verdienste führten dazu, dass er unter seinen Musikdirektoren-Kollegen hohes Ansehen genoss. Er bekleidete wichtige Funktionen wie den 2. Vorsitzenden des Deutschen Musikdirektoren-Verbandes, des Schriftführers oder andere und war Mitglied im Musik-Vorstand des Centraltheaters. Im Jahr 1937 verstarb er in Borsdorf im Alter von 76 Jahren. Curth komponierte und arrangierte Militär- und Orchestermusik, Kantaten und Charakterstücke sowie humoristische Szenen für Singstimmen und Klavier. Bisher bekannte Stücke sind „Gnomenspiele“, „Die Welt, sie will betrogen sein“, „Vorüber ist so manches Jahr“, „Der Humorist“, „Der Zeitgeist“, „Geld gibt’s am Ersten immerdar“, „In Treue fest!“, „Die Komiker klagen oft“, „Teddy geht spazieren“, „Engländer und Bure“, „Es war ein Knabe gezogen“, „Im König-Albert-Park“, „Praeludium Marsch“, „Concordia Marsch“, „Litilet Marsch“, „Jubiläums-Festmarsch“, „Festmarsch der vereinigten Militärvereine Leipzigs“ und der „Regimentsparademarsch der 133er Landwehr“. Die „Curthsche Kapelle“ ist eng mit der Leipziger Musikgeschichte im späten 19. und frühen 20. Jahrhundert verbunden, da ein Bericht zu seinem 25-jährigen Jubiläum als selbstständiger Musikdirektor darauf hindeutet, dass sein Orchester als das älteste Zivilorchester der Stadt wahrgenommen wurde. Die derzeit nachgewiesenen Spielorte der „Curthschen Kapelle“ – ehemals „Leipziger (Curthsches) Konzert-Orchester“, später „Curth-Fix-Orchester“, „Gustav-Curth-Blasorchester“ und „Gustav-Curth-Orchester“ – in Leipzig: Zoologischer Garten, Kuchengarten, Bonorand, Felsenkeller, Schlosskeller, Eiskeller-Park, Alter Gasthof Leutzsch/ Wahren, Hotel Stadt Nürnberg, Sanssouci, Hotel de Pologne, Theater-Terrasse, Drei Linden, Drei Lilien, Kaiser Fiedrich, Burgaue, Schillerschlösschen, Waldmeister, Panorama, Wintergarten, Großer Festsaal Neues Rathaus, Balkon Altes Rathaus, Völkerschlachtdenkmal, Palmengarten, Musikpavillon im König-Albert-Park, Rennbahn im Scheibenholz, Tivoli, Battenberg, Centralhalle, Centraltheater, Leipziger Schauspielhaus, Schützenhaus, Neues Schützenhaus, Schützenhof, Krystallpalast, Alberthalle, Albertgarten, Deutsches Buchhändlerhaus, Marktplatz, 10. Deutsches Bundesschießen 1890, Sächsisch-Thüringische Industrie- und Gewerbeausstellung 1897 (STIGA), Mitteldeutsches Bundesschießen 1911, Internationale Baufach-Ausstellung 1913 (IBA), Internationale Ausstellung für Buchgewerbe und Grafik 1914 (BUGRA). Gustav Curth’s Verdienste (nachgewiesene Quellen u.a. aus dem Leipziger Tageblatt) Krystall-Palast. Allabendlich ist das Sommer-Varieté sehr zahlreich besucht und das derzeitige vorzügliche Künstler- Ensemble versteht es vortrefflich, die zahlreichen Besucher zu unterhalten. In Anbetracht seiner großen Verdienste um das Gelingen des Ganzen hat die Direktion dem Leiter der Theater-Capelle, Herrn Musikdirektor Gustav Curth, welcher nun seit einem Jahre den musikalischen Theil der Vorstellungen in zufriedenstellendster Weise leitet, eine Jahresbenefiz-Vorstellung bewilligt, und findet dieselbe, verbunden mit Doppelconcert u.s.w. am Montag, den 13. Juli, statt. [1] Krystall-Palast. Das seit mehreren Tagen angekündigte Jahres-Benefiz für den verdienstvollen Capellmeister Herrn Gustav Curth findet heute, Montag, im Sommer-Varieté statt. Die materiellen und künstlerischen Erfolge, welche das nun ständige Varieté-Theater im Krystall-Palast bisher zu verzeichnen hatte, sind zum großen Theil auch ein Verdienst des strebsamen Dirigenten der Theatercapelle, Herrn Curth, welcher stets mit unermüdlichem Fleiß die zahlreichen Proben leitete und durch peinliche Gewissenhaftigkeit jeder einzelnen Vorstellung zu vollem Erfolge verhilft. Wir sind überzeugt, daß es nur dieses Hinweises bedarf, um dem beliebten Capellmeister für heute ein volles Haus zu sichern. Verbunden mit dieser Benefiz-Vorstellung ist ein Doppel-Concert, gleichzeitig tritt der unverwüstliche Clown Charles Jigg mit seiner großartig dressirten Thiergruppe heute Montag zum letzten Male auf. [2] Das Jahres-Benefiz für den beliebten Capellmeister Herrn Gustav Curth, welches sich eines sehr zahlreichen Besuches erfreute, gestaltete sich zu einem Ehrenabend für denselben und wurde der Benefiziant durch Blumen- und Kranzspenden, sowie auch durch sonstige Ovationen ausgezeichnet. – heute verabschiedet sich das gegenwärtige beliebte Künstler-Personal. – Morgen tritt das neu engagirte Specialitäten-Ensemble zum ersten Male auf. Die vierte Familien-Vorstellung findet nächsten Freitag statt. [3] Kirchliche