Amerikanischer Marschkönig John Philip Sousa – Dirigent

Den Musikfreunden wird während der bevorstehenden Sommermonate eine ganz besonders reiche Abwechslung geboten werden. Wie bereits mitgetheilt, giebt in der Zeit vom 10. bis 13. Juni das aus 76 Künstlern bestehende amerikanische Orchester unter Leitung des Componisten John Philipp Sousa täglich zwei Concerte im Palmengarten. Dieses Gastspiel dürfte sich zu einem bedeutsamen Ereigniß für unsere Musikstadt Leipzig gestalten. Außer diesem hier zum erstenmale erscheinenden Orchesterkörper werden noch eine größere Anzahl von Militärcapellen aller Waffengattungen im Palmengarten concertiren, darunter auch das als beste deutsche Militärcapelle bekannte und von unserem Kaiser wiederholt ausgezeichnete Musikcorps des großherzoglich badischen Leib-Grenadierregiments aus Karlsruhe, dessen genialer Dirigent, der königliche Musikdirector Adolph Boettge, seine weit und breit berühmt gewordenen historischen Concerte bieten wird. Vielfachen Wünschen entsprechend sind auch für diesen Sommer wieder mit den Capellen des 27. Infanterie-Regiments aus Halberstadt und des 32. Infanterie-Regiments aus Meiningen Verträge abgeschlossen worden. [1] Zum ersten Male seit 22 Jahren kommt eine amerikanische Kapelle nach Deutschland, und zwar die des Kapellmeisters und Komponisten John Philip Sousa aus Washington, die demnächst im Bergkeller Konzerte veranstalten wird. Sousa erhielt seine musikalische Ausbildung in Amerika, war schon mit elf Jahren Solo-Violinist, dirigierte mit 17 Jahren ein Orchester und ist jetzt der erfolgreichste Musiker der „Neuen Welt“. Sousas bisher veröffentlichte Kompositionen zählen 300 Nummern, die 70 seiner charakteristischen Märsche, vier erfolgreiche Operetten, symphonische Dichtungen, Suiten ec. umfassen. Diese deutsche Rundreise der John Philip Sousa-Kapelle ist dadurch ermöglicht worden, daß sie die offizielle amerikanische Kapelle bei der diesjährigen Pariser Weltausstellung ist. Die Programme sollen aus den besten Kompositionen aller Völker zusammengestellt sein. [2] Concerte im Leipziger Palmengarten. Wie bei dem vortrefflichen Rufe, deren sich die Regimentscapelle der 27er aus Halberstadt erfreut, nicht anders zu erwarten ist, üben die Concerte derselben zur Zeit eine große Anziehungskraft aus. Herr Musikdirector Hellmann leistet mit seiner erprobten Schaar thatsächlich ganz Vorzügliches und erntet nach jedem Vortrage wohlverdienten Beifall. Die Concerte der 27er finden während dieser Woche einschließlich Sonntag, den 13. Mai, täglich Nachmittags und Abends statt. Vom 14. bis 19. Mai concertiren abwechselnd die hiesigen Militärcapellen, während am 20. Mai der bekannte Componist Franz von Blon mit seinem Berliner Philharmonischen Blas-Orchester ein auf 5 Tage, d. i. bis einschließlich Himmelfahrt, berechnetes Gastspiel eröffnet. Vom 31. Mai bis 5. Juni (Pfingsten) spielt die berühmte Capelle des 7. bayerischen Infanterie-Regiments aus Bayreuth, vom 10. bis 13. Juni die Amerikanische Militärcapelle unter Leitung des Componisten Sousa, Ende Juni erscheinen die beliebten 32er aus Meiningen, Anfang Juli auf einige Tage die Capelle des I. bayr. Ulanen-Regiments aus Bamberg, vom 8. bis 15. Juli königl. Musikdirector Adolf Boettge aus Karlsruhe mit seinen historischen Concerten, in den letzten Tagen des Juli die großherzogl. mecklenburgische Grenadier-Capelle, zugleich Hofcapelle des Großherzogs von Mecklenburg-Strelitz, im August die als vorzüglich bekannten Capelle des 9. bayer. Infanterie-Regiments „Wrede“ aus Würzburg und schließlich während der Manöverzeit das von der 1897er Ausstellung her noch bestens bekannte Musikcorps des kaiserl. I. Seebataillons aus Kiel. [3] John Philip Sousa, unbestritten der hervorragendste unter den amerikanischen Capellmeistern und Componisten, wird von Sonntag, den 10., bis einschließlich Mittwoch, den 13. Juni 1900, seine vielbewunderte Capelle im Palmengarten vorführen. Sousa, dessen populären, frischen Märsche (Washington-Post, Liberty Bell, Stars and Stripes Forever, und viele andere) seinen Namen einen Weltruf verliehen haben, ist 12 Jahre lang Dirigent der Nationalcapelle der Vereinigten Staaten-Regierung gewesen und hat seine jetzt bestehende Concertcapelle, die unter den gegenwärtig existirenden Orchesterkörpern eine ganz eigenartige Stellung behauptet, selbst organisirt. In den letzten 8 Jahren hat diese Capelle nicht weniger als 4000 Concerte in den Hauptstädten der Vereinigten Staaten und Canadas gegeben. Auf der Weltausstellung in Chicago, den Industrie-Ausstellungen in St. Louis, Missouri und Pittsburg war die Sousa-Capelle das officielle Ausstellungs-Orchester. Durch seine überaus anziehende Dirigirungskunst ist Sousa der Liebling des amerikanischen Volkes geworden, und die ersten Kritiker haben die Leistungen seiner Capelle als ganz vorzügliche anerkannt. Für die Pariser Weltausstellung ist die Sousa-Capelle als officielle musikalische Vertretung der amerikanischen Regierung erwählt worden, und diesem Umstande dürfen wir auch nur die interessante Bekanntschaft mit dieser Capelle verdanken. Der Erfolg, den Sousa bei seinem Auftreten in Paris und seit einigen Tagen in Berlin, wo er täglich im Neuen königlichen Operntheater, früher Kroll, spielt, zu verzeichnen hat, ist ein bedeutender. [4] Am Sonntag Vormittag trifft der amerikanische Componist und Dirigent John Philip Sousa mit seinem Orchester hier ein, um bereits an demselben Tage sein erstes Concert im Palmengarten zu geben. Wie zu der Berlin im Neuen Königlichen Operntheater und zu Hamburg in Ludwig‘s Concerthaus, so veranstalten die Amerikaner auch hier ihre Concerte, welche bekanntlich von Sonntag, den 10. bis einschließlich Mittwoch, den 13. Juni, stattfinden, auf eigene Rechnung. Es macht sich deshalb nothwendig, an den genannten 4 Tagen von Nachmittags 2 Uhr ab die Giltigkeit der Dauerkarten des Palmengartens aufzuheben. Die Abonnenten genießen jedoch den Vortheil, daß ihnen von 2 Uhr ab der Zutritt zum Garten und damit auch zu den Sousa-Concerten gegen Bezahlung von 50 pf. Für Erwachsene und 25 pf. Für Kinder zusteht. Inhaber von Actionärkarten haben kein Eintrittsgeld zu entrichten. Für Personen, welche weder Actionäre, noch Abonnenten des Palmengartens sind, beträgt das Eintrittsgeld am Sonntag, den 10. Juni 1 Mark, Kinder 50 pf.; am Montag, Dienstag und Mittwoch dagegen bis 2 Uhr Nachmittags 1 Mark, Kinder 50 pf., nach 2 Uhr 1,50 Mark für Erwachsene und 75 pf. für Kinder. Mit welch gewaltigen Unkosten Sousa‘s großartige Concert-Unternehmung verbunden ist, dürfte daraus hervorgehen, daß allein die an die einzelnen Künstler zu zahlenden Honorare zwischen 35 und 200 Dollar für die Woche schwanken, was einen recht stattlichen Gegenetat darstellt. Die letztgenannte, für europäische Verhältnisse enorme Gage beziehen acht Capellmeister, welche der Sousa-Capelle als Solisten angehören und, wie Mr. Clarke und Mr. Pryor, fast ausschließlich eigene Compositionen zum Vortrag bringen. [5] Morgen Sonntag eröffnet das amerikanische Orchester unter Leitung John Philip Sousa‘s sein auf 4 Tage berechnetes Gastspiel im Palmengarten. Die Programme werden außer den Perlen europäischer Tonkunst auch eine Auslese der beliebtesten Compositionen Sousa‘s enthalten und sicher auch hier mit demselben großen Beifall ausgenommen werden, wie dies in Berlin und Hamburg der Fall war. [6] Nun hat der … Weiterlesen

