Gespräch mit Experten – Peter Benecken über die Parks in den 90er Jahren

Peter Benecken ist Experte für Gartendenkmalpflege und als Stadtbezirkskonservator mitverantwortlich für den Erhalt historischer Park- und Gartenanlagen der Stadt Leipzig. Mit fundiertem Wissen über Landschaftsarchitektur und denkmalschutzrelevante Fragen bewertet er historische Grünflächen, begleitet Restaurierungen und Bauvorhaben. Im Gespräch gibt er Einblicke in die Entwicklung der Leipziger Parks seit den 1990er Jahren, insbesondere in den Jahren nach der Wende, berichtet über den Palmengarten und erklärt, warum der Erhalt denkmalgeschützter Freiräume weit mehr ist als das Bewahren der Vergangenheit für die Zukunft. Herr Benecken, vielen Dank, dass Sie sich die Zeit nehmen. Sie arbeiten bei der Denkmalpflege in Leipzig. Können Sie uns zunächst etwas über Ihre Rolle und Ihre Arbeit berichten? Ich habe an der TU Berlin Landschaftsplanung (Landschaftsarchitektur) studiert und bin in der hiesigen Denkmalschutzbehörde für gartendenkmalpflegerische Belange zuständig. Das heißt, ich berate öffentliche und private Vorhabenträger und Antragsteller hinsichtlich aller Maßnahmen, welche auf denkmalgeschützten Freiflächen geplant sind. Ziel sind der Erhalt der denkmalrelevanten Substanz sowie des denkmalpflegerisch intendierten Erscheinungsbildes. Ist ein Vorhaben genehmigungsfähig, stelle ich im Einvernehmen mit dem Landesamt für Denkmalpflege eine denkmalschutzrechtliche Genehmigung aus oder verfasse eine Stellungnahme in einem Baugenehmigungsverfahren. Denkmalrelevante Substanz sind insbesondere die Vegetationsstrukturen einschließlich des Baum- und Gehölzbestandes, Wegeverläufe und –pflasterungen oder –befestigungen, künstlerische Ausstattungen wie Plastiken und Skulpturen, Brunnen, Teiche, Bassins und andere Gewässerstrukturen sowie bauliche Strukturen wie Freitreppen, Stützmauern, Einfriedungen, Terrassen, Pavillons und Lauben, aber auch Bänke oder Beleuchtungskörper / Laternen. Nicht nur diese Substanz steht im Fokus, sondern insbesondere auch gestalterische Gefüge, Raumstrukturen und Sichtbezüge oder –achsen. Zuständig bin ich für geschätzt 4000 Objekte mit gartendenkmalpflegerichem Belang in Leipzig, darunter beinahe alle großen Park- und Friedhofsanlagen, und Stadtplätze, viele Villengärten und Eingrünungen älterer Wohnanlagen bis hin zu als Sachgesamtheiten erfassten Siedlungen oder historischen Krankenhausgeländen, aber auch zahlreiche Vorgärten. Inhaltliche Abstimmungen sind nicht nur mit dem Denkmalfachamt, dem Landesamt für Denkmalpflege, zu führen, sondern innerhalb der Stadtverwaltung insbesondere mit dem Amt für Stadtgrün und Gewässer, der Naturschutzbehörde, dem Stadtplanungsamt oder dem Verkehrs- und Tiefbauamt. Selbstverständlich gibt es auch zahlreiche Schnittmengen mit der Baudenkmalpflege, bereits dann, wenn Sanierungsarbeiten an Gebäuden mit denkmalgeschütztem Umfeld oder Garten stattfinden. In solchen Fällen sind mindestens die Bauabwicklung und Baustelleneinrichtung im Gartendenkmal abzustimmen. Wie würden Sie den allgemeinen Zustand der Parkanlagen in Leipzig in den 90er Jahren im Vergleich zu heute beschreiben? Im Verhältnis zu den baulichen Strukturen konnten zumindest in Leipzig zur Zeit der DDR die öffentlichen Park- und Grünflächen weitaus besser unterhalten werden. Dafür wurden ausreichend Personal- und Sachmittel zur Verfügung gestellt. Dies beeinflusste den Ausgangszustand in den 1990er Jahren positiv, in denen keine schlechteren Finanz- und Pflegekapazitäten bestanden, als heute. Vielmehr unterhielt das städtische Grünflächenamt seinerzeit noch eine eigene Gärtnerei, in der Blüh- und Schmuckpflanzen herangezogen wurden. Entsprechend konnten in den 1990er Jahren noch weitaus zahlreichere Schmuckpflanzungen unterhalten werden, als derzeit. Für die verbliebenen Wechselpflanzungsflächen muss das Pflanzenmaterial heute extern beschafft werden, andere sind entfallen bzw. nun mit dauerhaften Stauden oder Wildblühstreifen besetzt. Andererseits bestanden in den 1990er Jahren verschiedentlich noch Überformungen aus der Zeit der DDR durch Einbauten wie Fernheiztrassen, Fahrspuren oder in Einzelfällen abgetrennten Flächen, etwa für das Ministerium für Staatssicherheit. Auch war die historische Gestaltung in etlichen Fällen verschliffen oder nicht erhalten. Welche Hauptprobleme oder Herausforderungen standen in der Pflege und Erhaltung der Parkanlagen in den 90er Jahren im Mittelpunkt? In den 1990er Jahren wurde bereits intensiv damit begonnen, die beschriebenen gestalterischen und strukturellen Überformungen aus der Zeit der DDR nach denkmalpflegerischen Gesichtspunkten zurückzubauen. Dafür konnte schon zur Zeit der politischen Wende ein eigenes Sachgebiet Gartendenkmalpflege im hiesigen Grünflächenamt geschaffen werden. In wieweit seinerzeit tatsächlich Tendenzen von Vandalismus zunahmen, wie manchmal behauptet wird, lässt sich nur schwer abschließend beurteilen, da solche Dinge zur Zeit der DDR zwar nicht verschwiegen wurden, aber den öffentlichen Diskurs zumindest weniger bestimmten. Sicher ist jedoch, dass zahlreiche Stadtteile in den 1990er Jahren von Bevölkerungsschwund, Deindustrialisierung und Leerstand betroffen waren. Jedoch wurden die dortigen Grünflächen bewusst nicht aufgegeben oder vernachlässigt, sondern weiter mehr oder weniger intensiv unterhalten, um einen ausgleichenden Impuls zu setzen. Inzwischen hat die Bevölkerung wieder stark zugenommen und flächendeckender Wohnungsleerstand ist kein Problem mehr. Entsprechend besteht die Aufgabe heute eher darin, einer zu starken Nutzung oder Übernutzung mancher öffentlichen Grünfläche entgegen zu wirken, sowie ergänzende und zeitgemäße Angebote zu schaffen. Ein schon seit einigen Jahren relevanter Aspekt ist, den Auswirkungen des Klimawandels entgegen zu wirken. So führten die zurückliegenden trockenen und heißen Jahre auch in den öffentlichen Grünanlagen zum Ausfall bzw. Absterben zahlreicher Gehölze, darunter insbesondere viele Altbäume. Betroffen sind komplette Pflanzengruppen wie alle Ahorne, welche durch klimatische Auswirkungen erst seit etwa zehn Jahren von der sog. Rußrindenkrankheit befallen werden. Bis auf Ausnahmen dürften in der Folge insbesondere Berg-Ahorne weitgehend aus dem Stadtbild verschwinden. Gleiches trifft auch auf die üblichen Hänge-Birken oder Fichten zu. Stark betroffen sind darüber hinaus Eschen und bedauerlicherweise sogar Rot-Buchen, welche zu den gestalterisch wichtigsten Gehölzen in zahlreichen Parkanlagen gehören. Konzeptionelle und denkmalpflegerische Aufgabe ist es nun, geeignete Ersatzpflanzungen zu organisieren, welche die Aufrechterhaltung der überlieferten und zu erhaltenden Parkgestaltungen erlauben. Hinsichtlich der Nutzung sind die Schaffung zusätzlicher verschatteter Bereiche oder des Angebots von Trinkwasser neue Aufgaben. Um Letzteres zu gewährleisten, wurde begonnen, Trinkbrunnen in den öffentlichen Grünanlagen zu installieren. Und im Gegensatz zu den Jahrzehnten nach 1990 werden seit einigen Jahren auch wieder öffentliche Toiletten im meist grün geprägten Stadtraum neu geschaffen und unterhalten. Gab es in den Jahren nach der Wende besondere Initiativen oder Projekte zur Verbesserung der Parkanlagen? Wie erwähnt, konnte schon zu Beginn der 1990er Jahre ein eigenes Sachgebiet Gartendenkmalpflege im damaligen Grünflächenamt geschaffen werden. Dieses organisierte bereits zu diesem frühen Zeitpunkt die Erarbeitung gartendenkmalpflegerischer Zielstellungen für die wichtigsten Parkanlagen, welche dann mit dem Landesamt für Denkmalpflege abgestimmt wurden. Diese Zielstellungen sind in weiten Teilen mit den sog. Parkpflegewerken identisch und bilden die konzeptionelle Grundlage für die Unterhaltung, Sanierung und Entwicklung von Grünanlagen. Damit übernahm Leipzig eine Vorreiterrolle durchaus auch mit Blick auf das gesamte wiedervereinigte Deutschland. Schon 1993 lag entsprechend eine denkmalpflegerische Zielstellung für den gesamten Promenadenring vor, welche nunmehr, nach über 30 Jahren, überarbeitet wird. Etliche solche Planwerke für weitere Parkanlagen folgten schon im … Weiterlesen