Nachrichten. Am 17. Sonntag nach Trinitatis wurden aufgeboten: Thomaskirche. […] 4) H. A. Fix, Kapellmeister in St. Blasien, mit P. M. Curth, Musikdirektors hier Tochter […] [4] Jubiläums-Ehrenabend für Kapellmeister Curth. Morgen Freitag, abends 8 Uhr, findet im Kristallpalast-Theater anläßlich seines 25-jährigen Dirigentenjubiläums ein Ehrenabend ohne Tabakrauch für den Kapellmeister Gustav Curth statt. Curth nimmt unter den Varieté-Kapellmeistern wohl mit den ersten Rang ein und gilt allgemein als einer der besten Vertreter seines Faches. Die bedeutendsten internationalen Künstler, welche in dem jeweiligen Dirigenten eine fast unerläßliche Stütze für ihre Darbietungen suchen, haben diese in Gustav Curth stets gefunden, und die große Zahl der internationalen Stars haben Curths Namen als Varietédirigent in allen Weltgegenden auf das beste bekannt gemacht. Möge ihm der morgige Abend, welcher gewiß reich an Ehrungen sein dürfte, durch ein volles Haus die Sympathie aller derer, welche Curth als Künstler und Mensch achten und schätzen, zum Ausdruck bringen. [5] Ehrenabend für Kapellmeister Gustav Curth im Kristallpalast-Varieté. Zur Feier seines 25-jährigen Dirigentenjubiläums hatte Kapellmeister Gustav Curth im Kristallpalast-Varieté gestern einen Ehrenabend, der ihm der Ehren viele brachte. Zeigte schon äußerlich das volle Haus die herzlichen Sympathien, die man dem bewährten Jubilar am Dirigentenpult in der Leipziger Bürgerschaft entgegenbringt, so waren die übrigen Auszeichnungen erst recht der vollgültige Beweis, daß man Gustav Curth schätzt und liebt. Sein Stuhl und Pult waren festlich bekränzt, und mit einem Tusch empfing die Kapelle ihren Dirigenten zu Beginn der Vorstellung. Gegen Ende des ersten Teils, während die wohlbekannten Klänge des Curthschen Jubiläums-Festmarsches erklangen, verwandelte sich die Bühne in einen wahren Lorbeer- und Blumenhain, und auf langer Tafel waren die Ehrengaben aufgebaut. Der Humorist des jetzigen Programms, Herr Nesemann, hatte die Aufgabe, namens der Direktion der Kristallpalast- Aktiengesellschaft, namens der Kapelle, der jetzt auftretenden Artisten usw. dem Jubilar die Glückwünsche auszusprechen und die Ehrengaben, gewaltige Lorbeerkränze, von der Kapelle einen silbernen Lorbeerkranz auf blauem Samtkissen, von den Artisten ein Spazierstock mit silbernem Griff usw., zu überreichen. Es war eine schöne und eindrucksvolle Ehrung, die Gustav Curth hier zuteil wurde, und sie war wohlverdient dem Künstler wie dem Menschen. [6] Ministerium des Innern. Se. Majestät der König hat noch folgende Auszeichnungen verliehen: […] und dem Musikdirektor Curth in Leipzig und dem Musiklehrer Wenzel in … Weiterlesen

Gespräch mit Experten – Sebastian Ringel zum Wandel der Vorstädte

Sebastian Ringel ist ein erfahrener Stadtführer und Autor. Nachdem er sich bereits den verlorenen Häusern der Leipziger Innenstadt gewidmet hat, richtet er nun den Blick auf ein mehr als zehn Quadratkilometer großes Areal zwischen der Innenstadt und den eingemeindeten Dörfern – das so genannte Alt-Leipzig. In seinem neuesten Buch beschreibt er verlorene und identitätsstiftende Orte der Leipziger Vorstädte, die im Laufe der Zeit verschwanden und schafft damit ein Kompendium der ehemaligen Gartenanlagen, Ausfluglokale und Kulturstätten, aber auch ganzer Landschaften mit Seen und Flussläufen. Herr Ringel, Ihr neues Buch beschäftigt sich mit der Entwicklung der historischen Leipziger Vorstädte und behandelt 300 verlorene Orte. Was hat Sie dazu inspiriert, sich mit diesem speziellen Thema auseinanderzusetzen? Nachdem ich bereits die Innenstadt durchforstet habe, war das nächstliegende Thema, die daran anschließenden Vorstädte. Interessant erschienen mir aber auch die landschaftlichen Veränderungen in diesem zentralen Bereich der Stadt – die Überbauung der Bürgergärten, die Umgestaltung des Binnendeltas und die Urbarmachung der Grünflächen. Die Vorstädte von Leipzig haben im Laufe der Zeit erhebliche Veränderungen durchgemacht. Welche stadtplanerischen Zielsetzungen und Motive des Verschwindens haben Sie während Ihrer Recherchen identifiziert? Bis in die 1830er Jahre hinein war Leipzig eine überaus übersichtliche Kleinstadt, die sich bis dato kaum ausgedehnt hatte. Dies galt allerdings für fast alle heutigen Großstädte in jener Zeit. Erst mit der Abschaffung des Torgroschens und der wenige später erfolgten rechtlichen Gleichstellung der Vorstadtbewohner änderten sich die Verhältnisse und zwar grundlegend. Denn von