Ein Blick in die Literatur – Der Palmengarten zu Leipzig

Im Westen der alten Lindenstadt Leipzig, dicht vor den Stadtteilen Lindenau und Plagwitz, ist auf dem früheren Kuhturmgrundstück und dem angrenzenden Waldgebiet am 29. April d. J. der Leipziger Palmengarten eröffnet worden. Wenn wir durch den südlichen der beiden Zugänge, von der Plagwitzer Straße her, in die rund 200 000 qm umfassende Anlage eintreten, befinden wir uns in schattigem Waldparke, aus dem wir auf einer Brücke über die Elster in den eigentlichen Palmengarten gelangen. Links führt der Weg auf einen Hügel hinauf, von dem wir einen überraschend schönen Anblick genießen. Unter weiser Ausnutzung der zu Gebote stehenden Mittel hat die Kunst des Gärtners ein Landschaftsbild hervorgezaubert, das mit allen Reizen der Natur ausgestattet ist. Vor uns dehnt sich ein blinkender Weiher, über dessen schmale Ausläufer sich zierliche Brücken spannen und der von weiten samtenen Rasenplänen umrahmt ist, die mit buntem Gehölz und formschönen Koniferengruppen umsäumt sind. Hier und dort schiebt sich ein malerischer Pavillon dazwischen, und aus dem Hintergrund grüßt das hohe Gesellschafts- und Palmenhaus wie ein Schloß zu uns herüber. Von dem Hügel, dessen Inneres eine Felsgrotte bildet, rauscht ein Wasserfall in den Weiher hinunter. Grotte und Wasserfall erglänzen bei Einbruch der Dunkelheit in elektrischem bunten Lichte. Ein anziehendes Schauspiel bietet die Leuchtfontäne dar, die aus der Mitte des Weihers ihre mächtigen Wassergarben emporschleudert, deren wechselvolles Spiel am Abend in märchenhafter Farbenpracht elektrisch erstrahlt. Im Sommer werden sich Gondeln mit fröhlichen Menschen auf dem Wasserspiegel schaukeln und im Winter, wenn „vom jungen Froste die Bahn ertönt“, werden der Jugend rotwangige Scharen auf sausendem Stahlschuh über die blanke Eisfläche dahingleiten. Promenadenwege führen, wenn wir uns rechts halten, nach dem Rosengarten, in dem die Königin der Blumen in allen möglichen Spielarten durch Farbenpracht und Duft Sinne und Herz erfreuen wird. Wir gelangen an einem Turn- und Spielplatze für die Jugend vorüber zu den Frühbeetanlagen und Gewächshäusern für Palmen- und Warmhauspflanzen sowie zur Vermehrung und Anzucht von Teppichbeet- und Gruppenpflanzen. In eine dieser stillen Werkstätten des Gärtners schauen wir beim Vorüberschreiten hinein. Da drinnen geht es ziemlich bunt zu. Tausenden farbiger Pflänzchen wird hier im warmen feuchten Sande auf die Wurzeln geholfen. Es ist das Atelier, in dem der Gartenkünstler seine Farben mischt, mit denen er die herrlichsten Teppichgemälde ausführt. Doch nun wieder weiter! Indem wir Verwaltungs- und Restaurationsgebäude rechts liegen lassen, gelangen wir durch den Konzertpark hinüber zum Glanzpunkt der ganzen Anlage, dem von breiten Terrassen umgebenen und mit vier Türmen geschmückten Gesellschafts- und Palmenhaus. Wenn wir es von Osten, Norden oder Westen betreten, gelangen wir in kleinere geschmackvoll dekorierte Säle für Restaurations- und Gesellschaftszwecke, deren Ausgänge nach innen zum großen Konzertsaal führen. Dieser wird durch drei mächtige mit Glasmalereien versehene Bogenfenster erhellt, unter denen breite Galerien hinlaufen. Die Wände ziert reicher plastischer und malerischer Schmuck, welcher die Tages- und Jahreszeiten versinnbildlicht, und von der bronzefarbenen Decke hängen vier mächtige Kronleuchter herab. Im Süden grenzt an den Saal das Palmenhaus an, das auf einer Fläche von 1276 qm aus Eisen und Glas erbaut ist und in der Höhe 22 m mißt. Beide sind nur durch eine Glaswand voneinander getrennt, durch welche man diese Wunderschöpfung betrachten kann. Wir treten durch eine der seitlichen Pforten, die uns hineinführt in die mit Ueppigkeit emporschießende südliche Pflanzenwelt. Ein heilig ernstes Gefühl überkommt uns, und mit Bewunderung schauen wir zu den „Königinnen des tropischen Urwaldes“ auf. Die Fächerpalmen – Chamaerops, Latania, Corypha u. a. – breiten ihre mächtigen Wedel wie ein undurchdringliches tiefgrünes Schutzdach über uns aus und erinnern daran, daß aus der Aehnlichkeit ihrer Blätter mit der flachen menschlichen Hand (palma) der Name für die gesamte Pflanzenfamilie hergeleitet ist. Die Gattung Rhapis, eine Bewohnerin Ostasiens, bildet mit ihren rohrähnlichen Stengeln undurchsichtige Dickichte, und die schlanke Kokospalme, „deren nützliche Anwendungen zahlreicher sein sollen als die Tage im Jahre“, strebt kerzengerade zur Höhe empor. Mitten am Stamme einer Areca sind soeben die zwei kahnförmigen Hüllblätter aufgesprungen und der dicht mit lila rötlichen Blüten besetzte vielverzweigte Kolben ist zum Vorschein gekommen. Leichtblättrige Bambusse und baumartige Farren mischen sich unter die hohe Gesellschaft, die dadurch nicht an Ansehen verliert. Der sanft geneigte Boden ist mit Lycopodium dicht bepflanzt, und von diesem leuchtend grünen Moosteppich heben sich unter Gruppen schöner Blattpflanzen verschiedene Musa-Arten wirkungsvoll ab. Eine Quelle plätschert von Stein zu Stein, und aus einem Bassin, auf dem allerlei Wasserpflanzen schwimmen, steigt ein Springbrunnen lustig empor. Von einer malerisch dekorierten Felsgrotte an der südlichen Wand, durch die eine Thür ins Freie führt, grüßt die Sagopalme (Cycas) herab, aus deren gedrungenem schuppigen Stamm sich eine dichte Krone erhebt. Einen großartigen Anblick gewährt die majestätische Dattelpalme, Phoenix genannt, die allen feindlichen Einflüssen zum Trotz sich stets von neuem verjüngt. Sie genoß schon frühzeitig bei den Arabern göttliche Verehrung. Ihre gefiederten Blätter sollen Jesus Christus bei seinem Einzug in Jerusalem zum Zeichen der Huldigung auf den Weg gestreut worden sein, und heute noch werden sie in südlichen Ländern am Palmsonntag in diesem Sinne zu religiösen Feierlichkeiten gebraucht. Dort fällt auch eine Sabal durch ihre großen mattglänzenden fächerförmigen Blätter auf, hier die im Lande der Antipoden heimische gefiederte Kentia durch eleganten Wuchs, und noch viele andere herrliche Gewächse der heißen Zone entzücken das Auge durch ihre Schönheit und Eigenart. Wir haben uns so in den Anblick dieser prachtvollen Naturgebilde vertieft, daß wir uns nur schwer von demselben losreißen. Und so wird es auch anderen Besuchern ergehen und damit die hohe Aufgabe der schönen Schöpfung erfüllt werden: des Menschen Liebe zur Natur zu stärken, seinen Sinn für das Erhabene, Schöne empfänglicher zu machen, sein Wissen zu bereichern und ihm Erholung an Leib und Seele zu verschaffen! Von Max Hartung Der Palmengarten zu Leipzig, in: Die Gartenlaube 1899. Leipzig. Heft 11, S. 340 ff.

