Ein Blick in die Literatur – Jubiläum-Gartenbau-Ausstellung in Leipzig

Nach der Natur von Ernst Kiesling

Zu den ältesten Bauten Leipzigs zählt der Kuhthurm, der sich am Eingang zu dem Vororte Lindenau erhebt. Vor acht Jahrhunderten zum Schutze der auf benachbarten Wiesen weidenden Viehherden errichtet, war er in letzter Zeit der Sitz einer landwirthschaftlichen Versuchsanstalt. Dicht an diesen Bau schließt sich ein Grundstück von etwa 136000 Quadratmetern Fläche, das, von einem Gürtel prachtvoller Baumgruppen eingerahmt, jahrzehntelang in stiller Abgeschiedenheit lag und selbst dem größten Theil der Leipziger Bürger so gut wie unbekannt war. Und doch ist es eine Perle voll landschaftlichen Reizes, in der unmittelbarsten Nähe der Altstadt, werth, zum Anziehungspunkt der Tausende zu werden, die nach des Tages Last und Mühe in frischer Luft, in Gottes freier Natur aufathmen möchten. Das hat man in jüngster Zeit erkannt und darum beschlossen, dieser Perle würdige Einfassung zu geben. Auf dem Kuhthurmgrundstücke soll sich demnächst ein Palmengarten erheben, und die weiten Wiesen, die sich zwischen Lindenau und Leipzig erstrecken, beabsichtigt man in große Wasserbecken, die sogenannten „Elsterbassins“, zu verwandeln. Ein glückliches Zusammentreffen von Umständen brachte es mit sich, daß wir schon heute die voraussichtliche Wirkung der geplanten Anlagen uns vergegenwärtigen können; denn das Kuhthurmgrundstück wurde in diesem Frühjahr und Sommer zum Schauplatz einer überaus regen gärtnerischen Thätigkeit.

In diesem Jahre feiert der „Leipziger Gärtner-Verein“ das fünfzigjährige Jubelfest seiner Gründung, und seine Mitglieder faßten den Entschluß, dieses Fest mit einer Internationalen Jubiläums-Gartenbau-Ausstellung zu verbinden; in dankenswerther Weise wurde ihnen zu diesem Zwecke die Umgebung des Kuhthurms zur Verfügung gestellt, und Leipziger Gärtner schritten nun mit unverdrossenem Fleiß und echtem Kunstsinn ans Werk und zauberten in der kurzen Zeit von wenigen Monaten nicht nur eine „Ausstellung“, sondern einen wirklichen Lustgarten inmitten der von der Natur gegebenen Parkeinfassung hervor.

In der That war diese Ausstellung, zu welcher in der Zeit vom 25. August bis 5. September Tausende und Abertausende von nah und fern herbeiströmten, eine landschaftliche Sehenswürdigkeit ersten Ranges. Das beweisen die naturgetreuen Abbildungen unseres Zeichners, denen leider eines – die Farbenpracht fehlt, die wir auch durch Worte nicht zu ersetzen vermöchten. Wandelte man auf den Kieswegen durch die weiten Anlagen, so entzückten stets neue Bilder das Auge, und es war schwierig, einen Standpunkt zu finden, von dem aus man das Ganze am besten überschauen konnte. Am günstigsten erwies sich der Ausblick von dem am äußersten Ende aufgestellten Pavillon, unter dem eine Wasserkaskade hervorbrach, und auch unser Zeichner hat diese Ansicht von der „Grotte“ aus zum Hauptstück seiner Darstellung gewählt. Drei Leipziger Kunstgärtner, J. C. Hanisch, Albert Wagner und Otto Mann, hatten sich hier in die Aufgabe getheilt, die weiten ehemaligen landwirthschaftlichen Versuchsfelder in eine entzückende Gartenanlage zu verwandeln, zwischen deren Baum-, Strauch- und Blumengruppen die gefälligen Ausstellungshallen, Kioske und Pavillons malerisch hervorragten. Alle Welttheile, alle Zonen des Erdreichs hatten zur Schmückung dieser Rasenflächen beigetragen. In den Gruppen der Nadelhölzer standen traut vereint neben der ehrwürdigen aussterbenden Eibe unseres Nordens und dem duftigen Wachholder die Cypressen Asiens, die Wellingtonien Kaliforniens und die symmetrischen Araucarien. Dazwischen erhoben Palmen aller Art ihre Wedel; unter alten deutschen Eichen sah man das größte Kraut der Erde, die riesige Banane, Musa Ensete, deren gewaltige Blätter der Wind zerrissen hatte, daß sie dahinflatterten wie zerfetzte Standarten, und tief im Grase staken die Zwergorangen Chinas mit ihren goldenen Früchten.