nun an zog die Einwohner nicht mehr wie in den Jahrhunderten zuvor in die Innenstadt, sondern sie drängten aus dieser heraus, da sie sowohl ihre Schutzfunktion als auch ihre rechtliche Vorrangstellung verloren hatte. Zugleich boten die nun entstehenden neuen Vorstädte jede Menge Raum und damit auch Komfort. Zunächst wurden für deren Anlage die Acker- und Wiesenflächen genutzt. Das Areal der alten Vorstädte geriet jedoch ab den 1860er Jahren zunehmend in den Fokus der Investoren, da diese nun im zentralen Bereich der Stadt lagen. Als besonders lukrativ galten die Grundstücke am Ring, der auf Grund seiner Breite dem Repräsentationsbedürfnis der neu gegründeten Versicherungsgesellschaften, Großbanken oder Luxushotel entsprach. Bereits vor dem Ersten Weltkrieg waren die allermeisten der hier stehenden Altbauten ersetzt worden. Viele der an selber Stelle errichteten Neubauten wurden dann während des Zweiten Weltkriegs zerstört. In Ihrem Buch sprechen Sie von „verlorenen Orten“ in den Leipziger Vorstädten. Könnten Sie einige dieser Orte hervorheben und uns erzählen, welche Bedeutung sie in der Geschichte Leipzigs hatten? Zwar wurden bis ins frühe 19. Jahrhundert oft nur einfache Bauten in den Vorstädten errichtet, nichtsdestotrotz existierten auch in der älteren Geschichte wichtige Gebäude hier. Dazu zählen beispielsweise die Mühlen der Stadt oder die Wasserkunst, die einen wesentlichen Teil der Infrastruktur der Stadt abbildeten. Aber auch die Hospitäler gehören dazu und nicht zuletzt die Johanniskirche, das über lange Zeit einzige Gotteshaus außerhalb der Mauern. Im 19. Jahrhundert entstanden dann aber auch diverse Kulturstätten, wie das Neue Theater, der Krystallpalast oder das Centraltheater viele große öffentliche Bauten, wie die Hauptpost oder das Buchhändlerhaus, die allerdings alle während des Zweiten Weltkriegs zerstört wurden. Das Buch enthält auch umfangreiches Kartenmaterial, um die Entwicklung der Vorstädte zu veranschaulichen. Wie haben Sie diese Karten ausgewählt, und welche Erkenntnisse können Leser aus dieser visuellen Darstellung ziehen? Ausgangspunkt ist das Jahr 1860. Die Karten habe ich extra für dieses Buch angelegt. Sie zeigen die Veränderungen im Stadtbild in sechs verschiedenen Abschnitten auf, so dass ein guter Vergleich zwischen den einzelnen Zeitabschnitten möglich und die Entwicklung der Vorstädte nachvollziehbar ist. Sie halten Vorträge zu diesem Thema. Wie behandeln Sie die Geschichte der Leipziger Vorstädte der letzten 160 Jahre? Welche Schlüsselmomente haben Ihrer Meinung nach die größten Auswirkungen auf die Entwicklung gehabt? Zum einen geht es mir darum nicht mehr vorhandenen Gebäude aus der Leipziger Vergangenheit vorzustellen, ich versuche aber auch die Entwicklung der Stadt, anhand der gewählten Beispiele nachzuzeichnen. Die Sächsische Revolution von 1830/31 ist dabei sicherlich der entscheidendste Wendepunkt in der Stadtgeschichte, wobei das heutige Stadtbild in Folge auch durch andere Ereignisse geprägt wurde, wie den Zweiten Weltkrieg oder die Hinwendung zur sozialistischen Moderne Sie verwenden historische Fotografien und aktuelle Aufnahmen, um die Entwicklung der Vorstädte zu veranschaulichen. Welche besonderen Geschichten oder Ereignisse werden Sie in Ihrem Vortrag hervorheben, um den Zuhörern einen Einblick in die faszinierende Geschichte dieses Gebiets zu bieten? Ich muss zugeben, dass ich recht spontan bin, wenn es um das Erzählen kleinerer Episoden oder Ereignisse geht. Es kommt auch immer darauf an um was für eine Art von Vortrag es sich handelt. Meist versuche ich auf die Bauten oder Ereignisse einzugehen, die in direkter Umgebung zum jeweiligen Veranstaltungsort liegen oder die thematisch passen. Die Umgestaltung der Leipziger Vorstädte hat sowohl Gebäude als auch ganze Landschaften betroffen. Für Sie als Stadtführer und Autor, welche Erkenntnis haben Sie aus Ihrer Arbeit gewinnen können? Besonders bemerkenswert finde ich mit welchem Aufwand das Flusssystem umgestaltet wurde. Ebenso erstaunlich ist, das alle alten Bürgergärten Alt-Leipzigs bereits im frühen 20. Jahrhundert komplett überbaut worden sind. Anderseits ist Leipzig heute eine Stadt in der, insbesondere westlich des Stadtkerns, noch große naturbelassene Räume existieren, also nicht nur Parkanlagen, sondern auch Wald- und Auwaldflächen. Dies allerdings ist nicht zuletzt der Tatsache zu verdanken, dass Leipzig nach 1930 über sieben Jahrzehnte nicht mehr gewachsen ist. Mehr erfahren Sie in meinem Buch, in Vorträgen oder während meinen Stadtführungen. Aktuelles: www.sebastian-ringel.de © 2023 is licensed under CC BY-NC-SA 4.0 Namensnennung – Nicht-kommerziell – Weitergabe unter gleichen Bedingungen