Aus der Presse – Die Neueröffnung vom Kuhturm-Restaurant

Ein Idyll aus Leipzigs Vergangenheit wird wiederkehren, sobald das mit dem Palmengarten verbundene vordere Restaurant (früher Kuhthurm-Restaurant) wieder eröffnet ist. Zwar ist noch Alles im Werden, allein ein Blick in die zahlreichen, zu traulichen Kneipzimmern ausgestatteten Räume des Parterre und der ersten Etage zeigt den erlesenen Geschmack, welcher hier maßgebend ist. Um den früheren Wirthschaftshof ziehen sich rings mächtige Veranden und uralte Baumriesen ragen mit den Wipfeln darüber. — Kurz, noch vor der Eröffnung des Palmengartens wird dem Publicum ein Erholungsplatz zugänglich gemacht werden, welcher rasch sich vollster Beliebtheit um so mehr erfreuen dürfte, als in Herrn Alwin Hensel ein Gastronom für dasselbe gewonnen wurde, welcher vollstes Verständniß für seine dort harrende Ausgabe besitzt. Tausenden von Leipzigern ist Herr Hensel bereits aus seiner Dresdner Thätigkeit, speciell in der „Alten Stadt“ der 1896er dortigen Ausstellung, bekannt und nicht unmöglich erscheint es, daß seinem emsigen Schaffen es gelingt, das vordere Palmengarten-Restaurant schon zum Pfingstfeste dem allgemeinen Besuchern zu öffnen.  [1] Mit Bienenfleiß schaffen eine große Anzahl Arbeiter und Künstler, um das an der Frankfurter Straße gelegene vordere Palmengarten-Restaurant bis Pfingsten fertigzustellen, und ohne Zweifel wird es Herrn Hensel, dem Bewirthschafter des Etablissements, gelingen, Fertiges zu bieten, sobald er die Pforten des alten Kuhthurms den Gästen öffnet. Die inneren Räumlichkeiten, allerliebst ausgestattete trauliche Kneipzimmer, sind nahezu vollendet, ebenso die rings sich um die Gebäude ziehenden mächtigen Veranden und der Musikpavillon. Auch die westlich des Kuhthurmgebäudes befindlichen gärtnerischen Anlagen werden in den Restaurationsbetrieb einbezogen und viele Hunderte werden da lauschige Plätzchen finden, um sich inmitten prangender Natur zu erholen. Die Art und Weise der Einrichtung dieses vorderen Etablissements, das unabhängig vom Besuch des Palmengartens selbst auch nach dessen Eröffnung weiter bestehen wird, läßt angenehme Schlüsse zu auf das später unter Leitung des Herrn Hensel zu eröffnende Hauptrestaurant. [2] Das Palmengarten-Restaurant (vorderes) wird am 1. Pfingstfeiertag seiner Bestimmung übergeben werden, und wer dahin seine Schritte lenkt, der wird staunen ob der Veränderung, die sich der alte „Kuhthurm“ und dessen unmittelbare Umgebung gefallen lassen mußten, um in großartigster Weise neu zu erstehen. Ein herrlicher Erholungsort ist dort geschaffen worden, dessen lebhafter Besuch nicht ausbleiben wird. Bezüglich der Bewirthschaftung desselben ersehen die Leser alles Nähere aus dem Inserat vorliegender Nummer. [3] Während die baulichen Arbeiten der im Westen Leipzigs zu errichtenden Palmengartenanlage auf das Eifrigste gefördert werden, um den Palmengarten selbst noch im Laufe des Jahres seiner Vollendung entgegenzuführen, hat bereits ein Theil des wirthschaftlichen Betriebes, soweit er nicht in directem Zusammenhang mit den zu errichtenden großen Neubauten steht, eröffnet werden können: der Kuhthurm, unmittelbar neben dem Haupteingange zum Palmengarten an der Frankfurter Straße gelegen, ist in jüngster Zeit seiner Bestimmung, als Restaurant zu dienen, übergeben worden. Das malerische Gebäude, welches früher den mannigfachsten Zwecken, unter Anderen auch denen der landwirthschaftlichen Versuchsstation der Universität Leipzig diente, erfuhr in den letzten Wochen eine durchgreifende architektonische Erneuerung, mit welcher gleichzeitig die Errichtung zweckmäßiger und schöner Neubauten verbunden wurde, so daß sich der Kuhthurm nunmehr als ein einheitlicher Restaurationsbetrieb präsentirt. Das mit der Front nach Norden gelegene Hauptgebäude wurde an seiner Gartenseite mit einer alle Nebengebäude miteinander verbindenden breiten Wandelhalle versehen, die Hunderten von Besuchern einen bequemen Aufenthalt gewährt. Ihr origineller durch natürliche Birkenholzconstructionen gegebener Charakter steht in vollem Einklang zu der malerischen Ausschmückung, welche sowohl den langen Wandflächen der Colonnaden als auch sämmtlichen Innnenräumen des Hauptgebäudes gegeben wurde. Diese von Herrn Maler A. Hesse entworfene und ausgeführte künstlerische Decoration, die in einem seinem Wesen nach mittelalterlichen Stil gehalten ist, ohne sich streng daran zu binden, belebt die Wände mit einem flotten Arabesken- und Figurenspiel; es erfüllt sie mit einer Reihe symbolischer Motive, die namentlich im Hinblick auf die einstige forstwirthschaftliche Bedeutung des Kuhthurmes sich vielfach auf die Jagd beziehen. Auch in seiner sonstigen wirthschaftlichen Einrichtung trägt das Etablissement, das einen tüchtigen Vertreter des Gastwirthsstandes, Herrn Alwin Hensel, an der Spitze und Leitung seines umfassenden Betriebes steht, vereinigt sich die mustergiltige und zweckmäßige Anordnung mit einer gediegenen und vornehmen Ausstattung, die für den Gast nur wohlthuend wirkt. Mit der Eröffnung dieses ersten Palmengarten-Restaurants ist ein Etablissement von freundlichstem Charakter unserer Bewohnerschaft erschlossen worden; seine Beliebtheit hat sich bereits kurz nach seiner Eröffnung geäußert, als Schaaren von Besuchern sich den reizenden Anlagen und Bauten am ehemaligen Kuhthurm zuwandten und die erste Etappe zum zukünftigen Palmengarten besetzten. [4] Der Inhaber des vorderen Palmengarten-Restaurants (Kuhthurm) wird, wenn das Wetter ein günstiges ist, am nächsten Mittwoch, den 29. Juni, das erste Concert veranstalten, das von der gesammten Capelle des 10. königl. sächsischen Infanterie-Regiments Nr. 134 unter Herrn Alfred Jahrow‘s ausgezeichneter Leitung ausgeführt wird. Es unterliegt keinem Zweifel, daß Herr Hensel mit dieser Veranstaltung den Wünschen Vieler entgegenkommt. Sicher steht auch dem Concert, das wie alle von der genannten Capelle gegebenen ein vortreffliches sein wird, starker Besuch in Aussicht, ist doch durch die elektrische Bahn günstige Gelegenheit gegeben, das hübsche Restaurant der neuen großartigen Anlage, welche das allgemeinste Interesse beansprucht, bequem zu erreichen. [5] [1] Das vordere Palmengarten-Restaurant, in: SLUB Dresden. Leipziger Tageblatt und Anzeiger, Beilage. Abendausgabe vom 6. Mai 1898, S. 3495. [2] Das vordere Palmengarten-Restaurant, in: SLUB Dresden. Leipziger Tageblatt und Anzeiger, 3. Beilage vom 19. Mai 1898, S. 3855. [3] Das vordere Palmengarten-Restaurant, in: SLUB Dresden. Leipziger Tageblatt und Anzeiger, 8. Beilage. Sonntagsausgabe vom 29. Mai 1898, S. 4137/4140. [4] Vom Leipziger Palmengarten, in: SLUB Dresden. Leipziger Tageblatt und Anzeiger, Sonntagsausgabe vom 12. Juni 1898, S. 4471. [5] Das vordere Palmengarten-Restaurant, in: SLUB Dresden. Leipziger Tageblatt und Anzeiger, 8. Beilage. Sonntagsausgabe vom 26. Juni 1898, S. 4881.