Leipziger Palmengarten – Ausstellung und Begleitprogramm

Anlässlich des 125-jährigen Bestehens der Parkanlage beleuchtet die Hochschule für Technik, Wirtschaft und Kultur (HTWK) in Kooperation mit dem Stadtgeschichtlichen Museum und vielen weiteren Unterstützern die „Blütezeit“ des Leipziger Palmengartens (1899 bis 1914). Die Ergebnisse ihrer Forschung werden der Öffentlichkeit in der Gerda-Taro-Lounge im Capa-Haus präsentiert. Die Ausstellung bietet darüber hinaus die Möglichkeit, gemeinsam mit den Partnern, Förderern und Unterstützern verschiedene Veranstaltungsformate umzusetzen, die Livemusik, Vorträge und geführte Touren umfassen und so die Geschichte der ehemaligen Gartenanlage wiederbelebt. Leipziger Palmengarten – Ein Leuchtturm der Stadt –Kabinettausstellung mit Experten-Gremium & Begleitprogramm1.11.2024 – 28.2.2025Capa-Haus, Gerda-Taro-Lounge, Jahnallee 61, 04177 Leipzig Eintritt frei – Öffnungszeiten von Dienstag bis Freitag und jeden 3. Sonntag im Monat von 11 bis 16 Uhr (außer an gesetzlichen Feiertagen) Experten-Gremium (ehrenamtlich): Hans-Joachim-Hädicke (Privatsammler), Sebastian Ringel (Autor), Daniela Neumann (Stadt- und Parkführerin), Marius Wittwer (Stadtführer), Anne Roßburger, Mike Demmig (beide meinpark.info). Unterstützt von: HTWK Leipzig, Capa-Haus/ CAPA Culture gGmbH, Stadtgeschichtliches Museum, Stadt Leipzig – Dezernat Kultur/ Referat Strategische Kulturpolitik, Holger-Koppe-Stiftung Frankfurt a. M./ Leipzig, Universität Leipzig – Botanischer Garten/ Institut für Musikwissenschaft, Verein für Industriekultur Leipzig e.V., Hieronymus-Lotter-Gesellschaft e.V., Förderkreis Botanischer Garten e.V., Frankfurter Palmengarten, Archiv Frau & Musik – Internationale Forschungsstätte Frankfurt a. M., Lions Club Leipzig Saxonia, Eva Meitner Conductor, Stil Haus Kollektiv, Musikpavillon Leipzig, Entdeckt in Leipzig. Die Umsetzung der Roll-Up-Ausstellung mit begleitenden Medien erfolgte durch das Kunst & Grafik Büro vonJuliane Sieber aus Halle/ Saale. www.julianesieber.de Begleitprogramm Donnerstag 7.11.2024, ab 18 Uhr –ALTES RATHAUS, FESTSAAL, Am Markt 1, 04109 Leipzig »Elfrida Andrée – Galionsfigur der europäischen Frauenbewegung«Feiern Sie mit uns das 45-jährige Jubiläum des Archivs Frau & Musik, der internationalen Forschungsstätte in Frankfurt a. M., und erleben Sie einen inspirierenden Abend mit Eva Meitner und Mary Ellen Kitchens zu Ehren der schwedischen Komponistin Elfrida Andrée (1841-1929, Dirigentin ihrer Ouvertüre im Leipziger Palmengarten) präsentiert von der Hieronymus-Lotter-Gesellschaft e.V. Freitag 29.11.2024, ab 17 Uhr –BOTANISCHER GARTEN, Linnéstraße 1, 04103 Leipzig »Expertengespräch im Mediterranhaus«Der Förderkreis Botanischer Garten e.V. und die HTWK Leipzig laden zu einem Austausch mit Frau Dr. Heubach, Direktorin Palmengarten und Botanischer Garten der Stadt Frankfurt a. M., und Prof. Dr. Wirth, Direktor Botanischer Garten der Universität Leipzig. Donnerstag 12.12.2024, ab 18 Uhr –CAPA-HAUS, GERDA-TARO-LOUNGE, Jahnallee 61, 04177 Leipzig »Musikalischer Salon im Capa-Haus«Der Förderkreis Botanischer Garten e.V. und das Institut für Musikwissenschaft der Universität Leipzig laden zu einem musikalischen Vortrag zur Musik im Leipziger Palmengarten und anderen Vergnügungsstätten um 1900. An diesem Abend findet die Preisverleihung des Gert-Triller-Preises der Notenspur Leipzig e.V. statt. Montag 13.1.2025, ab 18 Uhr –CAPA-HAUS, GERDA-TARO-LOUNGE, Jahnallee 61, 04177 Leipzig »Ein Gesellschaftsabend im Palmengarten«Der Lions Club Leipzig Saxonia lädt zum Neujahrskonzert mit Trio Saviano, um Abendgarderobe wird gebeten. Insbesondere ist die Einladung auch an ein jüngeres Publikum gerichtet. Donnerstag 13.2.2025, ab 18 Uhr –CAPA-HAUS, GERDA-TARO-LOUNGE, Jahnallee 61, 04177 Leipzig »Frauen in der Musikszene um 1900«Tauchen Sie ein in eine faszinierende Welt und erleben Sie eine spannende Reise durch die Musikgeschichte. Die Musikerin Eva Meitner und die Hieronymus-Lotter-Gesellschaft e.V. präsentieren Musikstücke von Amelie Nikisch bis Ethel Smyth und zehn weiteren Komponistinnen. Donnerstag 20.2.2025, ab 18 Uhr –BOTANISCHER GARTEN, Linnéstraße 1, 04103 Leipzig »Exkursion in den Botanischen Garten«Der Förderkreis Botanischer Garten e.V. und die Hieronymus-Lotter-Gesellschaft e.V. laden zu einer exklusiven Sonderführung durch die Orchideenschau, die vom 22. Februar bis zum 2. März 2025 stattfindet. Bürgerinformation Innerhalb des Zeitraums der Ausstellung führten Experten die Gäste an jedem 3. Sonntag im Monat von 11 bis 16 Uhr durch die Ausstellung. Das Angebot wurde sehr gut angenommen.www.capa-haus.org Exkursion Die exklusive Sonderführung der Hieronymus-Lotter-Gesellschaft e.V. durch den Botanischen Garten in Leipzig vor Beginn der Orchideenschau war ausgebucht und die beste Werbung für die Arbeit des Förderkreises vor Ort.www.lw.uni-leipzig.de/botanischer-garten