Leipziger Palmengarten – War der schönste Ort der Stadt

Der Leipziger Palmengarten ist in vielerlei Hinsicht mit der Entstehungsgeschichte des Clara-Zetkin-Parks und der Sächsisch-Thüringischen Industrie- und Gewerbeausstellung von 1897 verbunden. Sie war mit mehr als zwei Millionen Besuchern und über 3.000 Ausstellern die größte Ausstellung, die Leipzig und Sachsen bis dato erlebt haben. Nach Ende der Ausstellung wurden alle Gebäude wie Ausstellungshallen, Pavillons und Restaurants bis 1898 zurückgebaut und das Gelände bis 1904 in einen öffentlichen Park umgewandelt, der nach dem sächsischen König den Namen König-Albert-Park erhielt. Ein Großteil der heutigen Wegführung des Clara-Zetkin-Parks geht auf den Grundriss des damaligen Ausstellungsgeländes zurück. Beim Rückbau wanderten Teile der Ausstellung in den Aufbau des Palmengartens, so dass dieser schon im April 1899 feierlich eröffnet werden konnte. Das Gelände des Palmengartens westlich des heutigen Elsterflutbeckens war bis in die zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts hinein großflächiges Weideland. Nach Lindenau kam man von Leipzig aus nur über einen schmalen Damm über die sogenannten Frankfurter Wiesen, die häufig von Hochwasser überschwemmt waren. Für eine internationale Gartenbauausstellung vom 25. August bis zum 5. September 1893 wurde das Gebiet im Norden von der heutigen Jahnallee am Westufer der Elster-Pleißen-Aue anlässlich des 50. Jubiläums des Leipziger Gärtnervereins trockengelegt. Die Gestaltung der Anlage übernahm der Landschaftsarchitekt und Vorsitzende des Gartenvereins Otto Moßdorf. „Die Gartenlaube“ sprach seinerzeit sogar von einem landschaftlich außerordentlich reizvoll gestalteten Lustgarten. Bereits in der Festrede zur Eröffnung der Gartenbauausstellung regte der damalige Oberbürgermeister Georgi an, dieses Areal zu einer ständigen Erholungsstätte für die Leipziger Bürger weiterzuentwickeln. Er kannte den Frankfurter Palmengarten gut und die Leipziger Bürger sollten ebenso in den Genuss der vormals so ausgeprägten Leipziger Gartenkultur kommen. Er konnte 60 finanzstarke Leipziger für die Idee eines „Palmengartenprojekts“ gewinnen. Ein Aufruf in der Tagespresse zum Erwerb von Aktien für den Bau des Palmengartens erbrachte innerhalb von vierzehn Tagen über 350.000 Euro. Auch die Stadt Leipzig beteiligte sich an dieser Aktiengesellschaft. Ein Wettbewerb zur Gestaltung der geplanten Anlage wurde danach ausgelobt. Diesen konnte der Lindenauer Otto Moßdorf zwar nicht gewinnen, aber er wurde mit der Realisierung des Siegerentwurfs beauftragt, der sich sehr stark am Frankfurter Palmengarten orientierte. Damals wie heute umfasst der Park ein Areal von 22,5 Hektar. Die Hauptwege des Parks lassen sich noch auf die Zeit seiner Entstehung zurückführen. Der Park hatte zwei Eingänge – einen im Norden, an der Frankfurter Straße, der heutigen Jahnallee, und einen im Süden, an der Plagwitzer Straße, der heutigen Käthe-Kollwitz-Straße. Beide Eingänge waren mit rotem Backstein und schmiedeeisernen Toren gestaltet. Die Straßenbahn brachte die Besucher über die Frankfurter Straße bequem direkt bis vor den Park. Wer am Kassenhäuschen den Eintritt bezahlt hatte wurde von einem großflächig angelegten Teppichbeet mit arrangierten Blumenbeeten empfangen. Dahinter war ein palastähnliches Gesellschafts- mit integriertem Palmenhaus zu sehen. Zur Linken befand sich das Konzertgelände mit einem muschelförmigen Konzertpavillon für verschiedenste Aufführungen lokaler und regionaler Orchester für tägliche Vorstellungen. Um die Jahre 1900 kostete ein Tagesticket für den Leipziger Palmengarten nach heutigem Gesichtspunkten genauso viel wie ein Tagesticket für den Belantis Freizeitpark. Entlang des Gesellschaftshauses befanden sich viele Freisitze mit Gastronomieangeboten. Auf einem nahegelegenen Spielplatz konnten Kinder von ausgebildeten Kindergärtnerinnen betreut werden. Der Weg führte vorbei an verschiedenen Skulpturen zum großen Weiher hin, an dem Boote ausgeliehen werden konnten. Von dem auf einem Hügel erhöht stehenden Pavillon aus bot sich ein fantastischer Blick zurück über den Teich zum Palmenhaus. Die Wasserfläche war damals größer als wir sie heute kennen und reichte im Süden bis zu einer seit 1893 bestehenden Grotte mit künstlichem Wasserfall. Zum heutigen