Leipziger Palmengarten – War der schönste Ort der Stadt

Der Leipziger Palmengarten ist in vielerlei Hinsicht mit der Entstehungsgeschichte des Clara-Zetkin-Parks und der Sächsisch-Thüringischen Industrie- und Gewerbeausstellung von 1897 verbunden. Sie war mit mehr als zwei Millionen Besuchern und über 3.000 Ausstellern die größte Ausstellung, die Leipzig und Sachsen bis dato erlebt haben. Nach Ende der Ausstellung wurden alle Gebäude wie Ausstellungshallen, Pavillons und Restaurants bis 1898 zurückgebaut und das Gelände bis 1904 in einen öffentlichen Park umgewandelt, der nach dem sächsischen König den Namen König-Albert-Park erhielt. Ein Großteil der heutigen Wegführung des Clara-Zetkin-Parks geht auf den Grundriss des damaligen Ausstellungsgeländes zurück. Beim Rückbau wanderten Teile der Ausstellung in den Aufbau des Palmengartens, so dass dieser schon im April 1899 feierlich eröffnet werden konnte.

Das Gelände des Palmengartens westlich des heutigen Elsterflutbeckens war bis in die zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts hinein großflächiges Weideland. Nach Lindenau kam man von Leipzig aus nur über einen schmalen Damm über die sogenannten Frankfurter Wiesen, die häufig von Hochwasser überschwemmt waren. Für eine internationale Gartenbauausstellung vom 25. August bis zum 5. September 1893 wurde das Gebiet im Norden von der heutigen Jahnallee am Westufer der Elster-Pleißen-Aue anlässlich des 50. Jubiläums des Leipziger Gärtnervereins trockengelegt. Die Gestaltung der Anlage übernahm der Landschaftsarchitekt und Vorsitzende des Gartenvereins Otto Moßdorf. „Die Gartenlaube“ sprach seinerzeit sogar von einem landschaftlich außerordentlich reizvoll gestalteten Lustgarten. Bereits in der Festrede zur Eröffnung der Gartenbauausstellung regte der damalige Oberbürgermeister Georgi an, dieses Areal zu einer ständigen Erholungsstätte für die Leipziger Bürger weiterzuentwickeln. Er kannte den Frankfurter Palmengarten gut und die Leipziger Bürger sollten ebenso in den Genuss der vormals so ausgeprägten Leipziger Gartenkultur kommen. Er konnte 60 finanzstarke Leipziger für die Idee eines „Palmengartenprojekts“ gewinnen.

Ein Aufruf in der Tagespresse zum Erwerb von Aktien für den Bau des Palmengartens erbrachte innerhalb von vierzehn Tagen über 350.000 Euro. Auch die Stadt Leipzig beteiligte sich an dieser Aktiengesellschaft. Ein Wettbewerb zur Gestaltung der geplanten Anlage wurde danach ausgelobt. Diesen konnte der Lindenauer Otto Moßdorf zwar nicht gewinnen, aber er wurde mit der Realisierung des Siegerentwurfs beauftragt, der sich sehr stark am Frankfurter Palmengarten orientierte.

Damals wie heute umfasst der Park ein Areal von 22,5 Hektar. Die Hauptwege des Parks lassen sich noch auf die Zeit seiner Entstehung zurückführen. Der Park hatte zwei Eingänge – einen im Norden, an der Frankfurter Straße, der heutigen Jahnallee, und einen im Süden, an der Plagwitzer Straße, der heutigen Käthe-Kollwitz-Straße. Beide Eingänge waren mit rotem Backstein und schmiedeeisernen Toren gestaltet. Die Straßenbahn brachte die Besucher über die Frankfurter Straße bequem direkt bis vor den Park.

Wer am Kassenhäuschen den Eintritt bezahlt hatte wurde von einem großflächig angelegten Teppichbeet mit arrangierten Blumenbeeten empfangen. Dahinter war ein palastähnliches Gesellschafts- mit integriertem Palmenhaus zu sehen. Zur Linken befand sich das Konzertgelände mit einem muschelförmigen Konzertpavillon für verschiedenste Aufführungen lokaler und regionaler Orchester für tägliche Vorstellungen. Um die Jahre 1900 kostete ein Tagesticket für den Leipziger Palmengarten nach heutigem Gesichtspunkten genauso viel wie ein Tagesticket für den Belantis Freizeitpark.