Aus der Presse – Palmengarten Gestaltungswettbewerb

Mit der Ausschreibung von Plänen auf dem Wege des öffentlichen Wettbewerbs ist nunmehr das Unternehmen des Leipziger Palmengartens in das erste Stadium seiner Verwirklichung getreten. Wenn damit auch das Werk an sich vorläufig noch nicht in die Erscheinung tritt, so wird es wenigstens schon insofern ein ideales Fundament erhalten, als ihm von berufener künstlerischer Seite die ausschlaggebende Form vorgezeichnet werden soll. Diesem Zwecke dient die ausgeschriebene Concurrenz. Das für dieselbe maßgebende Programm weist auf einen für den Palmengarten bestimmten Flächenraum von gesammt 208 599 Quadratmeter oder rund 20 Hektar, 66 Ar oder 38 sächsische Acker hin, von denen 176 312 Quadratmeter auf das Grundstück des Kuhthurms und 32 287 Quadratmeter auf das jenseits des Elsterflusses nach Süden gelegene Areal des sogen. Ritterwerder enthalten. Erstere Parcelle wird östlich von einer Vorfluthschleuße begrenzt, in ihrem südlichen Theile aber von einer zweiten Vorfluthschleuße durchschnitten. Als Grundgedanke für den Leipziger Palmengarten, welcher in erster Linie dem öffentlichen Interesse gewidmet sein wird, also einen durchaus gemeinnützigen Zweck zu verfolgen hat, ergiebt sich die Anlage eines umfriedeten Parks und Ziergartens mit Ausstellungs- und Bewirthungsräumen, Wintergärten und Gewächshäusern. Ueber diese gärtnerischen und baulichen Anlagen des Palmengartens als eines Ganzen und über die Gruppirung der einzelnen Theile innerhalb dieses Ganzen eine Idee zu finden, das wird nun Aufgabe des Wettbewerbs sein. Angesichts der klimatischen und örtlichen Verhältnisse von Leipzig ist der Schwerpunct einer solchen Aufgabe nicht in der Zahl und Größe der zu errichtenden Palmen- und Gewächshäuser, sondern in der Vielseitigkeit und Gediegenheit der im freien Lande herzustellenden gärtnerischen Anlagen zu suchen. Von den hierbei in Betracht kommenden Hochbauten sind zunächst ein Palmen-Haus mit Pflanzen-Schauhalle und Warm- und Kalthäuser in entsprechender Anzahl zu errichten, weiter ein Kessel- und Maschinenbaus und Wasserbehälter. Endlich ist, auf einer Grundfläche von 2500 Quadratmetern, der Bau eines Gesellschaftshauses geplant, das einen kleinen Saal zur Aufnahme von mindestens 200 Personen, einen großen Saal, Bewirthungsräume und Wohnung für den Wirth enthalten soll. Vorübergehend hat es auch Ausstellungszwecken zu dienen. Außerdem sind zwei Musikhallen vorgesehen, deren eine an den Hauptpromenaden-Weg zu stehen kommt. Alle diese Hochbauten kommen auf die Kuhthurmparcellen zu stehen. Die an der Frankfurter Straße auf dem Areal des Kuhthurms bereits vorhandenen Gebäude dürften für die Aufbewahrung von Pflanzen und Utensilien oder zu ähnlichen Zwecken nutzbar gemacht werden, während das gleichfalls vorhandene Saalgebäude durch einen Umbau in eine Orangerie verwandelt wird. Beide durch den Elsterfluß von einander getrennte Parcellen, von denen die eine, vollständig mit Bäumen bestandene, am Ritterwerder den Charakter eines vornehmen Waldparks erhält, werden mit Brücken von genügender Breite verbunden. Die Herstellungskosten der gesammten Anlage, einschließlich aller Nebenarbeiten, sind auf die Summe von 950 000 M abgeschätzt – Leipzig, 30. September 1896. [1] Heute traten in der Georgenhalle die Preisrichter zur Beurtheilung der eingegangenen 74 Concurrenzpläne für den Leipziger Palmengarten zusammen. An der Sitzung nahmen Theil die Herren Oberbürgermeister Dr. Georgi, Geheimer Commerzienrath Thieme, königlicher Baurath Stadtrath Roßbach, Stadtbaurath Professor Licht, Gartendirector Wittenberg, Director des Palmengartens zu Frankfurt a. M. Siebert, Gärtnereibesitzer Wagner in Leipzig-Gohlis. Nach Sichtung und eingehender Prüfung der Entwürfe einigte sich das Collegium dahin, dem Entwurfe des Herrn Gartentechnikers May in Frankfurt a. M. den ersten Preis von 3000 Mark, dem Entwurfe des Herrn Landschaftsgärtners Mo[o]ßdorf in Leipzig-Lindenau den zweiten Preis von 2000 Mark und dem Entwurfe des Herrn königlichen Garteninspectors Martens in Colberg den dritten Preis von 1000 Mark zuzuerkennen. -g- Leipzig, 8. Februar. [2] Das Preisrichter-Collegium zur Begutachtung der 74 eingelieferten Entwürfe für die Anlage eines Palmengartens in Leipzig, bestehend aus den Herren Oberbürgermeister Dr. Georgi, Geheimer Commerzienrath Alfred Thieme, Baurath Arwed Roßbach, Stadtbaurath Professor Licht, Gartendirector Wittenberg, sämmtlich in Leipzig, Gärtnereibesitzer Albert Wagner in Leipzig-Gohlis und Palmengartendirector August Siebert in Frankfurt a. Main, hat, wie schon berichtet, am 8. dieses Monats die eingereichten Pläne einer eingehenden Prüfung unterzogen und ist hierbei zu folgendem Ergebnisse gelangt. Den ersten Preis von 3000 Mark hat erhalten Herr Gartentechniker Eduard May in Bockenheim-Frankfurt, Verfasser des Entwurfes Nr. 17 mit dem Motto: „Prosit“. Der zweite Preis von 2000 Mark wurde Herrn Otto Moßdorf, Landschaftsgärtner in Leipzig-Lindenau, Verfasser des Entwurfes Nr. 54 mit dem Motto: „Wenn Kunst sich in Natur verwandelt, so hat Natur und Kunst gehandelt“, zuerkannt. Den dritten Preis von 1000 Mark hat erhalten Herr Stadtgarteninspector H. Martens in Colberg, Verfasser des Entwurfes Nr. 21 mit dem Motto: „Phoenix I.“. Außerdem sind die Entwürfe Nr. 14 mit dem Motto: „Simplex“, Nr. 15 mit dem Motto: „Lipsiae civibus“ und Nr. 56 mit dem Motto: „Rautenkranz“ vom Preisrichter-Collegium zum etwaigen Ankaufe empfohlen worden. Die öffentliche Ausstellung der Entwürfe findet in der Zeit vom 10. bis 13. Februar, Vormittags von 9 bis 1 Uhr und Nachmittags von 3 bis 5 Uhr und am 14. Februar von 11 bis 4 Uhr im ersten Obergeschosse der Georgenhalle, Brühl Nr. 80, statt. Wir verweisen hierbei auf die in der vorliegenden Nummer abgedruckte Bekanntmachung. Leipzig, 9. Februar. [3] Eine Fülle hochanzuerkennender künstlerischer Arbeit tritt dem Besucher der im ersten Obergeschoß der Georgenhalle veranstalteten Ausstellung von Concurrenz-Entwürfen für die Anlage eines Palmengartens in Leipzig entgegen, ein großer Reichthum von Gedanken und Motiven. 74 Betheiligte haben in ehrlichem Streben dem Wettbewerb ihre Kraft geliehen und mit zum Theil hervorragender Leistungsfähigkeit die in dem Programm festgesetzten Hauptaufgaben lösen helfen. Wie schon kurz erwähnt, sind die ausgeworfenen drei Preise den Herren Gartentechniker Eduard May in Bockenheim-Frankfurt a. M., Landschaftsgärtner Otto Moßdorf-Leipzig-Lindenau und Stadtgarteninspector Martens-Colberg zuertheilt worden. Sie haben alle, mit mehr oder weniger Abweichung von einander, zunächst das erreicht, was als maßgebend bei der Gesammtdisposition zu betrachten war: eine Idee über die gärtnerischen und baulichen Anlagen und über die Gruppirung der einzelnen Theile innerhalb dieses Ganzen zu finden. Ein mit dem Terrain so vertrauter Meister wie Otto Moßdorf ordnet liebevoll den alten schönen Baumbestand am Kuhthurm in das Gesammtbild ein und verlegt den architektonischen Haupt- und Centralpunct auf das Gesellschafts- und auf das Palmenhaus. Reich an ästhetischen Momenten ist der Inhalt des May‘schen Entwurfes, während der Martens‘sche Entwurf ungemein klar und ruhig wirkt. Wenn dann noch die Entwürfe mit den Motti: „Simplex“, „Lipsiae civibus“ und „Rautenkranz“ vom Preisrichtercollegium zum etwaigen … Weiterlesen