Klingerhain führte der Weg zur Plagwitzer Straße über die Vier-Jahreszeiten-Brücke. Diese war sehr wahrscheinlich erst für den Palmengarten errichtet worden, um beide Parkbereiche miteinander zu verbinden. Die vier Figuren an den Brückenenden, die die vier Jahreszeiten symbolisieren, sind heute noch sehr gut erhalten. Trat man am Südeingang aus dem Palmengarten hinaus, befand sich zur Linken das Karl-Heine-Denkmal, das erst später auf die andere Straßenseite versetzt wurde. Die Hauptattraktion des Leipziger Palmengartens war das palastartige Gesellschaftshaus mit dem angegliederten Palmenhaus, das dem Park seinen Namen gab. Der prachtvolle historistische Bau empfing die Besucher, die den Park vom Haupteingang an der Frankfurter Straße her betraten. Das Gebäude bestand aus einem quadratischen vorderen Teil und einer nach Süden daran anschließenden 60 m langen gläsernen Halle, in welcher exotische Bäume und Pflanzen gezeigt wurden. Vier Türme von je 30 m Höhe krönten die Ecken des Gesellschaftshauses. Die Architekten des Gesellschaftshauses waren die Leipziger August Hermann Schmidt und Arthur Johlige. Beide hatten bereits für die Sächsisch-Thüringische Industrie- und Gewerbeausstellung von 1897 die monumentale Industriehalle entworfen. Nun konnten nach Rückbau dieser Ausstellung Bauteile für das in ähnlichem Stil gehaltene Gesellschaftshaus im Palmengarten verwendet werden. Das Gesellschaftshaus bestand aus einem riesigen zentralen Festsaal und verschiedenen kleineren Sälen, in denen auch Jugendstilelemente verwendet wurden. Die kleineren Säle trugen Namen wie Roter Saal, Spiegelsaal, Weißer Saal. Der 15 m hohe große prunkvolle Festsaal verfügte über eine Galerie und war mit vier riesigen Kronleuchtern geschmückt. Im Gesellschaftshaus sorgte ein Restaurantbetrieb für das leibliche Wohl – eine „Gastwirtschaft 1. Ranges“. Die bestens ausgestattete Küche genügte höchsten Ansprüchen. Die Leitung hatte der international renommierte Kochkünstler Alfred Harrer inne, der Referenzen aus vornehmsten Hotels und Lokalen vorweisen konnte. Bei schönem Wetter wurde auch eine große Terrasse zum östlichen Hauptweg hin mitbetreut. Darüber hinaus soll es im Gebäude auch eine Konditorei und einen Weinkeller gegeben haben. Alle Räume konnten für Feierlichkeiten und verschiedenste Veranstaltungen gemietet werden. Das Gesellschaftshaus war ein wichtiges Zentrum des gesellschaftlichen Lebens in Leipzigs. Hier wurden Firmenfeiern ausgerichtet, Abschlussbälle, Wohltätigkeitsfeste. Veranstalter waren z.B. der Börsenverein des Deutschen Buchhandels, die Königliche Akademie für graphische Künste und Buchgewerbe, der B.G. Teubner-Verlag, die Städtische Schule für Frauenberufe, das Rote Kreuz, Leipziger Burschenschaften und viele mehr. Im Februar 1909 gründete sich im Gesellschaftshaus des Palmengartens der Richard-Wagner-Verband Deutscher Frauen, ein Vorläufer des heutigen Richard-Wagner-Verbandes. Im Juli des Jahres 1909 feierte die Universität Leipzig ihr 500-jähriges Jubiläum im Palmengarten mit einem Festabend. Im großen Saal waren an festlich gedeckten Tischen über 800 Gäste versammelt. Das Palmenhaus mit einer Vielzahl an exotischen Gewächsen war vom Gesellschaftshaus durch eine 15 m hohe Glasfront abgetrennt, durch die man … Weiterlesen

Gespräch mit Experten – Daniela Neumann zum Palmengarten

Daniela Neumann forscht seit 2016 zur Geschichte des Leipziger Palmengartens. In Ihren Rundgängen durch die Parkanlage vermittelt sie die fast vergessene Kulturgeschichte der einst „vornehmsten Erholungsstätte“ in Leipzig. Nicht viele Leipziger kennen die Anfänge und das Ende des Palmengartens. Im Interview zählt sie Gründe auf, warum es lohnenswert ist, die alte Parkanlage bei einem Rundgang neu kennenzulernen. Frau Neumann, Sie beschäftigen sich sehr intensiv und leidenschaftlich mit der Geschichte des Leipziger Palmengartens. Wie kamen Sie dazu? Ich wohne und arbeite in der Nähe der Parkanlage und irgendwann ist mir der Begriff Palmengarten aufgefallen, mit dem ich zunächst überhaupt nichts anfangen konnte. Erst seit 2011 wird ja der Palmengarten auch wieder so genannt, bis dahin war das Palmengartenwehr das einzige, das zumindest vom Namen her noch an die Vorgeschichte der nahe gelegenen Grünanlage erinnerte. 