Gespräch mit Experten – Dr. Kilian Jost zum historischen Grottenbau

Dr. Kilian Jost ist Architekturhistoriker und Experte für historische Gartenkunst. In seiner Doktorarbeit und seinen Publikationen widmet er sich den vergessenen Bautechniken, geologischen Vorbildern und den kulturellen Stellenwert der künstlichen Felsenlandschaften des 19. Jahrhunderts. Im Gespräch erläutert er, warum aufwendige Konstruktionen wie Grotten, Wasserfälle und Felsen in Park- und Gartenanlagen dieser Zeit weit mehr waren als Dekoration und warum ihr Erhalt heute von großer Bedeutung ist. Das Bauen von Bergen, Grotten und künstlichen Wasserfällen war eine der Hauptaufgaben der Gartenkunst; künstliche Felsenlandschaften sind zentrale Motive landschaftlicher Gärten. Die Planung und Konstruktion gebauter Naturformen wurde beeinflusst von geologischen Kenntnissen und der Entwicklung neuer Baumaterialien wie Rabitz und Portlandzementen. Schon früh wurden konstruierte Bergerlebnisse sogar mit unterschiedlichen Ton- und Lichteffekten perfektioniert – ein Fortleben der Naturinszenierungen findet sich in den Vergnügungsparks um 1900, dort wurden sie in Grotten- und Gebirgsszenerien befahrbar. Dr. Jost, ich danke Ihnen vielmals für Ihre Zeit und die Beantwortung der Fragen. Das Thema ist hochspannend und betrifft ebenfalls den heutigen Umgang mit diesem Erbe. Sie haben 2015 Ihre Dissertation „Felsenlandschaften – Eine Bauaufgabe des 19. Jahrhunderts“ über gebaute Berge, Grotten und Wasserfälle – also über Naturimitationen in damaligen Gärten und Parks geschrieben und viel dazu geforscht. Wie kamen Sie zu diesem Thema? An der Eidgenössischen Technischen Hochschule-Zürich gab es ab 2012 das vom Schweizer Nationalfonds geförderte Forschungsprojekt „Zur Ikonographie der Alpenlandschaft. Kunstberge und Kunsthöhlen“ und mit diesem Projekt verbunden auch eine Doktorandenstelle, auf die ich mich beworben habe. Mir hat das Thema gefallen, weil ich schon immer ein Faible und Interesse für historische Parks und Gärten hatte und auch, weil gebaute Naturimitationen im Garten zunächst eher ungewöhnlich, vielleicht sogar etwas skurril anmuten. Daher ist auch die Gruppe der Forschenden zu diesen Themen sehr klein, man kennt eigentlich schnell alle relevanten Forschungen. Dabei ist das Forschungsfeld an sich sehr groß und es gibt noch viel zu entdecken und auszugraben, denn Gartengeschichte ist Ideengeschichte und sagt viel über die jeweilige Epoche aus. Sie erwähnen in der Einleitung Ihrer Doktorarbeit, eine Gartengeschichtsschreibung. Können Sie uns bitte erklären, was Sie damit meinen? Was können wir uns darunter vorstellen? Die Geschichte der Gartenkunst ist ein Teilbereich der Kunstgeschichte. Wie zur Kunst oder Architektur wird auch zum Garten und seiner Gestaltung im Laufe der Jahrhunderte geforscht. Zu verschiedenen Zeiten und in verschiedenen Regionen der Erde herrschen jeweils typische Gestaltungsformen vor. In Europa sind diese Gestaltungen grob nach Epochen oder auch dem Land ihrer Entstehung benannt worden wie der Typus des Renaissancegartens (auch Italienischer Garten), des Barockgartens (auch Französischer Garten) oder des Landschaftsgartens (auch Englischer Garten). Mit diesen Bezeichnungen wird das Typische betont, diese Gartenmoden treten in verschiedenen Ländern Europas allerdings nicht gleichzeitig, sondern zeitlich versetzt auf. Interessant ist hier der Weg der gegenseitigen Beeinflussung und nationalen Vereinnahmung der Stile bis hin zu „patriotischen“ Gärten. In allen Gartenformen ist stets das Verhältnis von menschlichem Gestaltungswillen zum lebendigen Material festzulegen, das Verhältnis von Kunst zu Natur. Folgte das Anlegen von Gärten und Parks bestimmten Gestaltungsregeln? Die ideale Gartengestaltung der unterschiedlichen Epochen ist jeweils an einem anderen Punkt im Spannungsfeld zwischen Natur und Kunst angesiedelt. Gärten der Renaissance und des Barock sind stark architektonisch gestaltet und unterwerfen sich Geometrie und Symmetrie. Bekannte Beispiele sind die Gärten der Villa d’Este in Tivoli (Italien) für die Renaissance und vom Schloss Versailles (Frankreich) für das Barock. Der Landschaftsgarten imitiert hingegen die Natur mit einer scheinbar ungeplanten Natürlichkeit, die jedoch wie ein Gemälde für die Tiefenwirkung aus Vorder-, Mittel- und Hintergrund und für die harmonische Wirkung in ästhetischen Proportionen wie dem goldenen Schnitt komponiert wird. Bekanntestes Beispiel ist hier der Garten von Stourhead (Groß-Britannien). Allen gemeinsam ist eine geplante Wirkungsästhetik, die mit Abwechslungsreichtum, Blickachsen und einer gezielten Besucherführung arbeitet. Die Gestaltungsregeln sind dabei zum Teil vollkommen gegensätzlich. So liegen Blickachse und Wegeführung im architektonischen Garten übereinander, im Landschaftsgarten werden Wege und Blicke verschieden geführt, um mehr Abwechslung zu erzeugen. Die Grotten liegen im Landschaftsgarten eher versteckt am Rand und nicht mehr wie in den Epochen zuvor zentral oder am Ende einer Blickachse. In Ihrer Forschung spezialisieren Sie sich auf den Bau von Felsenlandschaften. Waren die Bauten damals weit verbreitet? Aber ja, es gibt einen absoluten Trend im 19. Jahrhundert! Künstliche Grotten waren zwar schon in der Spätantike beliebt und gehören spätestens seit der Renaissance zum festen Bestandteil einer Gartengestaltung. Aber im sogenannten langen 19. Jahrhundert – also die Zeit von der Französischen Revolution bis zum Ersten Weltkrieg – wird das Thema noch einmal völlig neu interpretiert und in jeder Garten- oder Parkanlage ein Muss! In dieser Zeit entstehen die modernen Naturwissenschaften, allem voran die Geologie. Bis dahin hatte man Gebirge wie die Alpen nur als unwirtliche und ebenso unästhetische Orte wahrgenommen. Die zunehmende Beschäftigung mit diesen Landschaften erzeugte in immer weiteren Kreisen Interesse und sogar eine neue ästhetische Kategorie als Gegensatz zur Schönheit. Das Erhabene – als neue Kategorie – bezeichnet keine Ausgewogenheit oder Symmetrie, sondern es erzeugt Ehrfurcht und sogar Schauder und Schrecken. Die wissenschaftlichen Erkenntnisse und der Hunger nach dem Erhabenen befördern den Bau künstlicher Grotten und Felsen, die immer natürlicher gestaltet wurden – damals naturwahr genannt. Naturwahrheit war auch ein erklärtes Ziel der Landschaftsgärten, die in dieser Zeit Mode waren. Künstlich errichtete aber natürlich wirkende Felsen und Grotten passten also hervorragend zu den künstlich geschaffenen Parklandschaften, in denen eine mit Muscheln und Glasmosaiken ausgestattete architektonische Grotte wie in der Renaissance nur als Fremdkörper wahrgenommen worden wäre. Welche funktionale und ästhetische Bedeutung hatten die Grottenanlagen? Dienten diese hauptsächlich zur Zierde? Künstliche Felsenlandschaften wie Grotten oder auch Wasserfälle waren ein enormes Prestigeobjekt. Auch in einer versteckten Lage bilden sie den Höhepunkt der Anlage. Oft flossen zwei Drittel der Kosten der gesamten Gartenanlage in diese Gestaltungen. Insbesondere Wasserfälle waren ein enormer Kostenfaktor wegen der Herleitung des Wassers und der Anschaffung und den Unterhaltskosten einer Dampfmaschine oder Pumpe. Diese Gestaltungen hatten demnach eine deutlich höhere Bedeutung, als wir ihnen heute zusprechen würden. Den Nutzen betreffend gibt es im Wesentlichen zwei Ebenen. Zum einen bewies man wie bei anderen Gartenstaffagen auch seinen Bildungsstand. Eine Felsenlandschaft konnte als Anregung für Gespräche z.B. über … Weiterlesen

Gespräch mit Experten – Dr. Holger Koppe zu seiner Stiftungsarbeit

Dr. Holger Koppe ist Projektentwickler in Frankfurt a. M. und Leipzig sowie Gründer der Holger Koppe Stiftung, die sich seit ihrer Gründung für die Förderung ernster Musik und die Erinnerung an Opfer von Gewaltherrschaft einsetzt. Der promovierte Jurist spricht über seine persönlichen Erfahrungen, die Stiftungsarbeit in beiden Städten und darüber, wie er junge Menschen für die Bedeutung von Musik und Demokratie sensibilisieren möchte. Zudem gewährt er Einblicke in seine Beweggründe und die Vision, die hinter seiner Stiftung stehen. Dr. Koppe, ich danke Ihnen sehr für Ihre Zeit. In diesem Interview wird es um ihre Stiftung gehen, die Sie 2013 gegründet haben. Was waren dabei Ihre Beweggründe und was sind Ihre Schwerpunkte? Zu Lebzeiten eine Stiftung gründen kann man nur, wenn man dafür ein ausreichendes Vermögen hat. Das kann entweder ein Erbe sein oder das Ergebnis langjähriger und erfolgreicher Arbeit. Ein Erbe bin ich nicht, denn meine Eltern waren Flüchtlinge aus Pommern und Schlesien und haben nach ihrer Flucht beim Nullpunkt angefangen. Aber ich habe immer viel gearbeitet und mache das auch mit 74 Jahren noch gerne. Ich wollte der Gesellschaft, die mir das ermöglicht hat, wieder etwas zurückgeben. Die Stiftung wird später mein Erbe sein. Heute besteht die Stiftung seit zwölf Jahren. Sie ist eine kleine Stiftung mit einem überschaubaren Budget, hat sich aber dennoch ein Profil in den Bereichen Musik und Erinnerung geschaffen, auch deshalb, weil sie sich auf die Standorte Frankfurt am Main und Leipzig konzentriert. Sie haben die Stiftung in Frankfurt und Leipzig etabliert. Können Sie uns mehr über die Auswahl dieser beiden Städte und Regionen erzählen? In Frankfurt wohne ich, in Leipzig bin ich seit 35 Jahren nahezu jede Woche vor Ort, weil ich dort ein Unternehmen aufgebaut habe. Ich finde es wichtig, dass auch die Region Leipzig von meinen Stiftungsprojekten profitieren kann. Für eine Ausweitung über diese beiden Regionen hinaus ist die Stiftung aktuell zu klein. Noch ein Wort zur Erinnerung: ich bin in Landsberg am Lech geboren. Dort hat Adolf Hitler „Mein Kampf“ geschrieben. In meinem Geburtsjahr wurden dort die letzten deutschen NS-Verbrecher hingerichtet. Und als Kind hat sich mir 1964 der Auschwitz-Prozess tief in die Erinnerung eingegraben. Antworten darauf habe ich von meinen Eltern leider nicht bekommen. Die Stiftung setzt sich für die Vermittlung von ernster Musik ein, vor allem für junge Menschen. Dabei konzentrieren Sie sich nicht auf die Förderung einzelner Musiker, sondern auf den Zugang zu ernster Musik für junge Menschen. Was genau möchten Sie mit diesem Ansatz erreichen? Beim Thema Musik muss ich vorwegschicken, dass ich selbst kein Instrument spiele. Meine Frau hat früher Ballett getanzt und Klavier gespielt. Noten lesen kann ich nicht. Ich liebe aber klassische Musik, weil sie eine ungemein beruhigende Wirkung auf mich hat, insbesondere in stressigen Zeiten. Ich habe mich bewusst dafür entschieden, keine künftigen Spitzenmusiker zu fördern, sondern einen Beitrag zu leisten, dass junge Menschen früh mit ernster Musik in Berührung kommen und einen Zugang zu ihr finden. Idealerweise lernen sie ein Instrument und musizieren gemeinsam im Ensemble. Das halte ich für einen wichtigen Beitrag zur Persönlichkeitsentwicklung. Seit 2016 vergibt meine Stiftung den Mitteldeutschen Jugendmusikpreis. Wir haben das 2022 dahingehend mit der Erinnerung verbunden, dass die Ensembles sich mit der Musik verfolgter und ermordeter Musiker beschäftigen und wir über ihre Musik den so wichtigen Zugang zu ihnen finden, um diese Menschen nicht zu vergessen. Sie betonen, wie wichtig die Erinnerung an Opfer von Gewaltherrschaft für Sie ist. Wie sehen Sie die Rolle der Stiftung in der aktuellen politischen Landschaft und welche Botschaft möchten Sie insbesondere jungen Menschen vermitteln? Als ich 2013 meine Stiftung gründete, hat sich in Deutschland auch die AfD gegründet. Das war aber damals noch eine ganz andere Partei. Ich habe mir nicht vorstellen können, wie sie sich entwickelt und welche Rolle sie heute in Deutschland einnimmt. Ich bin extrem besorgt über die mögliche weitere Entwicklung. Die deutsche Geschichte lehrt uns, zu was Menschen fähig sind, wenn statt Freiheit und Demokratie Hass und Gewalt dominieren. Die so wichtige Erinnerungsarbeit soll dabei helfen zu verhindern, dass sich heute ähnliche Strukturen bei uns im Land entwickeln wie zu jener Zeit. Haben Sie ein Buch, das Sie zum Lesen empfehlen würden? Es gibt viele Bücher, die ich empfehlen kann. Eines davon ist „Februar 33“ von Uwe Wittstock, in dem die Tage vom 28. Januar bis zum 15. März 1933 aus der Sicht von engagierten Zeitzeugen beschrieben werden. In so wenigen Tagen hatte sich alles entschieden, alle demokratischen Strukturen wurden zerschlagen. Viele der beschriebenen Zeitzeugen haben sich in diesen sechs Wochen von einem auf den nächsten Tag entscheiden müssen, ob sie mit ihrer Familie das Land verlassen und Emigranten werden oder nicht. Das wollen wir keinesfalls noch einmal erleben. Zum Abschluss, was wünschen Sie sich für die Zukunft Ihrer Stiftung? Da ich nicht weiß, wie lange ich die Stiftungsarbeit noch begleiten kann, wünsche ich mir natürlich, dass auch nach meinem Ausscheiden die Stiftung gute und nachhaltige Projekte unterstützen kann und das noch sehr lange Zeit. Bestenfalls dann mit mehr finanziellen Spielräumen. Derzeit mache ich vieles selbst, aber ich habe das Ziel, professionellere Strukturen aufzubauen. Daraus erhoffe ich mir für die Zukunft eine größere Unterstützung der Stiftungsarbeit. Dabei setze ich auch auf meinen Stiftungsbeirat, der die Stiftung seit ihrer Gründung begleitet und berät. Aktuelles: www.koppe-stiftung.de © 2025 is licensed under CC BY-NC-SA 4.0 Namensnennung – Nicht-kommerziell – Weitergabe unter gleichen Bedingungen