Aus der Presse – Geschichtliches über den Kuhturm

Es wird gewiß Manchem willkommen sein, über die Vergangenheit des Kuhthurm-Grundstückes, das gegenwärtig zu dem so herrlichen Gartenbau-Ausstellungsplatz verwandelt ist und später voraussichtlich den geplanten Leipziger Palmen-Garten aufnehmen wird, aus dem Nachstehenden sich unterrichten zu können. Jahrhunderte alte Nachrichten erzählen, daß auf der Stelle, wo sich jetzt der Kuhthurm befindet, in frühester Zeit ein von dichter Waldung umgebener slawischer Opferaltar stand, der mit Niederwerfung der heidnischen Bevölkerung, also im 11. Jahrhundert, verschwunden sei. Gegenüber dieser nicht ganz sicheren Ueberlieferung läßt sich dagegen mit großer Wahrscheinlichkeit annehmen, daß um diese Zeit der Kuhthurm erbaut worden ist. Die Sieger hatten nach Besiegung der Slawen und Zerstörung ihrer Niederlassung Lipzk unfern derselben eine Stadt, unser jetziges Leipzig, gebaut, wo neben lebhaftem Handel und Wandel auch viel Ackerbau getrieben wurde. Die Folge war zunächst eine bessere und nähere Verbindung mit einer der Heerstraßen des Reiches, welche damals über das bedeutende Schkeuditz führte. So entstand mitten durch Wald und Sumpf hindurch die Verbindungsstraße in der Richtung nach der deutschen Ansiedelung Lindenau und weiterhin bis Merseburg, das mit der Leipziger Klostergeistlichkeit in engster Verbindung stand. Gleichzeitig wurde durch diese Straßenanlage auch der Zugang nach den Wiesen und Tristen eröffnet, an welchen die östliche und nördliche Umgebung der Stadt so arm war. Auf diesen Wiesen weidete das Vieh der früher zahlreichen Leipziger Stadtgüter noch vor wenig mehr als sechzig Jahren. Um nun diese Viehheerden vor dem Raubritterthum zu wahren, bauten die Leipziger einen festen Thurm zum Aufenthalt von Wachtleuten, der nach außen von der nahe vorüberfließenden Luppe und einem Graben abgeschlossen war. Ihren jetzigen Lauf erhielt die Luppe erst um das Jahr 1830, wobei auch die alte Holzbrücke abgebrochen wurde. Den Thurm nannte man in Betracht des Zweckes die Kuhburg und die nahe Luppenstrecke „das Kuhburger Wasser“. Da nach alter Orthographie die Kuhburg „Coburg“ geschrieben wurde, so hat sich für die Luppe der Name „Coburger Wasser“ bis heute erhalten. Mit dem 15. Jahrhundert glaubte das zu Macht und Reichthum erblühte Leipzig die Schnapphähne für das weidende Rindvieh der Stadtgüter nicht mehr fürchten zu dürfen und zog die Aufsichtswache zurück, um den Thurm als Forsthaus einzurichten. Der erste Förster, welcher 1533 seinen Amtseid leistete, wird der Kuhthürmer genannt, und so hießen seine Nachfolger noch fast zwei Jahrhunderte hindurch. Der letzte Förster, welcher seine Amtswohnung im Kuhthurm hatte, war der Oberförster Koch, Vater des 1876 verstorbenen Bürgermeisters. Nach des Oberförsters Koch Tode wurde der Kuhthurm an den Gastwirth Schatz in Leipzig verpachtet, welcher ihn in ein Vergnügungsetablissement umwandelte und einen Tanzsalon daselbst errichtete, der eines Tages, glücklicherweise ohne Menschenleben zu gefährden, über den Hausen fiel. Von dieser Zeit an kam das Vergnügungsetablissement in Rückgang, bis man es aufgab und eine landwirthschaftliche Versuchsanstalt daselbst errichtete. Neuerdings, zuerst 1835, wurde der altersgraue Kuhthurm wiederholt modernisirt und renovirt; doch sind die Mauern des Hauptgebäudes und des anstoßenden Thurmes noch die des ältesten Baues. Beachtenswerth ist auch das unter den alten herrlichen Linden im Garten aufgestellte steinerne Becken, welches von vielen Leuten für einen heidnischen Opferstein gehalten wird. In Wahrheit ist es aber ein christlicher Taufstein, allerdings aus frühester Zeit, der im vorigen Jahrhundert bei dem eine halbe Stunde entfernt gelegenen Dorfe Schönau in der Erde gefunden und hier aufgestellt wurde. Wahrscheinlich entstammt der Taufstein der Kirche eines dort gestandenen Dorfes, das wie viele andere in Leipzigs Umgebung, in einem Kriege zerstört und nicht wieder aufgebaut worden ist. Die unten im Steine befindliche Oeffnung zum Abfluß des Taufwassers unterstützte die Meinung, es sei ein heidnischer Opferaltar, indem viele glaubten, sie sei zum Abfluß des Blutes der geopferten Thiere und Menschen angebracht worden. Dieses seit vor fast einem Jahrtausend den verschiedensten Verwendungen dienende Grundstück, eine Fläche von ca. 136 000 qm umfassend, hat der Rath der Stadt Leipzig dem Leipziger Gärtner-Verein zur Veranstaltung der Internationalen Jubiläums-Gartenbau-Ausstellung zur Verfügung gestellt. Geschichtliches über den Kuhturm, in: SLUB Dresden. Leipziger Tageblatt und Anzeiger, Sonntagausgabe. 2. Beilage vom 27. August 1893, S. 6007.