2015 wurden in der Käthe-Kollwitz-Straße die „Villen am Palmengarten“ fertiggestellt, und da habe ich mich dann endgültig gefragt, was es mit dem Palmengarten auf sich hat. Ich begann, im Internet zu recherchieren, landete bei historischen Postkarten und war fasziniert von der prächtigen Geschichte des Palmengartens und gleichzeitig auch überrascht, wie wenig davon doch öffentlich bekannt war. Es macht mir viel Spaß, z.B. auf Postkarten etwas über die frühere Gestaltung des Palmengartens herauszufinden. Inzwischen habe ich schon über 200 verschiedene Ansichtskarten vom Park, aber gewiss gibt es noch viele Dinge, die zu entdecken sind. Mein Interesse am Palmengarten rührt also nicht so konkret vom Palmengarten selbst her, sondern entstand deshalb, weil meine Neugier geweckt war, weil ich mir die Informationen dazu selbst beschaffen musste. Ähnlich geht es mir inzwischen mit dem Clara-Zetkin-Park, der ja aus der Sächsisch-Thüringischen Industrie- und Gewerbeausstellung von 1897 hervorgegangen ist, was heute auch nur wenigen bekannt ist. In dem Sinne gehört meine Leidenschaft eigentlich allen Dingen, die in unserer Stadt geschehen aber zu wenig bekannt sind, und die aus dem Vergessen geholt werden sollten. Sie erwähnten die STIGA 1897, spielte diese bei der Errichtung des Palmengartens eine Rolle? Gibt es noch Relikte aus dieser Zeit im heutigen Palmengarten zu sehen? Konkret zu sehen ist nur noch der eiserne Pavillon auf dem Hügel an dem Teich mit der Fontäne. Ich vermute, dass es sich hierbei um ein Ausstellungsstück handelt, das ursprünglich in einer der Hallen der Gewerbeausstellung gestanden hat, weil ich ihn auf offiziellen Fotos der Außenanlagen nie entdecken konnte. Es gibt aber weitere Zusammenhänge: Die Architekten des Gesellschaftshauses im Palmengarten waren die Leipziger August Hermann Schmidt und Arthur Johlige, die auch für den Entwurf der palastartigen Industrie- und Gewerbehalle, dem Wahrzeichen der Ausstellung von 1897, verantwortlich gewesen waren. Beim Vergleich von Fotos der Bauten lassen sich einige Parallelen erkennen. Durch den Rückbau des Ausstellungsgeländes konnte Baumaterial für das Gesellschafts- und das Palmenhaus wiederverwendet werden. Dem Lindenauer Gärtnermeister Otto Moßdorf, der 1897 an der Gestaltung der Außenanlagen der Gewerbeausstellung beteiligt war, wurde die komplette gärtnerische Gestaltung des Palmengartens übertragen, trotzdem der Sieger der Ausschreibung eigentlich ein Gärtner aus dem Frankfurter Palmengarten war und Moßdorf nur den zweiten Platz belegt hatte. Es ist auffällig, dass bei der Umsetzung diverser „Großprojekte“ damals immer auf die Kompetenz vor Ort zurückgegriffen wurde. Sie sprechen den Frankfurter Palmengarten an. Warum gab es in Leipzig überhaupt den Wunsch, einen Leipziger Palmengarten aufzubauen? Den Palmengarten in Frankfurt gab es seit 1871, und er entstand aus einer privaten Initiative heraus. In Leipzig wurde das Projekt von Bürgermeister Otto Georgi initiiert, der mit einigen Dutzend Mitstreitern eine Aktiengesellschaft zur Errichtung und Betreibung eines Palmengartens gründete. Ich denke, über das Verhältnis der zwei Messestädte Frankfurt und Leipzig muss ich nicht viel sagen. Der Leipziger Oberbürgermeister hatte aber mehr im Blick als nur mit Frankfurt gleichzuziehen, denn die Stadt hatte eine Vervielfachung der Einwohnerzahl zu bewältigen (1871: 107.000, 1899 450.000) und war eine aufsteigende Industriestadt. Der Bedarf an Erholung und Entspannung außerhalb der Fabriken und der engen Stadtmitte, die um die Jahrhundertwende eher einer Großbaustelle glich, war sehr hoch. Das gesellschaftliche Leben der Stadt war sehr vielfältig, es brauchte auch Raum für Veranstaltungen von Vereinen, Unternehmen, Studentenverbindungen, Chören, Logen u.v.a. mehr. Von Vorteil für die Umsetzung der Idee war auch, dass die geplante Fläche durch die Gartenbauausstellung von 1893 bereits größtenteils erschlossen war, und auch die Baumaterialien von der Gewerbeausstellung von 1897 wiederverwendet werden konnten. Man musste sozusagen nicht von Null anfangen. Von Anfang an hat die Stadt Leipzig dem Projekt wesentliche finanzielle Mittel zur Verfügung gestellt. Es ging dem Bürgermeister aber ganz klar auch um die Aufwertung der Stadt als lohnendes Besuchsziel für auswärtige Gäste. Ich habe eine ganze Reihe von Postkarten, auf denen der Palmengarten gemeinsam mit dem Alten Rathaus, der Thomaskirche, dem Mendebrunnen, der Kongresshalle am Zoo und vielen anderen Sehenswürdigkeiten, die wir größtenteils heute noch kennen, abgebildet ist. Der Palmengarten war eine Attraktion nicht nur für die Leipziger. In den 30er Jahren ist z.B. auch der Stummfilmstar Henny Porten im Palmengarten gewesen und hat Autogramme