Galionsfigur der europäischen Frauenbewegung – Elfrida Andree

Im Begleitprogramm der Palmengarten-Ausstellung fand im Festsaal des Alten Rathaus Leipzig die erste öffentliche Veranstaltung statt. Der Abend war der schwedischen Komponistin Elfrida Andrée (1841-1929) gewidmet, die im Januar 1905 im Leipziger Palmengarten ein Orchesterkonzert mit ihren eigenen Werken dirigierte. Eröffnet wurde die Veranstaltung durch die Grußredner Anne Roßburger (HTWK Leipzig) und Eric Buchmann (Vorsitzender der Hieronymus-Lotter-Gesellschaft). Die Veranstaltung war inhaltlich in zwei Teile gegliedert: Im ersten Teil hielt Mary Ellen Kitchens (Archiv Frau und Musik) einen Vortrag über das Leben und Werk der schwedischen Komponistin. Im zweiten Teil folgte eine Podiumsdiskussion mit ihr und Kerstin Sieblist (Stadtgeschichtliches Museum Leipzig). Durch den Abend führte Eva Meitner, die moderierte und zwischendurch auch selbst am Klavier Werke der Komponistinnen Elfrida Andrée, Amy Beach (1867-1944) und Ethel Smyth (1858-1944) spielte. Kurzinformation zur Referentin Mary Ellen Kitchens Von 1994 bis 1998 war Mary Ellen Kitchens Vorstandsfrau bei musica femina münchen. Seit 2013 ist sie Vorstandsfrau des Archivs Frau und Musik in Frankfurt am Main, dem weltweit größten und bedeutendsten Archiv dieser Art. Aufgrund ihrer regen Konzerttätigkeit mit ihren Ensembles (Frauenorchesterprojekt Berlin, Orchesterverein Kempten, Munich International Choral Society, Rainbow Sound Orchestra Munich, Regenbogenchor München) ist sie zudem auch selbst als Dirigentin aktiv und leitet häufig Aufführungen mit Werken von Komponistinnen, darunter auch Elfrida Andrée. Mary Ellen Kitchens verbindet auf diese Weise tiefgründiges Fachwissen mit gelebter Konzertpraxis. Archiv Frau und Musik (AFM) Das Archiv wird 2029 sein 50-jähriges Jubiläum feiern und ist das weltweit größte Archiv dieser Art. Der Fokus liegt auf Komponistinnen, Dirigentinnen, sowie in der Musikwelt agierende Frauen. Zudem ist das Archiv beratend für Musizierende, Ensembles und Verlage tätig, wenn nach Programmideen oder Informationen zu Komponistinnen und ihren Werken gesucht wird. Besonderer Wert wird auf Vernetzung gelegt, sowohl zwischen Komponistinnen als auch zwischen Aufführenden. Eine enge Zusammenarbeit besteht mit dem Digitalen Deutschen Frauenarchiv (https://digitales-deutsches-frauenarchiv.de), da die Digitalisierung und Online-Präsentation von Medien eine zentrale Rolle im Archiv einnehmen. www.archiv-frau-musik.de Das Referat über Elfrida Andrée (von Mary Ellen Kitchens) Elfrida Andrée (1841-1929) war eine außergewöhnlich vielseitige Frau, deren facettenreiche Persönlichkeit sich auch in ihrem Kompositionsstil widerspiegelt. Sie wirkte als Organistin, Komponistin, Telegraphistin und Harfenistin. Besonders bemerkenswert ist ihre Behandlung der Harfe in ihren Orchesterwerken, zweifellos zurückzuführen auf ihre eigenen virtuosen Fertigkeiten an diesem Instrument. Ihr Hauptinstrument war jedoch die Orgel: Für 62 Jahre war sie Domorganistin in Göteburg, eine bemerkenswert lange Zeit in dieser Position. Den entscheidenden Rückhalt erhielt sie von ihrem Vater, der ihre Ausbildung zur Telegraphistin und Organistin unterstützte. Da Frauen in diesen Berufen damals nicht tätig sein durften, mussten schwedische Gesetze geändert werden, um ihre eigene Berufsausübung zu ermöglichen. So wurde Andrée die erste Frau, die den Beruf der Telegraphistin ergreifen durfte und ging als erste Domorganistin in die Geschichte Schwedens ein. Sie komponierte zahlreiche Werke für Klavier und Orgel sowie Kammermusik, Chormusik und Orchesterwerke. Ihr erstes Orchesterwerk, die Ouvertüre in g-Moll, schrieb sie im Alter von 23 Jahren. Im Laufe ihres Lebens vertiefte sie ihr Interesse am Orchesterklang, vermutlich hat sie dies als Potenzierung des Orgelklanges erlebt. In ihrem Tagebuch taucht der bemerkenswerte und von ihr unterstrichene Satz auf: „Das Orchester ist das Ziel!“ Elfrida Andrée war die erste Frau in Schweden, die Sinfonien schrieb. Doch ihre Aufführungen waren oft von Widerständen begleitet. So ist überliefert, dass Musiker eines Orchesters bewusst ihre Partitur sabotierten, indem die ersten Geigen absichtlich einen Takt zu spät einsetzten. Dadurch entstanden unintendierte Missklänge, die sich natürlich negativ auf die Rezeption des Werks ausgewirkt haben. Andrée und ihre Schwester verließen das Konzert aus Protest. Sie ließ sich aber nicht beirren und setzte ihre Studien in Bezug auf Orchesterkomposition in Kopenhagen bei Niels Gade fort. Sie entschied sich bewusst gegen eine Heirat, was zu dieser Zeit für eine Frau ein mutiger Schritt war. 1905 wurde in Leipzig ihre 2. Sinfonie in a-Moll aufgeführt, die zehn Jahre nach ihrer ersten Sinfonie entstanden war. Da es zunächst keinerlei Aufführungsmöglichkeiten gab, musste sie 14 Jahre bis zur Uraufführung dieser Sinfonie (1893) warten. Obwohl das Werk sehr erfolgreich war, durfte sie als Komponistin nicht auf die Bühne treten, um den Applaus entgegenzunehmen. In ihrem Leben gab es zahlreiche Situationen wie diese, in denen sie nicht die Würdigung erhalten hatte, die ihr eigentlich zustand. Im gleichen Jahr der Uraufführung ihrer 2. Sinfonie fand die Weltausstellung in Chicago statt. Dort gab es eine Ausstellung zu Werken schwedischer Komponistinnen und ihre Freundin, die Komponistin Laura Netzel nahm unter anderem auch Werke Elfrida Andrées mit auf ihre Reise. Auf diese Weise wurde sie das erste Mal international wahrgenommen. Mitte der 1890er Jahre schrieb sie ihre Oper „Fritjofs Saga“ für die Teilnahme an einen Wettbewerb. Es wird vermutet, dass ihre Teilnahme nicht ernst genommen wurde, weshalb die Oper keinen Preis erhielt. Später überarbeitete sie die Ouvertüre und Zwischenspiele der Oper zur „Fritjof Suite“, das bis heute am häufigsten aufgeführte Orchesterwerk aus ihrer Feder. Eventuell gab es schon vor dem Konzert im Palmengarten Kontakte nach Leipzig, dies gilt es allerdings noch weiter zu erforschen. Ihre Schwester absolvierte in der sächsischen Musikstadt eine vierjährige Ausbildung als Opernsängerin, weshalb ein früherer Besuch nicht ausgeschlossen werden kann. Es könnte durchaus sein, dass sie schon vor ihrer Palmengarten Aufführung in Leipzig gewesen war. Ebenfalls ist überliefert, dass Andrée zuvor als Organistin für ein Konzert in der Thomaskirche vorgesehen war, dass kurzfristig abgesagt wurde, da eine Frau an der Orgel der damaligen „Sitte“ nicht entsprochen hatte. Ende 1904 finden sich historisch belegte Kontakte nach Sachsen. Zunächst über eine Einladung nach Dresden vom dortigen Kapellmeister, um dort im Konzert ihre eigenen Werke zu dirigieren. Zwei Monate später dirigierte sie dann im Januar 1905 ihr Fritjof-Vorspiel und die 2. Sinfonie im Leipziger Palmengarten. Wo genau sie die Zeit zwischen diesen beiden Auftritten verbracht hatte, ist zwar nicht bekannt, aber vermutlich ist sie die Zeit über in der Nähe der sächsischen Auftrittsorte geblieben. Eine detaillierte Auswertung ihrer Briefe könnte hier genauere Hinweise liefern. Die Rezensionen der Presse Die Leipziger Presse reagierte kritisch auf ihr Konzert. Besonders im Leipziger Tageblatt wurde nicht nur ihr Werk abgewertet, sondern grundsätzlich hinterfragt, ob Frauen überhaupt komponieren können. Während die Fritjof-Ouvertüre … Weiterlesen