Ein Rundgang durch das Kneipenviertel der STIGA

Ein großes Ereignis wie die STIGA erforderte von allen Beteiligten Ausdauer, Mut und Engagement. Hohe Besucherzahlen waren bei Gewerbeausstellungen keineswegs garantiert. Während beispielsweise die Berliner rund 50.000 Tagesbesucher verzeichneten, kamen die Dresdner im gleichen Jahr lediglich auf 15.000 Besucher. Es gab zwar keinen verlässlichen Richtwert, aber die Veranstalter in Leipzig erwarteten nicht weniger Besucher. Zumindest war das ihre Erwartungshaltung. Trotzdem hatten die Berliner mit anhaltend schlechtem Wetter zum Ende ihrer Ausstellung zu kämpfen, was sich verheerend auf ihre Besucherzahlen auswirkte. Der Erfolg einer Open-Air-Veranstaltung hing also maßgeblich vom Wetter ab. Keine Attraktion der Welt konnte das ändern, und auch die Leipziger hatten keinen Einfluss auf das Wetter. Es galt also, Kosten und Nutzen sorgfältig abzuwägen. Das erklärte Ziel war es, allen Besuchern einen attraktiven und bezahlbaren Aufenthalt zu bieten, um sie zu motivieren, den Ausstellungspark mehrmals zu besuchen. Neben den Leistungsschauen und gärtnerischen Kunstwerken spielte auch die Verköstigung mit landestypischen Speisen und Getränken eine wichtige Rolle. Das große Gelände bot viel Raum für Gastwirtschaften aller Art und vielfältige Folklore, nicht nur für kostspielige Inszenierungen und noch nie dagewesene Effekte. Rund um den großen Teich im Herzen des Ausstellungsparks entstanden zwölf repräsentative Gastwirtschaften im Stil verschiedener Länder und Regionen. Darüber hinaus wurden im Thüringer Dorf und in der Alt-Leipzig-Nachbildung weitere fünf Gastwirtschaften errichtet, die das Thema der Ausstellung widerspiegelten. Zusätzlich waren dezentrale Ausschänke in den Gebäuden und auf dem Vergnügungsparkgelände vorgesehen. Die Vergabe der Pacht erfolgte nicht mehr an den Meistbietenden, sondern gegen eine niedrige Pachtsumme und eine Umsatzpacht auf die verkauften Getränke. Angesichts der Wetterabhängigkeit und der Unwägbarkeiten beschlossen die Verantwortlichen, das unternehmerische Risiko zwischen Pächtern und Verpächtern aufzuteilen. Dieses Prinzip hatte bei früheren Ausstellungen keinen hohen Stellenwert, aber diesmal lag der Fokus darauf, im Interesse der Pächter zu handeln. Die Pächter waren verpflichtet, ortsübliche Preise festzulegen, um den Besuchern einen erschwinglichen Aufenthalt zu ermöglichen. Dies führte auch zu einem erhöhten Wettbewerbsdruck mit anderen Lokalitäten in der nahegelegenen Innenstadt. Die Überlebensfähigkeit aller Gastwirtschaften stand im Vordergrund, weshalb ihre Anzahl auf dem Gelände begrenzt wurde, auch wenn die Zahl der Besucher an Wochenenden so hoch sein würde, dass alle Lokale überfüllt waren. Der Erfolg hing von der guten Leistung aller Parteien ab. [1] Für die Besucher bot sich ein lohnender Rundgang durch das Kneipenviertel. Der eigentliche Eingang befand sich zwar hinter dem Teich im Süden, aber schon entlang der König-Albert-Allee begann die Gastromeile. Dort stand die Hauptgastwirtschaft im Jugendstil an einem Ufer des großen Teichs. Auf der gegenüberliegenden Seite ragte der von vier Kuppeln gekrönte Bau des Wiener Cafés empor. An den schattigen Veranden und luftigen Terrassen beider Wirtschaften befanden sich zudem zwei kleinere Musikpavillons, von denen aus die Gäste einen freien Blick auf das bunte Treiben einer fröhlichen Menge hatten. Neben einer Nachbildung der Wartburg, die nicht nur einen Bergfried und andere originalgetreue Elemente bot, sondern auch einer der zwei Gastwirtschaften der Kulmbacher Exportbrauerei beherbergte, gab es entlang des Geländes eine Vielzahl verschiedener Gastwirtschaften um einen großen Musikpavillon herum. Dazu gehörten unter anderem die Bierstube der Leipziger Bierbrauerei Riebeck & Co. AG, der Kapellenbau vom Nürnberger Bratwurstglöckle, das Brauhaus „Zum Pilsner“, der Hallenbau der Dampfbrauerei Zwenkau, die Bierhalle „Zum Feldschlösschen“, das Kaffee-Haus zum Rothenburger Erker, das Weinrestaurant „Zum Dürkheimer“ in einer Burgruine und die italienische Weinbar „Aqua sola“. [2] Hier konnte man das Erlebte großschreiben und in vollen Zügen genießen. Auf dem großen Teich befand sich eine riesige Leuchtfontäne im Zentrum, deren imposante Wasserstrahlen aus allen Richtungen zu sehen waren. Neue Apparate ermöglichten beeindruckende mehrfarbige Lichteffekte mit vielen Scheinwerfern und erzeugten bis zu 40 Meter hohe Ringstrahlen. Am Abend erstrahlten sie abwechselnd in allen Farben des Regenbogens. Eine solch große und beeindruckende Leuchtfontäne hatte es weder auf der Pariser- noch auf der Berliner Ausstellung oder anderen Weltausstellungen zuvor gegeben. [3] Weitere Illuminationen boten ein regelmäßiges Farbspiel wie aus Tausend und einer Nacht. Eine erste Illumination nach der Eröffnung der STIGA zog tausende Gäste in ihren Bann. Rund um die Bordkappen der Teiche wurden Tausende von Kerzen (mind. 20.000) in mehreren Reihen angebracht. Tausende Girlanden aus bunten Lampions säumten die Allee, und Lämpchen in grünen und gelben Gläsern schmückten die Blumenbeete und Rasenflächen. Zeitzeugen beschrieben die Szenerie als fröhliches Vergnügen mit einer jubelnden Menge. Aber das ist eine andere Geschichte. [1] Vgl. StadtAL, Kap. 75 A Nr. 33 Bd. 2, Die Industrie und Gewerbeausstellung in Leipzig im Jahr 1897, in: Leipziger Ausstellungszeitung Sonderausgabe im Oktober 1896. Zur Verpflegungsfrage, S. 104 f. [2] Vgl. Offizieller Führer der Sächsisch-Thüringischen Industrie- und Gewerbeausstellung 1897, S. 90-94. [3] Vgl. StadtAL, Kap. 75 A Nr. 33 Bd. 2, Die Industrie und Gewerbeausstellung in Leipzig im Jahr 1897, in: Leipziger Ausstellungszeitung 29. August 1896. Von unserer Ausstellung S. 54. © 2022 is licensed under CC BY-NC-SA 4.0 Namensnennung – Nicht-kommerziell – Weitergabe unter gleichen Bedingungen