Entlang des Gesellschaftshauses befanden sich viele Freisitze mit Gastronomieangeboten. Auf einem nahegelegenen Spielplatz konnten Kinder von ausgebildeten Kindergärtnerinnen betreut werden. Der Weg führte vorbei an verschiedenen Skulpturen zum großen Weiher hin, an dem Boote ausgeliehen werden konnten. Von dem auf einem Hügel erhöht stehenden Pavillon aus bot sich ein fantastischer Blick zurück über den Teich zum Palmenhaus. Die Wasserfläche war damals größer als wir sie heute kennen und reichte im Süden bis zu einer seit 1893 bestehenden Grotte mit künstlichem Wasserfall.

Zum heutigen Klingerhain führte der Weg zur Plagwitzer Straße über die Vier-Jahreszeiten-Brücke. Diese war sehr wahrscheinlich erst für den Palmengarten errichtet worden, um beide Parkbereiche miteinander zu verbinden. Die vier Figuren an den Brückenenden, die die vier Jahreszeiten symbolisieren, sind heute noch sehr gut erhalten. Trat man am Südeingang aus dem Palmengarten hinaus, befand sich zur Linken das Karl-Heine-Denkmal, das erst später auf die andere Straßenseite versetzt wurde.

Die Hauptattraktion des Leipziger Palmengartens war das palastartige Gesellschaftshaus mit dem angegliederten Palmenhaus, das dem Park seinen Namen gab. Der prachtvolle historistische Bau empfing die Besucher, die den Park vom Haupteingang an der Frankfurter Straße her betraten. Das Gebäude bestand aus einem quadratischen vorderen Teil und einer nach Süden daran anschließenden 60 m langen gläsernen Halle, in welcher exotische Bäume und Pflanzen gezeigt wurden. Vier Türme von je 30 m Höhe krönten die Ecken des Gesellschaftshauses. Die Architekten des Gesellschaftshauses waren die Leipziger August Hermann Schmidt und Arthur Johlige. Beide hatten bereits für die Sächsisch-Thüringische Industrie- und Gewerbeausstellung von 1897 die monumentale Industriehalle entworfen. Nun konnten nach Rückbau dieser Ausstellung Bauteile für das in ähnlichem Stil gehaltene Gesellschaftshaus im Palmengarten verwendet werden. Das Gesellschaftshaus bestand aus einem riesigen zentralen Festsaal und verschiedenen kleineren Sälen, in denen auch Jugendstilelemente verwendet wurden. Die kleineren Säle trugen Namen wie Roter Saal, Spiegelsaal, Weißer Saal. Der 15 m hohe große prunkvolle Festsaal verfügte über eine Galerie und war mit vier riesigen Kronleuchtern geschmückt. Im Gesellschaftshaus sorgte ein Restaurantbetrieb für das leibliche Wohl – eine „Gastwirtschaft 1. Ranges“. Die bestens ausgestattete Küche genügte höchsten Ansprüchen. Die Leitung hatte der international renommierte Kochkünstler Alfred Harrer inne, der Referenzen aus vornehmsten Hotels und Lokalen vorweisen konnte. Bei schönem Wetter wurde auch eine große Terrasse zum östlichen Hauptweg hin mitbetreut. Darüber hinaus soll es im Gebäude auch eine Konditorei und einen Weinkeller gegeben haben.

Alle Räume konnten für Feierlichkeiten und verschiedenste Veranstaltungen gemietet werden. Das Gesellschaftshaus war ein wichtiges Zentrum des gesellschaftlichen Lebens in Leipzigs. Hier wurden Firmenfeiern ausgerichtet, Abschlussbälle, Wohltätigkeitsfeste. Veranstalter waren z.B. der Börsenverein des Deutschen Buchhandels, die Königliche Akademie für graphische Künste und Buchgewerbe, der B.G. Teubner-Verlag, die Städtische Schule für Frauenberufe, das Rote Kreuz, Leipziger Burschenschaften und viele mehr. Im Februar 1909 gründete sich im Gesellschaftshaus des Palmengartens der Richard-Wagner-Verband Deutscher Frauen, ein Vorläufer des heutigen Richard-Wagner-Verbandes. Im Juli des Jahres 1909 feierte die Universität Leipzig ihr 500-jähriges Jubiläum im Palmengarten mit einem Festabend. Im großen Saal waren an festlich gedeckten Tischen über 800 Gäste versammelt.