Gespräch mit Experten – Rolf Engelmann zum Botanischen Garten in Leipzig

Rolf Engelmann ist seit 2021 als Koordinator für Wissenstransfer im Botanischen Garten der Universität Leipzig tätig. Mit einem Studium zum Biologen in Halle und Leipzig bringt er fundiertes Fachwissen und eine Leidenschaft für die verständliche Vermittlung von Wissenschaft mit. Sein Fokus liegt darauf, den Botanischen Garten als lebendigen Ort des Austauschs und Lernens zu gestalten. Hier schafft er Bildungsangebote für Menschen jeden Alters und stärkt damit die Rolle des Gartens als Brücke zwischen Universität und Öffentlichkeit in einer der ältesten botanischen Einrichtungen Deutschlands. Herr Engelmann, können Sie uns bitte erklären, welche Bedeutung der Botanische Garten für die Universität und die Stadt Leipzig hat? Der Botanische Garten der Universität Leipzig ist ein Ort der Wissenschaft, also der Forschung und Lehre. Im Garten wird mit Pflanzen experimentiert, Pflanzen für Bestimmungskurse angezogen und unsere Pflanzensammlung dient im Rahmen der Ausbildung von Studierenden botanischen und vegetationskundlichen Führungen. Doch auch für die Menschen der Stadt Leipzig hat der Garten eine große Bedeutung. Als Grünes Schaufenster der Universität gestalten wir hier einen intensiven Austausch im Bereich des Wissenstransfers. Gemeinsam mit unserem Förderverein organisieren wir ein vielfältiges Jahresprogram mit Führungen, Exkursionen, Vorträgen, Pflanzenmärkten und Ausstellungen. Auch der Bildungsbereich im Botanischen Garten ist hervorzuheben: wir haben Angebote für alle Altersbereiche ob Kinder, Jugendliche oder Erwachsene. Wie hat sich der Botanische Garten der Universität Leipzig im Laufe seiner Geschichte entwickelt? Der Botanische Garten der Universität Leipzig gilt als der älteste Botanische Garten an einer Universität in Deutschland. Der Ursprung liegt im Jahr 1542 als das Dominikanerkloster St. Pauli mit dem zugehörigen Medizinal-Garten der damals noch jungen Universität Leipzig übertragen wurde. Bereits 1580 erfolgte eine Integration in die Lehre und Forschung der Universität mit der Ernennung von Moritz Steinmetz zum ersten Präfekten des Gartens. Im Lauf der Jahrhunderte wurde der Standort des Botanischen Gartens mehrfach verlegt und befindet sich nun seit 1877 am jetzigen Standort. Heute blicken wir im Botanischen Garten auf eine wechselvolle Geschichte zurück. In den über 450 Jahren seiner Existenz ist er Teil der wissenschaftlichen und kulturellen Identität der Universität Leipzig und der Stadt Leipzig geworden. Ist sein Status als ältester Botanischer Garten in Deutschland gerechtfertigt? Wie bereits verdeutlicht liegen die Anfänge des Gartens in der Mitte des 16. Jahrhunderts. In dieser Zeit sind auch die ältesten europäischen Botanischen Gärten Norditaliens in Pisa (1544), Padua (1545) und Bologna (1568) gegründet worden. Der Leipziger Botanische Garten ist somit keine Besonderheit, sondern unterstreicht die Bedeutung Botanischer Gärten bzw. Medizinalgärten für die Lehre und Forschung an den Universitäten zu der damaligen Zeit. Zur Wahrheit gehört aber auch, dass der Leipziger Garten seitdem mehrmals umgezogen ist und die Schwerpunkte der Pflanzensammlung sich abhängig von den jeweils aktuellen Forschungsschwerpunkten verändert haben. Aus einem Medizinalgarten (lat. hortus botanicus) entwickelte sich ein Botanischer Garten, in dem heute die verschiedenen Facetten der Vielfalt im Pflanzenreich im Fokus stehen. Mit heute rund 6.300 verschiedenen Arten wollen wir als Garten der Vielfalt eine Brücke schlagen und vor allem botanisch-ökologische Themen im Kontext von Klimawandel, Transformation, Nachhaltigkeit oder Biodiversitätskrise betrachten. Gibt es bestimmte Personen, die eine zentrale Rolle gespielt haben, die heute nicht vergessen werden dürfen? Als Einrichtung mit so langer Geschichte ist es sicher nicht einfach einzelne Personen herauszustellen und gleichzeitig andere nicht zu würdigen. Diplomatisch ausgedrückt gibt es eine Vielzahl an Personen oder besser an Personengruppen, ohne die ein Botanischer Garten nicht erfolgreich arbeiten kann. Zu Nennen sind dabei an erster Stelle natürlich die Gärtnerinnen und Gärtner. Sie bringen gärtnerischen Sachverstand und Leidenschaft in unsere artenreiche Pflanzensammlung. In den früheren Jahrhunderten wurden sie, unterstützt von weiteren Personen, wie beispielsweise Heizern (lange Zeit wurden die Gewächshäuser des Botanischen Gartens mit Kohle beheizt) oder anderen Personen, die essentielle Hilfstätigkeiten ausgeführt haben. Ich stelle diesen Personenkreis ganz bewusst an den Anfang meiner Aufzählung, sie werden im Laufe der Geschichte mitunter zu selten gewürdigt – hier würde ich mich über neue Erkenntnisse und Anekdoten bei der Aufarbeitung unserer Geschichte sehr freuen. Des Weiteren hatten wir seit 1580 viele sehr namhafte Direktoren, die die Geschicke des Gartens maßgeblich prägten und nicht selten weltweit bekannte Botaniker ihrer Zeit waren. Doch auch die Garteninspektoren, heute eher als Betriebsleiter bezeichnet, gestalteten die Entwicklung des Botanischen Gartens über die Jahrhunderte und sind wichtige Brückenbauer zwischen Wissenschaft und gärtnerischer Praxis. Nicht zu vergessen sind auch die Kustoden, also die wissenschaftlichen Mitarbeiter des Botanischen Gartens. Sie betreuen die artenreiche Sammlung, organisieren den fachlichen Austausch mit anderen Botanischen Gärten und entwickeln die Sammlung des Botanischen Gartens stetig weiter. Wie würden Sie die Pflanzensammlung des Gartens beschreiben? Heute haben wir im Botanischen Garten rund 6.300 verschiedene Pflanzenarten in rund 10.000 verschiedenen Akzessionen. Grob könnte man sagen, dass die Hälfte der Arten im Freiland zu finden sind und die andere Hälfte der Arten unsere Gewächshäuser benötigt. Als „Garten der Vielfalt“ möchten wir die Vielfalt im Pflanzenreich in möglichst vielen Facetten erlebbar machen. Im System kann man sich mit der Verwandtschaft im Pflanzenreich beschäftigen, in den geographischen Abteilungen sieht man die Arten gleicher klimatischer oder geographischer Regionen und die biochemische Vielfalt ist in den Beeten des Apothekergartens ersichtlich. Hier sind die gezeigten Pflanzen nach ihren medizinisch genutzten Inhaltsstoffen sortiert. Gibt es spezielle oder seltene Pflanzenarten, die im Botanischen Garten besonders hervorstechen? Als Botanischer Garten liegt unserer Fokus auf Wildarten, das heißt Pflanzenarten, die so auch in der Natur vorkommen. Nur eine sehr untergeordnete Rolle spielen bei uns Sorten oder Züchtungen. Aus diesem Grund sind in unserer Sammlung mitunter sehr viele seltene und besonders interessante Pflanzen. Für unsere Besucher sind sicherlich solche Pflanzen von großem Interesse, die nicht vor unserer Haustür in der Natur oder im Garten wachsen. Ich denke hier beispielsweise an Palmen, die Riesenseerose oder auch das Mammutblatt – alles Pflanzen die Staunen und Interesse wecken. Arbeiten Sie dabei mit anderen Forschungseinrichtungen zusammen? Ja, in allen Belangen. Zuerst einmal ist der Botanische Garten mit der Arbeitsgruppe Spezielle Botanik und Funktionelle Biodiversität verknüpft, arbeitet aber auch mit anderen Arbeitsgruppen der Universität Leipzig zusammen. Darüber hinaus betreibt das Deutsches Zentrum für integrative Biodiversitätsforschung (iDiv) Halle-Jena-Leipzig ein Forschungsgewächshaus im Botanischen Garten. Zusätzlich gibt es gemeinsame Projekte mit dem Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung (UFZ), … Weiterlesen