Aus der Presse – Letzte Worte zum Abschied der STIGA

Sechs Monate lang hat der braune Jüngling im grünen Grunde mit der Rechten den Lorbeer emporgehoben, und mit diesem Attribut stolzer Ehrung auf die goldenen Früchte gedeutet, die im Wipfel des Baumes schimmerten. Während die Einen diesen reichen Obstsegen des Placates als den Erfolg ehrlichen, rühmlichen Strebens aus allen auf der Ausstellung vertretenen Gebieten der Industrie und des Gewerbes nunmehr gedeutet wissen wollen, weisen tiefsinnigere Naturen damit den über alles Erwarten reich ausgefallenen Besuch nach, bei dem in der That „kein Apfel zur Erde konnte“. Dir Symboliker beider Anschauungen dürfen und müssen Recht behalten: Ehre und Ruhm wurde allen Betheiligten an dem glanzvollen Werke zu Theil, reger Zufluß von Besuchern aus allen deutschen Gauen und vom Auslande her ließ die Wallfahrt an manchen Tagen zu einem riesigen Umfang anwachsen. Jetzt, wo es an‘s Scheiden geht, überkommt Manchem eine gewisse Wehmuth über das Zerstören, Auflösen, Vergehen eines glänzenden Werkes, welches, das darf man bedingungslos aussprechen, unserer Leipziger Bewohnerschaft so ganz ans Herz gewachsen war und der letzteren ein Semester lang immer den willkommensten und freudigsten Anlaß gegeben hatte, weitesten Kreisen außerhalb der freundlichen Lindenstadt die Schönheit und Gediegenheit ihrer in jeder Beziehung wohlgelungenen Ausstellung bewußt werden zu lassen. Je nach der individuellen Geschmacksrichtung fand zudem dort Jeder seine Rechnung, der eine im ästhetischen Genuß ausgiebige Anschauung Dessen, was Natur, Kunst, Gewerbe und Industrie geschaffen, der andere in der Huldigung des Gedankens, daß neben der Betrachtung, sollte sie eindrucksvoll bleiben, auch der materiellen Stärkung zu ihrem Jahrtausende alten Recht verholfen werde. An Mitteln zur Ausführung dieser Idee hat es wahrlich nicht gefehlt. Am südöstlichen Uferrand des großen Sees von der Stelle an, wo der „Dürkheimer“ den Weg wie ein Raubritter verlegte, um frohe Bacchusjünger zu fangen, bis hin zum „Bratwurst-Glöckli“, dessen letzte Stunde jüngst schon geschlagen, legte sich bogenförmig das Kneipenviertel, der beliebte Treffpunct aller durstigen Seelen. Es war die Mausefalle für Hunderttausende. Wer einmal drin saß, kam nicht wieder heraus. Nun sind auch die Herrlichkeiten aller dieser Stätten im Schwinden. Es wird die Facade des freundlichen „Tucherbräu“ mit der gemalten Mohrenkopfmarke in Trümmer sinken, es wird der von der Leipziger Damenwelt in täglichem Ansturm seiner Küchenbuffets genommene „Rothenburger Erker“, den Stunde für Stunde schrille Zigeunermusik „umsäuselte“, den Weg alles Gipses wandeln, und die grellweiß getünchte Osteria am Teichgestade vergehen, dort, wo das weithinleuchtende Wort Aqua sola den Unkundigen zu der Meinung führte, daß der gewässerte Titel gleichwerthig mit Aqua soda, Sodawasser, sei. Wo einst das „Willkommen“ zum Eintritt und zum Beschauen winkte, macht sich seit Kurzem das häßliche „Verkäuflich“ breit. Allerorten wird ausverkauft. Die Fischkosthalle sucht für ihre 15 000 Biermarken Abnehmer; alles kommt zum Angebot: Pavillons, Schränke, Tische, Stühle, Palmen, Büsten, Villen, Bänke, Gläser und Flaschen, denn die Uhr ist abgelaufen und die Logis sind gekündigt. Ungern trennt man sich von dem köstlichen architektonischen Bilde auf waldumzogenem Plan. Wie oft hat der alte, von flatternden Wimpeln gekrönte Wartburgthurm freudig auslugende Bewunderer auf seinen Zinnen gesehen, Hunderte von idealen „Strebern“, die im Innern des viereckigen Kolosses langsam zur ersehnten Höhe emporgewunden wurden. Was sie sahen, das war bezaubernd. Vor sich Wasser und Wald, dazwischen farbig aufleuchtende Bauten mit Kuppeln, Thürmen und Thürmchen, Kiosken und Tempeln, Brücken und Terrassen, mit einem Wort eine herrliche Welt, in der nur Freude und Vergnügen zu Worte kamen, hinter sich aber bis zur Grenze des idyllischen Blockhauses das Thüringer Dörfchen in der ganzen Ursprünglichkeit von Raum und Form. Jetzt steht das Mühlrad still; der Esel, diese reizende Staffage der Lindenmühle, hat seine Schuldigkeit gethan und geht, auch ist das Schicksal der wohlgemästeten Gänsecolonie im Dorfteich, dem heiligen Martinus zu Ehren geopfert zu werden, nunmehr unwiderruflich besiegelt, der Dorfteich selbst dem Austrocknen verfallen. Bei den letzten Gemeinderaths-Sitzungen im Gemeindehause tauchte bei feurigem Most der Wunsch auf, Manches erhalten zu sehen, was für die Nachwelt als Relicten-Architektur von Werth sein könne, doch resignirt blieb Alles bei Wunsch und Most. „Menschen, Menschen sein mer Alle, Fehler hat a Jeder gnua, Alle können doch nicht gleich sein, das liegt schon in der Natur“ sang noch einmal die lustige Capelle, dann schloß auch diese denkwürdige Sitzung. Noch einige Male wird der Tanzboden in der „Tanne“ schwanken, werden die Musikanten im Felsgewölbe der Wernesgrüner Schänke fiedeln, dann ist es aus. Was war das für ein Leben in diesem Sommer dort oben auf der Terrasse der Wernesgrüner Schänke, wie schäumte und perlte dort die Wernesgrüner Weiße! Herrliche Tage verleibt der Himmel auch jetzt noch in seiner Gunst dem Werke, Tage voll Sonnenscheins und wahrer Frühlingsstimmung, gleichsam als wollte er Das, was er in den letzten Wochen versagt, nun am Schlusse wieder in vollstem Maße gut machen und ein glänzendes sonniges „Finis coronat opus“ aufleuchten lassen. Und dankbar genießt unser Publicum diese Himmelsgunst und strömt in vollen Schaaren hinaus auf den Ausstellungsplatz, um den letzten wehmüthigen Abschied von den Herrlichkeiten zu nehmen, die unser Leipzig für ein halbes Jahr mit einem Leben erfüllt hatten, das uns sonst nur die Messen zu bringen pflegten. Vor einigen Tagen allerdings fröstelte es stark in der Natur. Es war Herbststimmung, es war ein anderes Bild. … Der Wind trug fahle Blätter aus dem „Scheibenholz“ herüber und streute sie auf Bank und Weg. Fast passagierlos polterte der Train der elektrischen Rundbahn durchs Gehölz, über die Fluthcanalbrücken, an der Boma der Schwarzen vorbei, am Alten Meßviertel vorüber, dann huschte sie hinter den Nietzschmann‘schen Wursttempel, hinter das Panorama und den anderen Kolossalbauten dieser Schaustellungslinie, um später am Eismeerpanorama wieder zum Vorschein zu kommen. Nun ist der Moment, an dem die imitirten Eisschollen zu Feuerholz zerhackt, die Eisbären und Seelöwen verpackt und die nimmersatten Möven und Taucher anderwärts einquartiert werden sollen, unwiderruflich gekommen. Welcher Ohrenschmaus bisher, als die Seelöwen in klagendem, abgehacktem Bellen theils Hunger, theils Wohlbefinden verriethen, als die Capelle der ihre Insassen quirlartig drehenden elektrischen Stufenbahn mit der zwingenden Gewalt des Bleches das Surren und Rasseln der mächtigen, mit Glühlampen überreich decorirten Drehscheibe übertönte, als das Schmettern der Trompeten das Einreiten sportkundiger Jünglinge und verwegener Amazonen in die Arena des Hippodroms verkündete. Jetzt wird an allen Ecken und Enden … Weiterlesen