Nicht minder reich an Ueberraschungen und lehrreich in hohem Grade war ein Gang an den Teich und Bach der Ausstellung; denn hier schwammen auf dem klaren Spiegel oder umsäumten das Ufer allerlei seltene Wasser- und Sumpfpflanzen, hier wiegte sich, alle überragend, der schlanke goldene Bambus Ostasiens. Auf künstlichen Felsen fand man Anlagen von Alpenpflanzen, und unter ihnen sahen wir neben dem schönen Edelweiß auch eine Blüthe der Carlina acaulis, der Wetterdistel, die als Wetterprophetin unter unseren heimischen Pflanzen gilt – diesmal aber nur selten ihre weißen Zungenblüthen entfaltete, denn nur zu oft zogen über dem Himmel dieses Lustgartens düstere Regenwolken dahin. Einen Gegensatz zu dieser einfachen deutschen Distel bildeten die stachligen fremdländischen Kakteen, die einen stangenhoch, mit weißen Haaren bedeckt, die anderen dicht auf dem Boden wie friedliche Igelfamilien zusammengerollt.

Im Mittelpunkt dieses Panoramas erhob sich der Königspavillon, ein Schmuck, den der „Verein für Kunsthandwerk Albrecht Dürer zu Leipzig“ beigetragen hatte – ein mit prachtvollen Möbeln, Gobelins, Glasgemälden, Standuhren und anderen Erzeugnissen des blühenden Leipziger Kunstgewerbes ausgestatteter Raum.

Der Ausblick von dem Kaskadenpavillon wurde durch Baumgruppen eingeschränkt; hinter ihnen leuchtete aber die mächtige Kuppel der Haupthalle der Ausstellung. Die Front dieser Halle bildete einen besonderen Theil der Ausstellung, der mit prachtvollen Rasen- und Blumenteppichanlagen Otto Moßdorfs, des Vorsitzenden des Leipziger Gärtner-Vereins, geschmückt war. Betrat man das Innere der Ausstellungshallen, so entzückten neue reizvolle Arrangements das Auge. Unser Zeichner hat versucht das Innere des Palmenhauses von J. C. Hanisch wiederzugeben. Die Blumenfreunde unter unseren Lesern mögen sich hier die Farbenpracht hinzudenken, welche eine äußerst künstlerische Gruppierung herrlicher Blumen und der nicht minder in allen Regenbogenlichtern glühenden Blattpflanzen hervorzurufen vermag! In der Ausstellungshalle von Moritz Jacob, die einen Säulengang darstellte, konnte man neben Photographien gelungener Gartenanlagen eine stimmungsvolle Grotte mit Moosen und Farnen betrachten und in einem von Albert Wagner errichteten, mit getrockneten Palmenblättern gedeckten Kiosk eine Gruppe reizender Araucarien bewundern.

Eines sehr regen Zuspruchs erfreute sich namentlich von seiten der Frauenwelt die Abtheilung für Binderei. Die Aussteller hatten verschiedene Aufgaben zu lösen: es waren Preise ausgesetzt für die schönsten Trauerkränze, Kreuze, Blumenkissen, Lorbeerkränze, Tafelaufsätze, Bilddekorationen ec. Auch für eine vollständige Ballgarnitur winkte eine große silberne Medaille; geschmackvolle Geburtstags- und Ballsträuße waren gleichfalls vorhanden, und wie viele schöne Augen blickten auf den vollständigen Brautschmuck, der zwanzigmal vertreten war. Ob da die Preise gerecht vertheilt werden konnten? Der Geschmack ist ja sehr verschieden. Was uns beim Anblick der Kinder der Flora besticht, das ist nicht nur ihre Seltenheit, sondern auch ihre Schönheit, und für Wertschätzung der letzteren giebt es kein feststehendes Gesetz. Die Huldigungen der Menge schwanken je nach der Mode, und was heute als Schönstes verhimmelt wird, kann morgen unbeachtet bleiben. Damit muß auch der Gärtner rechnen und vieles zu bringen suchen, um jedem etwas zu bringen.

Das thut auch unser deutscher Gartenbau, und seine Leistungen auf der Leipziger Ausstellung waren so vielseitig, daß kein Besucher sie unbefriedigt verlassen hat. Und wer an Blumen und Blättern achtlos vorüberging, auf den mußte wenigstens die herrliche Landschaft bezaubernd wirken. Nach wenigen Tagen fiel diese Herrlichkeit zusammen, aber hoffen wir, daß sie wie ein Phönix wieder erstehen und bald für immer um den alten Kuhthurm blühen werde!

Von C. J.


Die Internationale Jubiläums-Gartenbau-Ausstellung zu Leipzig, in: Die Gartenlaube 1893. Leipzig, Heft 38, S. 647 f.


Autor/in

    by
  • Die Gartenlaube

    Gegründet wurde das illustrierte Familienblatt von Ernst Keil und Ferdinand Stolle in Leipzig. Seit 1853 versorgte das weit verbreitete Familienblatt seine Leserschaft mit Prosa und Poesie. Es wurde von Ernst Keil's Nachfolger fortgeführt und gilt heute als eine wichtige Quelle zur deutschen Kulturhistorie. Alle Fundstücke werden als Originaltexte mit der Lizenzierung CC BY-NC-SA 4.0 veröffentlicht. Wir weisen darauf hin, dass die Meinung des Verfassers verstörende Ausdrucksweisen enthalten kann und nicht die Haltung der Autoren der Webseite wiedergibt.

WordPress Cookie Plugin von Real Cookie Banner