Gespräch mit Experten – Dr. Katja Heubach zum Palmengarten am Main

Dr. Katja Heubach ist seit 2018 Direktorin des Palmengartens in Frankfurt am Main. Unter ihrer Leitung feierte die städtische Gartenanlage 2021 ihr 150-jähriges Bestehen – trotz der Herausforderungen durch die Pandemie. Der Frankfurter Palmengarten hat sich im Laufe der Geschichte immer wieder erfolgreich gegen widrige Umstände behauptet. Als ein Wahrzeichen der Stadt genießt er starken Rückhalt in der Bürgerschaft. Dieser Geist prägt auch die Arbeit der Direktorin, die darauf abzielt, die historische Gartenanlage den Herausforderungen der Zeit anzupassen und gemeinsam mit den Frankfurtern zu bewahren. Frau Dr. Heubach, vielen Dank, dass Sie sich die Zeit für dieses Interview nehmen und uns über den Frankfurter Palmengarten informieren. 1899 diente dieser schließlich als Vorbild für den Leipziger Palmengarten, der heute leider nicht mehr als botanische Gartenanlage existiert, aber einst große Bedeutung für die Leipziger Bürgerschaft hatte. Welche Rolle spielt der Palmengarten für die Stadt Frankfurt? Der Palmengarten gehört zu den historischen Frankfurter Institutionen, die wie Zoo, Städel Museum, Universität und Senckenbergische Stiftung auf bürgerliche Initiativen zurückgehen und fest in der Frankfurter Stadtgesellschaft verwurzelt sind. Die Verbundenheit der Bürgerinnen und Bürgern zum Palmengarten ist groß. Für viele ist der Garten „ihr“ grünes Wohnzimmer. Der erste Besuch findet oft mit der Schule oder den Eltern statt. Später geht man dann zu Festen oder Konzerten in den Garten oder lässt sich im Haus Rosenbrunn trauen – nachdem man im Palmengarten den Heiratsantrag gemacht hat. Neben ausgesprochenen Pflanzenkennern und -liebhaberinnen, die sich informieren und nach Neuerungen schauen wollen, zieht der Garten vor allem Erholungssuchende an. Der Garten passt sich seit anderthalb Jahrhunderten den Bedürfnissen seines Publikums und den jeweiligen Erfordernissen der Zeit immer wieder neu an. Dazu gehören heutzutage auch zum Beispiel digitale Bildungsangebote; die Stärke des Gartens ist und bleibt aber das Analoge. Welche Schlüsselereignisse oder -phasen waren in den letzten 150 Jahren entscheidend für die Entwicklung und das Wachstum des Frankfurter Palmengartens? Ein Schlüsselereignis für die Gründung war 1866 die Besetzung der ehemals Freien Reichsstadt Frankfurt durch die Preußen. Im selben Zusammenhang musste auch Herzog Adolph von Hessen-Nassau abdanken und seine berühmte Pflanzensammlung verkaufen. Der Gartenkünstler Heinrich Siesmayer konnte sie glücklicherweise für Frankfurt erwerben, finanziert wurde alles von einer extra dafür gegründeten Aktiengesellschaft. Für diese Pflanzensammlung wurde der Palmengarten mit seinem Herzstück, dem Palmenhaus, eigentlich angelegt. Weil die Sammlung stetig wuchs, bekam sie Anfang des 20. Jahrhunderts eine damals hochmoderne Schauhausanlage. Dann kam der Einschnitt von Inflation und Weltwirtschaftskrise, die tragende Gesellschaft musste den Palmengarten abgeben. Seitdem ist der Palmengarten städtisch. Die Amerikaner, die kurzzeitig aus dem Garten ein Recreation Center für ihre GIs gemacht hatten, halfen, die Folgen des Kriegs abzupuffern. Später ging es im Palmengarten gesellschaftlich wieder ähnlich hoch her wie in seiner Anfangszeit. Regelrecht neu organisiert, auch baulich, hat dann Direktor Schoser den Garten in den 1970er und 80er Jahren. Der Palmengarten mit dem neugebauten Tropicarium und großen Blumenschauen war ungeheuer populär, regional wie international. Die Leute standen Schlange, um eine Orchideenausstellung zu sehen. Deutlich später, aber ebenso weitreichend war die 2012 umgesetzte Angliederung des angrenzenden Botanischen Gartens an den Palmengarten, der ehemals zur Goethe Universität Frankfurt gehörte. Heutzutage treiben uns vor allem der Klimawandel und das Artensterben um, dazu gehören auch Themen wie Nachhaltigkeitsmanagement, besonders in den Bereichen Energie, Wasser und Materialeinsatz. Im Rahmen von mehrjährigen Leitthemen bringen wir komplexe Fragestellungen an das Publikum und schaffen damit gleichzeitig eine erkenntnisreiche Neuorientierung nach innen. Das erste Leitthema, das wir in diesem Jahr abbinden, heißt „Blüten- und Bestäuberökologie“. Anlass war 2021 das neue Blüten- und Schmetterlingshaus mitsamt der Dauerausstellung „Abgestaubt“ zur Welt der Insekten. Dazu gehören die insektenfreundliche Umgestaltung von Rasen zu Wiesenarealen mit unterschiedlichen Blühaspekten, eine meterlangen Nistwand mit Biodiversitätsdach, nektarreiche Unterpflanzungen bestehender Beetanlagen und vieles mehr. Begleitend wurden zahlreiche analoge und digitale Vermittlungsformate mit Augenmerk auf die verschiedenen Blickwinkel von Wissenschaft, Praxis, Kunst und Kultur entwickelt. So rundet unsere neue große Kunstausstellung „Verspielt? − Roulette mit der Insekten- und Pflanzenwelt“ das Leitthema mit einem fulminanten Paukenschlag ab – und zieht ein völlig anderes Publikum zur Auseinandersetzung mit dem Thema in den Garten. Gab es Persönlichkeiten, die eine Schlüsselrolle in der Geschichte des Frankfurter Palmengartens gespielt haben? Können Sie einige von ihnen nennen und ihre Beiträge näher erläutern? Außer Heinrich Siesmayer, dem Gründungsdirektor, dem wir den Garten im Stil des englischen Landschaftsparks verdanken, ist zum Beispiel sein unmittelbarer Nachfolge August Siebert zu nennen, der die Pläne Siesmayers weiterentwickelte. Er machte den Garten um 1900 zu einem wahren Sportlerparadies mit Rudern auf dem Weiher, Tennis, Eislaufen, Fahrradrennen und Wettkämpfen. Direktor Fritz Encke sorgte für den Wiederaufbau des Gartens nach dem 2. Weltkrieg. Für immer mit dem Namen Gustav Schoser verbunden bleibt die grundlegende Erneuerung und die sogenannte „innere Erweiterung“ der Anlage ab Ende der 1960er Jahre. Der Palmengarten erhielt damals sein Erscheinungsbild, wie es in etwa noch heute besteht. Es kamen Gebäude wie das Subantarktishaus und das Haus Rosenbrunn hinzu, andere wurden umgebaut oder versetzt. Die Tennisplätze wurden entfernt und durch eine Steppenanlage ersetzt. Das in den 1980er Jahren errichtete Tropicarium war wirklich ein großer Coup, an dem wir bis heute Freude haben. Es beherbergt Gewächse aus den Feuchten sowie Trockenen Tropen, die nach Klima- und Vegetationszonen geografisch sortiert gepflanzt sind. Außerdem wurden unter Schosers Leitung besonders viele seltene und vom Aussterben bedrohte Pflanzen kultiviert, wie aus der Familie der Bromelien, Orchideen und der Gruppe der Sukkulenten. Der weitere Ausbau der wissenschaftlichen Sammlung ist auch mir besonders wichtig. Wir haben im letzten Jahr zum ersten Mal in der Geschichte des Palmengartens ein Sammlungskonzept erarbeitet. 2021 feierte der Frankfurter Palmengarten sein 150-jähriges Jubiläum. Wie haben Sie dieses besondere Ereignis begangen? Wir haben groß gefeiert, gemessen an Vielfalt des Programms, besonders, wenn man die Umstände bedenkt – mitten in der Pandemie. Zum Jubiläum gab es einen umfassenden Jubiläumsband, der die Geschichte des Palmengartens und seiner Sammlungen darstellt, Geschichten aus der Gegenwart des Gartens erzählt, mit großformatigen ansprechenden Bildern. Dazu hat die Autorin die Mitarbeitenden, aber auch unser Publikum befragt. Passend dazu gab es eine umfangreiche Ausstellung zur Geschichte– auch ein Novum in der Palmengartengeschichte. Ein weiteres Highlight war die Eröffnung des lange projektierten … Weiterlesen