Aus der Presse – Die Eröffnung der Leipziger Ausstellung

So ist denn der langerwartete große Tag herangekommen, an dem die „Sächsisch-Thüringische Industrie- und Gewerbe-Ausstellung“, die in kaum mehr als Jahresfrist in unserer Stadt erstanden ist, officiell eröffnet wird. In feierlicher Weise wird heute dieser Eröffnungsact vor sich gehen, in Gegenwart Sr. Majestät des Königs und der Prinzen des königlichen Hauses, der Mitglieder der Staatsregierung und der Spitzen der Behörden, unter Betheiliguug der ersten und führenden Kräfte auf commerziellem und industriellem Gebiete und unter der lebhaften, freudigen Antheilnahme der gesammten Bevölkerung unserer Stadt. Weitaus das bedeutsamste und größte Unternehmen, das Leipzig je begonnen und durchgeführt, stellt sich in unserer Ausstellung dar. Jahre hindurch lebte bereits der Gedanke einer großen Leipziger Ausstellung in einzelnen Kreisen unserer Bürgerschaft; das Nahen des 400. Jubiläums unserer Messen ließ ihn wachsen und weitere Kreise in seinen Bann ziehen, aber erst den uneigennützigen Männern voll Thatkraft und rastlosem Eifer, die heute als die Schöpfer der Ausstellung die gebührende Anerkennung ernten, war es vorbehalten, den Gedanken der Verwirklichung entgegenzuführen. Wie sie es gethan, wird heute jedem Auge sichtbar, daß sie es gethan, wird ihnen in Leipzig unvergessen bleiben. Denn sie luden eine Arbeitslast auf ihre Schultern, die zu tragen nur dadurch möglich wurde, daß sie all‘ ihre Liebe und Hingebung dem großen Werke zuwendeten, das der unter den deutschen Städten so hoch emporragenden Lipsia neuen Ruhm zuwenden soll und zuwenden wird. Trotz seiner Großartigkeit spricht das Geschaffene, das vom heutigen Tage an vor das Auge des Beschauers tritt, dennoch nur zu den Kennern eindringlich genug von den Mühen, die sich an die Schaffenszeit knüpften. Wir, die wir das Werk und seine Geschichte von Anfang an genau verfolgt haben, erfüllen daher eine Pflicht, wenn wir sagen, daß große Schwierigkeiten, mancher offene Widerstand, manche Lauheit und Zurückhaltung zu besiegen waren, ehe das Interesse an dem großen Unternehmen so in Fluß gerieth, daß es alle betheiligten Kreise mit sich fortriß, dem schönen Ziele zu. Dieses Ziel war klug und vernünftig begrenzt. Die Ausstellung sollte zeigen, was unser Sachsenland, was das ihm so eng verwandte Thüringen auf dem Gebiete der Industrie und des Gewerbes zu leisten vermögen. Und so eng auch gegenüber den Weltausstellungen dieses Ziel gesteckt war, welchen weiten Spielraum öffnete es trotzdem dem fruchtbringenden friedlichen Wettstreite innerhalb der zur Ausstellung herangezogenen Gebiete! Denn wo wären Industrie- und Gewerbefleiß entwickelter, wo bedeutsamer für den gesammten Welthandel als gerade in diesen? Als man begann, den Gedanken einer Leipziger Ausstellung in die That umzusetzen, konnte man deshalb von vornherein auch auf ein Interesse rechnen, das weit über die Grenzen der an der Ausstellung betheiligten Gebiete hinausging, ja das die fernen überseeischen Staaten direct ergriff, denen sich Sachsen-Thüringens Export zuwendet. Ist es also auch keine jener unübersehbaren Weltausstellungen, wozu Leipzig vom heutigen Tage ab einlädt, so bietet es doch eine Landesausstellung von solcher Vollkommenheit, von einer so harmonischen Schöne, wie sie wenig andere Ausstellungen gleicher Art auszeichnete. Wenn die letzte Maschine montirt, der letzte Ausstellungsschrank an seine Stelle gerückt sein wird, dann eröffnen die schimmernde Industrie- und die weite Maschinenhalle dem Blick ein so vollkommenes Bild heimischer hochentwickelter Industrie, auf hoher Stufe der Technik stehender Gewerbe, daß Sachsen-Thüringen mit gerechtem Selbstgefühl nicht nur allen deutschen Stämmen, sondern auch allen fremden Nationen zurufen kann: „Kommt, schaut und staunt!“ Wahrlich, es ist nicht kleinlicher und unkritischer Localpatriotismus, der uns dieses Urtheil fällen läßt. Vom ersten Spatenstich, von der ersten auf den Platz der Ausstellung gefahrenen Kieskarre an haben wir mit gewissenhafter Prüfung das Werk verfolgt und haben uns täglich inniger mit ihm verwachsen gefühlt, täglich mit größerer Freude die Bedeutung des Unternehmens sich steigern sehen. Und wie wir Zeugen gewesen sind der unendlichen Mühen, des rastlosen Ringens und Kämpfens für die glückliche Durchführung des Ausstellungsplanes, so treten wir auch heute in die erste Reihe der Anerkennenden: Ehre den Männern, die das gewaltige Werk glücklich zum Ziele führten! Lipsia vult exspectari! Das alte, von bedächtiger Zurückhaltung zeugende Wort wird für das neue Leipzig glücklicherweise immer weniger zutreffend. Nicht daß der Sinn, von dem es Kunde giebt, schon ganz verschwunden wäre; ein Rest davon klebt uns noch an, und es wäre unnatürlich gewesen, wenn das Leipziger Ausstellungsunternehmen nicht seine Wirkung verspürt hätte. Wie die Bedeutung alles Großen zuerst nur von Einzelnen richtig erfaßt und gewürdigt wird, so ging es auch dem großen Unternehmen, das jetzt vollendet vor uns steht. Selbst Viele von Jenen, denen der Plan durchaus sympathisch war, zagten vor der Ausführung. Wie hat sich das in den letzten Monaten gewendet! Je mehr das Werk fortschritt, je verwunderter und erstaunter der Blick auf den imposanten, vielgestaltigen Bauten ruhte, die auf den noch vor Jahresfrist öde und nebelüberhangen am Waldrande liegenden Wiesen entstanden, die zu einem im Niveau einheitlichen großen Ausstellungsplatze durch eine Monate erfordernde Aufschüttung umgewandelt wurden, desto mehr verschwand der Einfluß jenes alten Wortes, desto reger wuchs das Interesse, desto antheilfreudiger ward die Stimmung in der ganzen Leipziger Bevölkerung. Und so ist „unsere Ausstellung“ heute ein Monument der Freude und des Stolzes Leipzigs für alle seine Bewohner! Nicht aus dem eitlen Gedanken, der Schaulust der Menge eine neue, flüchtige Unterhaltung zu gewähren, ist die Leipziger Ausstellung entstanden. In erster Linie will sie den friedlichen, so überaus anregenden und fördernden Wettstreit innerhalb der heimischen Industrie und des Gewerbes zur vollen Entfaltung bringen. Das Neueste auf allen diesen Gebieten, die reifsten Früchte menschlichen Sinnens und Schaffens will sie dem Besucher darbieten. So geht von ihr ein mächtiger Strom der Anregung zu neuen Plänen, neuem Wirken aus, befruchtend und belebend, neue Großthaten auf dem Gebiete heimischer Industrie vorbereitend und erzeugend. Dieser vornehmsten und bedeutungsvollsten Wirkung unserer Ausstellung stehen andere Wirkungen wenig nach. Mit verschwenderischer Hand streut sie den Samen nutzbringender Anregung auch auf zahlreichen anderen Gebieten aus. Was die Kunst in ihrer prangenden Halle an Herrlichkeiten vereint, wie Vielen wird es zu Herzen sprechen, den Sinn läutern, die Empfindungen veredeln! Was in der lieblichen Gärtnereihalle an Blumen und Blüthen tausendfarbig dem Auge entgegenlacht, wie Vielen, die im harten Tageskampfe den Sinn für die Natur und ihre unendlichen Schönheiten verloren haben, wird es die Liebe zu ihr aufs … Weiterlesen

Aus der Presse – Drei preisgekrönte Ausstellungsmärsche der STIGA

Aus Anlass der Sächsisch-Thüringischen Industrie- und Gewerbeausstellung zu Leipzig 1897 erlässt der unterzeichnete Ausschuss ein Preisausschreiben für die Komposition eines Ausstellungsmarsches, nach welchem drei der besten Kompositionen mit Preisen in der Höhe von 300, 200 und 100 Reichsmark ausgezeichnet und ausschließliches Eigentum der Ausstellung werden sollen. Die Art und Weise der Komposition soll eine leichte, gefällige sein, und es wird von sogen. großen Festmärschen abgesehen. Das Preisrichteramt haben die Herren [in Leipzig] Professor Carl ReineckeKapellmeister Hans SittKönigl. Musikdirektor C. Walther zu übernehmen die Güte gehabt. Die sich an dieser Preisbewerbung beteiligenden Komponisten werden ersucht, das Manuskript, bestehend aus einer Partitur für Streichorchester, desgleichen für Militärmusik und einem zweihändigen Klavierarrangement mit einem Motto versehen, und bis zum 15. Dezember 1896 an den Fest-Ausschuß der Sächsisch-Thüringischen Industrie- und Gewerbeausstellung zu Leipzig einzusenden. Der Fest-Ausschuss, Franz Waselewsky Am 19. Februar mittags 12 Uhr fand auf dem Ausstellungsplatze im großen Saale der Hauptgastwirtschaft unter Leitung des Kgl. Sächs. Musikdirektors Walther mit der Kapelle des Inf.-Reg. No. 107 eine erste Probe-Musikaufführung statt. Es wurden die von den Herren Preisrichtern Prof. Carl Reinecke, Kapellmeister Hans Sitt und Musikdirektor C. Walther unter 84 Kompositionen zur engeren Wahl empfohlen sechs Ausstellungsmärsche in Gegenwart der genannten Preisrichter sowie der Mitglieder des geschäftsführenden Ausschusses und des Fest-Ausschusses vorgetragen. Der erste Preis im Betrage von 300 Mk. wurde dem Marsche No.41 mit dem Motto: „Frisch gewagt“ zuerkannt, welcher Herrn Adam Hahn, Harfenspieler in Wien, zum Verfasser hat. Den zweiten Preis in Höhe von 200 Mk. erhielt der Einsender No. 53 mit dem Motto: „Sachsen-Thüringen“, über dessen Persönlichkeit sonst bisher jede weitere Angabe fehlt. Der dritte Preis (100 Mk.) fiel auf das Motto: „Immer lustig bei des Bechers Freuden, wenn harmonisch erklingen die Saiten“. Als Verfasser ergab sich der herzogl. Sächs. Musikdirektor Herr A. Trommer in Friedrichsroda. Nur diese drei Märsche wurden den Forderungen des Preisausschreibens: „frisch und lebendig“ voll gerecht. Marsch No. 22, in den die Sachsenhymne eingeflochten war, erwies sich als allzu hymnenartig und theatralisch für eine Ausstellung. Marsch No. 32, welcher durch Verwebung des thüringischen Volksliedes sympathisch berührte, stand in musik-theoretischer Hinsicht hinter den preisgekrönten Arbeiten zurück. No. 37 aber war von einer Länge, die Robert Schumann wohl kaum als göttlich bezeichnet haben würde. Dass alle diese Märsche von der genannten Kapelle mustergiltig zu Gehör gebracht wurden, bedarf wohl keiner besonderen Versicherung. StadtAL, Kap. 75 A Nr. 33 Bd. 2. Preisausschreiben, in: Leipziger Ausstellungszeitung vom 26. September 1896, S. 87. StadtAL, Kap. 75 A Nr. 33 Bd. 2. Der Ausstellungsmarsch, in: Leipziger Ausstellungszeitung vom 22. Februar 1897, S. 253.

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