Das Palmenhaus mit einer Vielzahl an exotischen Gewächsen war vom Gesellschaftshaus durch eine 15 m hohe Glasfront abgetrennt, durch die man vom Festsaal aus in das Gewächshaus schauen konnte – ein imposanter Anblick! Das Glashaus mit dem halbrunden Dach war ca. 1.200 qm groß. Im Innern gab es Spazierwege durch die tropische Vegetation und Parkbänke, eine Fontäne zog die Aufmerksamkeit auf sich. An schönen Tagen standen große Palmen in Töpfen auf der Terrasse seitlich des Palmenhauses. Das Gesellschaftshaus mit Restaurant und das Palmenhaus wurden bis 1938 für die Öffentlichkeit betrieben. Im Oktober 1938 entschied der Bürgermeister Rudolf Haake, das Gelände des Palmengartens, der seit 1921 in städtischer Verwaltung war, für eine für 1940 geplante monumentale Reichsausstellung zu Ehren Johannes Gutenbergs frei räumen zu lassen. Die Gebäude im Park wurden im Januar 1939 gesprengt. Durch den Ausbruch des 2. Weltkrieges kam es jedoch nie zur geplanten Bebauung des Geländes.

Der „Kuhturm“ war ein Gehöft mit einer Gastwirtschaft und war das „Vordere Restaurant“ des Palmengartens. Er befand sich links des Haupteingangs an der Frankfurter Straße (heute Jahnallee). Das Gebäudeensemble war damals bereits einige hundert Jahre alt. Erstmalige Erwähnung fand der Kuhturm Anfang des 16. Jahrhunderts als Ratsförsterei, er könnte tatsächlich aber noch älter gewesen sein. In alten Leipziger Sagen, wie z.B. der Sage von der Heiligen Brücke, spielt der Kuhturm eine Rolle. Er lag unmittelbar an der Einfallstraße nach Leipzig, der Handelsstraße Via Regia, die jahrein jahraus von den aus Westen kommenden Kaufleuten, Messebesuchern, Studenten und auch Soldaten für den Weg in die Stadt hinein genutzt wurde, so dass sich hier über die Zeit eine gut gehende Gastwirtschaft entwickelt hatte. Im Hof befand sich ein Freisitz mit Bierausschank und Musikpavillon. In der Gaststätte soll Anfang des 19. Jahrhunderts auch der Leipziger Schriftsteller Johann Friedrich Kind häufiger gewesen sein. Eine der Kellnerinnen inspirierte ihn zum „Ännchen“ in seinem Stück „Die Jägerbraut“, der Textvorlage für die Oper „Der Freischütz“ von Carl Maria von Weber.

Der eigenwillige Name Kuhturm geht vermutlich auf die Grundbesitzer, die Herren von Kuhburg zurück. Der Kuhturm könnte auch Teil einer Burganlage gewesen sein. Zum Namen passt aber auch, dass im Turm ein von der Stadt bestellter Viehwächter Aufsicht über die Viehherden hielt, die auf den großräumigen Wiesen ringsum weideten. Der Kuhturm musste wie das Gesellschaftshaus 1939 den Plänen der Gutenberg-Ausstellung weichen. An den „Kuhturm“ erinnert heute noch die Kuhturmstraße, die als Verlängerung der Jahnallee bis zum Lindenauer Markt führt. Im Jahr 2015 wurde im Palmengarten ein Gedenkstein für den Kuhturm aufgestellt.


Autor/in

    by
  • Daniela Neumann

    widmet sich seit 2017 mit Rundgängen durch Leipziger Parks und der Innenstadt Orten und Themen, die bisher in der öffentlichen Wahrnehmung eine geringe Rolle spielen. Den Rundgängen gehen intensive Recherchearbeiten voraus. Mit historischem Bild- und Textmaterial gelingt es ihr, einen lebendigen Bogen in die Vergangenheit zu schlagen. Daniela Neumann ist Mitglied des Leipziger Geschichtsvereins. Im Jahr 2022 arbeitete sie beim multimedialen Rundgang durch den Clara-Zetkin-Park („Park 1897“) mit.

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