Der klingende Park – Tage der Industriekultur in Leipzig

Vom Ausstellungspark bis zum Leipziger Palmengarten – Park- und Gartenkultur im Zeitalter der Industrialisierung Die Veranstaltungsreihe „Der klingende Park“ ist ein Teil der Industriekulturtage in Leipzig. Sie bietet eine Reise durch die Geschichte der Gartenbaukunst in Leipzig, angefangen mit den prächtigen privaten Bürgergärten, den ersten Botanischen Garten und den ersten kommunalen Landschaftspark Deutschlands über die modernen Ausstellungs- und Freizeitparks sowie Ausflugsstätten im Industriezeitalter bis hin zu den noch erhaltenen Parkanlagen jener Zeit, die als Gartenbau- und Kulturdenkmal heute einen besonderen Schutzstatus genießen. Die Parkerrichtung war über dem ein wichtiger Faktor des städtebaulichen Wandels im Zuge der Hochindustrialisierung und des Städtewachstums in Deutschland. Zur Zeit der Sächsisch-Thüringischen Industrie- und Gewerbeausstellung 1897 (STIGA) waren viele Leipziger Parkanlagen in ihrer Entstehung. Gut für Leipzig war es, dass die Stadtoberen 1899 eine Umsetzung öffentlicher Parkanlagen befürwortete und finanzielle Mittel dafür bereitstellte – dies kann heute als Ausdruck einer vorausschauenden und nachhaltigen Stadtentwicklung im Industriezeitalter gedeutet werden, denn diese Grünflächen dienten neben anderen wichtigen Aspekten auch zur Regeneration einer hart arbeitenden Bevölkerung. Hierzu zählen beispielsweise der Stünzer Park (1898) im Leipziger Osten, der Leipziger Palmengarten (1899) im Leipziger Westen, der Arthur-Bretschneider-Park (1900) im Leipziger Norden ebenso wie der Wilhelm-Külz-Park (1904) im Leipziger Süden und der an der Stelle des Ausstellungsparks der STIGA tretende König-Albert-Park (1904), der heutige Clara-Zetkin-Park, im Leipziger Zentrum. Sie alle dienen dem Wohl der Leipziger und ihrer Besucher, sei es zur Bildung, Erholung oder zum Vergnügen. Entsprechend lohnenswert ist ein Blick auf ihre Entstehungs- und Blütezeit, die verschiedenen Kunstformen, die diese Parks bereicherten (z.B. Architektur, Skulptur, Landschaftsgestaltung, Musik) – ganz zu schweigen von den Schicksalen einst untergegangener Oasen, die in alten Postkarten, Lithografien und Aufnahmen heute wieder lebendig werden. Unser Ziel ist es, die Vielfalt der Leipziger Park- und Gartenkultur zu beleuchten und mit dieser Veranstaltungsreihe möglichst viele Menschen zu erreichen. Wir sind davon überzeugt, dass ein besseres Verständnis der lokalen Kulturgeschichte zu einem bewussteren Umgang mit den Parkanlagen führen kann. Veranstaltungen 2024 Zu den 12. Tagen der Industriekultur in Zusammenarbeit mit dem Verein für Industriekultur Leipzig e.V. und einer Hommage an 125 Jahre Leipziger Palmengarten mit dem Historical Swing Dance Orchestra, Bühnenprogramm, Open-Air-Ausstellung, Stammtisch der Parkenthusiasten, Info-Stand und Bücherverkauf. Gäste u.a. Prof. Dr. Leder (Museumsdirektor Naturkundemuseum Leipzig), Daniela Neumann (Stadt- und Parkführerin und Hans-Joachim Hädicke (Privatsammler). **** Wann? 08.09.2024, 14:00 – 19:00 UhrWo? Musikpavillon, Clara-Zetkin-Park, Anton-Bruckner-Allee 11, 04107 LeipzigWie viele Gäste waren da? > 400 Gäste **** Veranstaltungen 2023 Zu den 11. Tagen der Industriekultur in Zusammenarbeit mit dem Verein für Industriekultur Leipzig e.V. mit dem Symphonischen Blasorchester/ ISKRA Oldstars, Bühnenprogramm, Open-Air-Ausstellung, Info-Stand und Bücherverkauf. Gäste u.a. Dr. Enrico Ruge (HTWK Leipzig), Henner Kotte und Sebastian Ringel (beide Stadtführer, Autoren). **** Wann? 03.09.2023, 14:00 – 19:00 UhrWo? Musikpavillon, Clara-Zetkin-Park, Anton-Bruckner-Allee 11, 04107 LeipzigWie viele Gäste waren da? > 500 Gäste ****

Erfolgreiches Netzwerktreffen im Grassi – Jugendstil in Leipzig

Bis Anfang Oktober 2024 präsentiert das GRASSI Museum für Angewandte Kunst die Sonderausstellung „Beflügelndes Fieber. Jugendstil im GRASSI“, die sich mit der Kunst um 1900 auseinandersetzt. Doch nicht nur am Johannisplatz ist diese Epoche erlebbar: Der Jugendstil findet sich in unzähligen architektonischen Beispielen im Stadtraum wieder. Darüber hinaus beschäftigen sich viele Fachleute damit. Sei es als angehende Wissenschaftler*innen, als Denkmalpfleger*innen im beruflichen Alltag oder als ehrenamtliche Mitglieder eines Vereins. Andere widmen sich wiederum dem Sammeln von Jugendstilobjekten oder erforschen ihre eigene Familiengeschichte – sie alle eint die Faszination für die Zeit der Jahrhundertwende. Das Treffen richtete sich an alle Interessierten, die sich mit Themen aus der Zeit um 1900 beschäftigen. Um die verschiedenen Initiativen, Vereine, Privatpersonen und Nachwuchswissenschaftler*innen zusammenzubringen, fand am 10. Juni 2024, an dem internationalen Tag des Jugendstils, ein Netzwerktreffen im GRASSI Museum für Angewandte Kunst statt. Bei diesem Projekt ging es um den offenen und aktiven Austausch, das Verbinden von Interessengebieten und das Knüpfen neuer Kontakte. Der Termin verfolgte auch den Ansatz der „Citizen Science – Initiative“, bei dem der Forschung von Privatpersonen außerhalb des Wissenschaftsbetriebes mehr Raum gegeben werden soll. Verschiedene Vereine und Arbeitskreise, etwa der AK Jugendstil bis Moderne des Freundeskreises des GRASSI Museums für Angewandte Kunst e.V., der AK Gohliser Geschichte im Leipziger Geschichtsverein und Industriekultur Leipzig e.V., unterstützten die Initiative als Kooperationspartner. Neben Mitgliedern des Freundeskreises des GRASSI Museums und den beiden Kooperationspartnern nahmen auch weitere Privatpersonen, Denkmalpfleger*innen und sogar eine Schauspielerin teil. Schon bald entwickelten sich lebhafte Diskussionen über die unterschiedlichen Interessen der Teilnehmenden. Besonders interessant fanden viele den Architekten Paul Möbius und sein Gebäude im Ausstellungspark der STIGA (1897) – dem Nietzschmann-Wommerschen „Wurst“-Pavillon – das vermeintlich erste Jugendstilgebäude der Stadt. Auch F.B. Selle, ein Leipziger Unternehmer, der um die Jahrhundertwende in seiner Manufaktur wunderschönes Porzellan in Burgau bei Jena herstellte, war auf dem damaligen Ausstellungsgelände vertreten. Außerdem wurden die Planungen zum 125. Jubiläum des Palmengartens der HTWK Leipzig besprochen, und die Denkmalpflege war ebenfalls ein wichtiges Thema. Auch die Künstler Max Klinger und Elsa Asenijeff wurden nicht vergessen. Besonders die Stadtteile Gohlis und Eutritzsch standen neben dem Stadtzentrum stark im Fokus. Eine Führung durch die Sonderausstellung mit der leitenden Kuratorin, die Anlass für das Treffen war, gab den Teilnehmenden tiefere Einblicke über die Zeit der Jahrhundertwende. Weitere interessante Werke wurden in der neuen Vitrinenausstellung „Become a Curator“ vorgestellt, bei der die Privatsammler*innen eingeladen wurden, ihre Stücke zu präsentieren. Einer der Aussteller war auch anwesend und berichtete ausführlich über seine Sammelleidenschaft und die damit verbundenen Herausforderungen. Dank der Unterstützung durch das Stadtbezirksbudget Leipzig-Mitte der Stadt Leipzig konnten wir für das leibliche Wohl sorgen und im schönen Rehgarten des GRASSI Museums eine angenehme Atmosphäre gestalten, die zu einem anregenden und produktiven Austausch beigetragen hatte – genau das war das Ziel der Veranstaltung. Eine Fortsetzung war der gemeinsame Wunsch, so dass weitere Netzwerktreffen geplant werden. Dann soll es nicht nur um den Jugendstil gehen, sondern allgemein um die Zeit von der Jahrhundertwende bis zum Ersten Weltkrieg. Ein herzliches Dankeschön an alle Beteiligten für ihre engagierte Teilnahme und die bereichernden Gespräche, die dieses Treffen zu einem vollen Erfolg gemacht haben. Wir freuen uns darauf, den Austausch bei einem nächsten Netzwerktreffen fortzusetzen und die gemeinsamen Interessen weiter zu vertiefen. Möge diese Initiative weiterhin wachsen und gedeihen, getragen von der Begeisterung und dem Engagement aller Teilnehmenden.