gegeben. Der Park hat aber auch ausländische Besucher angezogen. In meinem Besitz sind Ansichtskarten, die in Englisch, Französisch, Niederländisch und sogar Japanisch geschrieben wurden! Würden Sie sagen, dass die Geschichte des Leipziger Palmengartens vergessen ist? Gibt es Gründe warum wir sie nicht vergessen sollten? Das kommt auf die Perspektive an. Für mich ist sie inzwischen kein Fragezeichen mehr und durch die regelmäßigen Führungen versuche ich meinen Beitrag dafür zu leisten, dass dieses Stück Stadtgeschichte in Erinnerung bleibt. Unbestritten ist das Potential vorhanden, im Park selbst die Vergangenheit ins Heute zu holen. Dabei denke ich nicht zwingend an Informationstafeln, sondern der bisher noch kaum konzeptionell gestaltete Park könnte als Modell für einen ganz modernen Park des 21. Jahrhunderts werden: interaktiv, multimedial. Ich habe zum Beispiel woanders schon Parkbänke gesehen, die auf Knopfdruck Musik spielen oder kleine Räume, in denen man per Augmented Reality in die Kostüme der Zeit schlüpfen kann. Die Aneignung von Geschichte muss nicht langweilig sein. Modernes Ausstellungsdesign kann hier vielfältige Anregungen bieten. Die Stadt Leipzig könnte in die Fußstapfen von Otto Georgi treten und einen Park kreieren, der wieder zum Anziehungspunkt nicht nur für Leipziger sondern auch auswärtige Gäste wird. Das wäre gleichermaßen eine … Weiterlesen

Aus der Presse – Das Ende vom Palmen- und Gesellschaftshaus

Die „Reichsausstellung Gutenberg 1940“ soll auf dem Gelände des Palmengartens errichtet werden. Um Raum für die Ausstellungsbauten zu gewinnen, werden das Palmengarten-Gesellschaftshaus und das Palmenhaus abgebrochen, und an ihrer Stelle wird Leipzigs neue Stadthalle erbaut werden. [1] Die „Reichsausstellung Gutenberg 1940“, die, wie bereits berichtet, unter der Schirmherrschaft von Reichsminister Dr. Goebbels in der Reichsmessestadt abgehalten werden soll, wird auf dem Gelände des Palmengartens errichtet. Um Raum für die Ausstellungsbauten zu gewinnen, werden das Palmengarten -Gesellschaftshaus und das Palmenhaus abgebrochen; an ihrer Stelle soll Leipzigs neue Stadthalle erstehen. Mit dieser Umgestaltung verliert Leipzig eine weltbekannte Stätte gastlicher Geselligkeit. Der Plan, einen Palmengarten nach Frankfurter Muster zu schaffen, wurde vor 40 Jahren anläßlich der Sächsisch-Thüringischen Gewerbe- und Industrieausstellung entworfen. Die Eröffnung erfolgte am 29. April 1899. Die Bälle und Feste im Gesellschaftshaus waren berühmt. Ferner ist, wie auch aus der Beratung des Oberbürgermeisters mit den Ratsherren hervorging, der Ausbau des Messegeländes am Völkerschlachtdenkmal unter Einbeziehung der Straße des 18. Oktober als Prachtstraße und die Errichtung eines Stadions geplant. An der Ausführung des Mittellandkanalprojektes wird die Stadt Leipzig auch weiterhin praktische Arbeit leisten. [2] Wie schon gemeldet wurde, hat Reichsminister Dr. Goebbels die Schirmherrschaft über die Reichsausstellung „Gutenberg“, die 1940 in Leipzig stattfindet, übernommen. Präsident der Ausstellung ist Oberbürgermeister Dönicke, Leipzig. Die Stadt Leipzig setzt sich mit allen ihr zur Verfügung stehenden Mitteln dafür ein, daß diese Ausstellung ein Ereignis von weltumspannender Bedeutung wird. Sie wird auf dem Gelände des Palmengartens und auf dem Kleinmeßgelände am Cottaweg errichtet. Die beiden Teile des Geländes werden durch eine Brücke über die Frankfurter Straße miteinander verbunden. Im Palmengarten werden Um- und Neubauten vorgenommen, und das Ausstellungsgelände wird eine harmonische Einheit mit den Anlagen des Richard-Wagner- Nationaldenkmals bilden. Während der Ausstellung sinken in Leipzig zahlreiche Fachtagungen statt. Es steht schon jetzt fest, daß Leipzig 1940 eine Ausstellung erlebt, wie sie in dieser Form noch nicht dagewesen ist. [3] In Frankfurt a. M. tagte kürzlich der Ausstellungs- und Messe-Ausschuß der deutschen Wirtschaft in Verbindung mit dem Werberat der deutschen Wirtschaft, vertreten durch seinen Präsidenten Reichardt. Gegenstand der Versprechungen waren die in den Jahren 1939 und 1940 stattfindenden internationalen Ausstellungen. Dabei berichteten Bürgermeister Haake und Geschäftsführer Nickel über den gegenwärtigen Stand der Gutenberg-Reichsausstellung vom Mai bis Oktober 1940 in Leipzig. Bürgermeister Haake wies auf die Tatsachen hin, die Leipzig als Stadt des Buches mit Jahrhunderte alter Tradition die Berechtigung geben, die 500-Jahr-Feiern zur Erfindung der Buchdruckerkunst durch eine