Gespräch mit Experten – Dr. Maren Möhring zur Esskultur der STIGA

Prof. Dr. Maren Möhring, Sozial- und Kulturhistorikerin an der Universität Leipzig, widmet sich in einem wissenschaftlichen Artikel der Bedeutung von Speisen und Getränke bei Welt- und Kolonialausstellungen um 1900. Sie analysiert anhand der Berliner und Leipziger Gewerbeausstellungen deren Inszenierung und ihre Funktion als Ausstellungsobjekte. Hierbei beleuchtet sie auch die Rolle der Koch- und Essgewohnheiten der Nichteuropäer, die eigens für die Dauer dieser Ausstellungen ausgewählt wurden. Frau Prof. Dr. Möhring, Sie beschäftigen sich mit dem Thema „Esskultur auf den Welt- und Kolonialausstellungen um 1900“. Wie kamen Sie dazu, was hat Sie dazu bewogen, einen Forschungsbeitrag zu schreiben? Ich interessiere mich generell für die Bedeutung von Essen in verschiedenen sozialen und kulturellen Kontexten: Welche Bedeutungen werden spezifischen Lebensmitteln und bestimmten Mahlzeiten zugeschrieben? Was erfahren wir über Gesellschaften, wenn wir ihre esskulturellen Konventionen betrachten? Gerade wenn es um die Inszenierung von anderen Kulturen geht, kommt dem Essen als Alltagsphänomen oft eine besondere Bedeutung zu. Was und wie gegessen wird, weckt Interesse und Neugier, aber oft auch Abwehr. Diese widersprüchlichen Emotionen scheinen mir für eine Analyse von Welt- und Kolonialausstellungen hoch relevant. Wie würden Sie sich selbst und ihre Forschung beschreiben? Ich bin Historikerin geworden, weil ich mich für gesellschaftliche Transformationsprozesse und für kulturellen Wandel interessiere. Wichtig ist mir eine genaue Analyse von Machtbeziehungen, um soziale Ungleichheiten, aber auch die Handlungsspielräume historischer Akteur:innen ausloten zu können. Das heißt auch, sich damit zu befassen, was zu einem bestimmten Zeitpunkt eigentlich sagbar und denkbar war. Durch geschichtswissenschaftliche Untersuchungen lassen sich zum einen die Begrenzungen vergangener Diskurse aufzeigen, zum anderen aber auch nicht realisierte Möglichkeiten aufdecken, die unseren gegenwärtigen Horizont erweitern können. Ihr Beitrag beleuchtet die Rolle der Gastronomie auf Welt-, Gewerbe- und Kolonialausstellungen. Könnten Sie uns näher erläutern, wie diese Veranstaltungen die Wahrnehmung und den Konsum von Essen und Getränken beeinflusst haben? Welt- und Kolonialausstellungen lebten von der Präsentation einer Vielzahl technischer, aber auch kultureller Güter und Leistungen. Der visuelle Konsum steht bei einem Ausstellungsbesuch im Vordergrund. Die Gastronomie vor Ort aber bot die Möglichkeit, sich nicht nur über den Sehsinn, sondern auch riechend und schmeckend dem Gebotenen zu nähern. Mir scheint das Moment der Einverleibung vertrauter, aber eben auch unbekannter Speisen ein wichtiges Element der Ausstellungserfahrung gewesen zu sein. Welchen Stellenwert hatte die Verpflegung vor Ort? War das Essensangebot „nur“ ein Beiwerk? Einerseits gehörten die Speisen auf Weltausstellungen zum Rahmenprogramm, das (fast) jede Form von Vergnügungsevent begleitet. Andererseits aber wurden Lebensmittel, ihre Zubereitung und ihr Konsum auch als aussagekräftige Symbole einer bestimmten Kultur eingesetzt – der eigenen wie der ausgestellten ‚anderen‘ Kulturen. Ihr Beitrag betont die Inszenierung von „fremden Welten“ durch „landestypischen“ Speis und Trank. Wie würden Sie diese Form der Gastronomie beschreiben? Die Welt- und Kolonialausstellungen lassen sich als eine frühe Form der Erlebnisgastronomie verstehen, bei der es nicht nur um die einverleibten Speisen und Getränke ging, sondern auch um den kulturellen Kontext, den als landestypisch erachtete Speisen und Getränke transportierten. Es ging nicht nur um die Inszenierung besonders ‚exotischer‘ Genüsse, sondern auch regionale Traditionen wurden beschworen. Letztlich war es eine touristische Vorstellungswelt, die aufgerufen wurde – egal, ob indische oder Wiener Küche geboten wurde. Diese Vorstellungswelten materialisierten sich nicht nur in Form von Speisen und Getränken, sondern gewannen Gestalt auch durch teils aufwändig ausgestattete Lokale, die architektonisch, durch Bildschmuck, Alltagsgegenstände oder auch musikalische Untermalung auf die jeweilige Region verwiesen. Die Berliner Gewerbeausstellung von 1896 und die Sächsisch-Thüringische Industrie- und Gewerbeausstellung in Leipzig 1897 stehen im Mittelpunkt Ihrer Analyse. Was hat Sie dazu inspiriert, gerade diese Ausstellungen zu wählen? Als Historikerin interessiert mich immer auch die Geschichte vor Ort, und da ich in Leipzig lebe, war es naheliegend, mich intensiv mit der Sächsisch-Thüringischen Gewerbe-Ausstellung von 1897 zu befassen und diese mit anderen Ausstellungen in Beziehung zu setzen. Denn die einzelnen Elemente ähneln sich letztlich sehr – auch und gerade, was die kulinarische Dimension angeht. Haben die gastronomischen Angebote das Verständnis von Kultur und Identität beeinflusst? Könnten Sie uns näher erläutern, wie Essen und Gastronomie dazu beigetragen haben, bestimmte Stereotypen zwischen den Kulturen zu formen oder zu reflektieren? Ich würde grundsätzlich unterscheiden zwischen der Inszenierung von Esspraktiken der auf Welt- und Kolonialausstellungen präsentierten Menschen aus nicht-europäischen Regionen und dem kommerziellen Speiseangebot in den gastronomischen Einrichtungen am Ausstellungsort. Die Präsentation ‚fremder‘ Ernährungspraktiken befriedigte eine ethnologische und auch kolonial(rassistisch)e Neugier, weil sie versprach, nah an die ausgestellten Menschen heranzuzoomen und sie vermeintlich bei ihren Alltagsaktivitäten zu beobachten. Essen diente hier (auch) der Authentifizierung des Ausgestellten. Ähnlichkeiten, vor allem aber auch Differenzen zum Gezeigten dienten der eigenen Selbstvergewisserung. Inwieweit diese Inszenierungen als solche erkannt wurden, ist schwer zu sagen. In den direkt kommerziellen Etablissements auf den Weltausstellungen war der Inszenierungscharakter den Besucher:innen vermutlich bewusst(er). Hier mögen bestimmte stereotype Bilder einen eher spielerischen Charakter angenommen haben. Die gastronomischen Einrichtungen zählten klar zum Vergnügungssektor der Ausstellungen, während die Völkerschauelemente einen ethnologischen Anstrich besaßen und wissenschaftlich(er) daherkamen. Daher wurden stereotype Darstellungen wenig(er) hinterfragt. Zum Abschluss, welche Herausforderungen bieten sich Forschern, die sich mit diesem Thema befassen wollen? Eine der größten Herausforderungen ist – wie bei vielen geschichtswissenschaftlichen Untersuchungen – die schwierige Quellenlage. Erlebnisberichte von Ausstellungsbesucher:innen oder gar Aufzeichnungen von ausgestellten Menschen sind rar; wir können also oft nur die in den Ausstellungsführern vorgegebenen Sichtweisen rekonstruieren. Was die Menschen vor Ort tatsächlich dachten und taten, lässt sich nur annäherungsweise bestimmen. Ich glaube jedoch, dass ein Augenmerk auf scheinbar nebensächliche Aspekte wie das Essen uns neue Erkenntnisse liefern und die Perspektiven auf die Weltausstellungen erweitern kann. Mehr erfahren Sie in meinem Forschungsbeitrag, den Sie in einem Open-Access-Dokument nachlesen können. Aktuelles: www.uni-leipzig.de/personenprofil/mitarbeiter/prof-dr-maren-moehring © 2024 is licensed under CC BY-NC-SA 4.0 Namensnennung – Nicht-kommerziell – Weitergabe unter gleichen Bedingungen

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