Leistungsschau des graphischen Gewerbes aller Kulturstaaten zu krönen. Die Ausstellung soll, wie Bürgermeister Haake weiter ausführte, in erster Linie die Förderung des deutschen Schrifttums und der mit ihm in Verbindung stehenden geistigen Kräfte und wirtschaftlichen Produktionsmittel dienen. Darüber hinaus soll im friedlichen Wettstreit mit anderen Nationen Deutschlands Stellung als Kulturnation in der Welt besonders herausgestellt werden. So wird die Ausstellung einen wesentlichen Beitrag im Kampf gegen die Lügenpropaganda des Auslands leisten. In Erkenntnis der Bedeutung dieser weit über den Rahmen Deutschlands hinausgehenden Ausstellung hat der Reichsminister für Volksaufklärung und Propaganda Dr. Goebbels die Schirmherrschaft übernommen. Der geschäftsführende Präsident ist der Mitinhaber Devrient der weltbekannten Druckerei Giesecke & Devrient, Leipzig, der als Fachmann in weitgehendem Maße auf die Gestaltung der Ausstellung Einfluß nehmen wird. Die Stadt Leipzig und mit ihr ganz Deutschland werden, so schloß der Bürgermeister, alle Kräfte daransetzen, um durch die Großzügigkeit der Planung die Gutenberg-Reichsausstellung zu einer Weltausstellung des graphischen Gewerbes zu machen. Geschäftsführer Nickel erläuterte an Hand von Plänen die Einzelheiten der Ausstellung. Die gesamte Ausstellungsfläche beträgt über 500 000 Quadratmeter; für die zu erstellenden Hallen sind 60 000 Quadratmeter vorgesehen. Das inmitten der wunderbaren gärtnerischen Anlagen des Palmengartens gelegene Gelände umfaßt auch das Gebiet der Kleinmesse und wird im Osten vom Elster-Flutbecken abgegrenzt. Als Hauptzufahrtsstraße dient die Frankfurter Straße, die die Ausstellung in die nationale Schau und die internationale Schau mit den Sonderschauen und der mit den modernsten Einrichtungen versehenen Tagungshalle teilt. Für die inhaltliche Gestaltung der Ausstellung ist eine glückliche Lösung gefunden worden: Die Zeit vor Gutenberg, Gutenberg und seine Zeit, Der Weg von Gutenberg zu uns,Die Gegenwart. Das Kernstück und zugleich den Beginn der Ausstellung darstellend, ist die historische Halle, in der die berühmtesten Schriftdenkmäler aus den verschiedenen Jahrhunderten gezeigt werden. Ihr schließt sich das Haus des Druckes an, das in Form einer Lehrschau die Entwicklung des modernen Druckverfahrens zeigen wird. Eine Ausstellungsdruckerei- und -Buchbinderei runden das Bild dieser Schau ab. In einer besonderen Halle werden die Entwicklung des Buches und seine Aufgaben im Dienste der Volksgemeinschaft aufgezeigt. Die gesamte Industrie des graphischen Gewerbes wird in riesigen Hallen ein Bild ihrer Leistungsfähigkeit geben. Die größte Anziehungskraft für die Fachwelt und das Publikum werden die im Betrieb vorgeführten riesigen Rotationsmaschinen ausüben. Die Spezialmaschinen für die einzelnen Druck- und Reproduktionsverfahren werden den Besuchern die Wunderwelt der Technik und der Buchdruckkunst erschließen. – Die Deutsche Arbeitsfront wird eine eigene Ausstellungshalle für ihre Leistungen auf dem Gebiete des Schrifttums und der Betreuung der Werktätigen durch das Fachamt „Druck und Papier“ erstellen. Die Entwicklung der Presse aus ihren ersten Anfängen bis zu ihrer heutigen Bedeutung im nationalsozialistischen Staat wird in einer eigenen Halle ihre Darstellung finden. In Sonderschauen werben die Leistungen von Film und Funk, soweit sie als Nachrichtenübermittler für die Presse in Frage kommen, gezeigt. Zwei große Hallen stellen für die Beteiligung des Auslandes zur Verfügung. Der Ausstellung gliedert sich der Aufbau eines Teiles Alt-Leipzigs mit einem anschließenden Vergnügungspark an. Schon jetzt während der Dauer der Ausstellung sind zahlreiche nationale und internationale Tagungen für Leipzig festgelegt, die in der bereits erwähnten Halle abgehalten werden. Diese großzügige Planung der Gutenberg-Reichsausstellung hat natürlich schon jetzt die stärkste Beachtung aller Fachkreise aus Industrie und Handel gefunden. Als sicher kann aber auch heute schon gelten, daß die Gutenberg-Reichsausstellung in Leipzig im Jahre 1940 vor allem auch durch die internationale Beteiligung das Interesse der ganzen Welt auf sich ziehen wird. [4] Das Restaurant im Palmengarten und das berühmte Palmenhaus sind geschlossen worden und stehen nunmehr vor dem Abbruch. Die Palmen ziehen in den Zoo um, wo sie vor allem im Dickhäuterhaus eine größere Anzahl von Bewunderern finden werden als in den letzten … Weiterlesen

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