Aus der Presse – Umgestaltung des Krystallpalastes wegen Alberthalle

Die Anlage des Krystallpalastgartens um 1900, Foto von Hermann Walther.

Wir haben schon mehrfach unsere Leser im Allgemeinen mit der großartigen Umgestaltung bekannt gemacht, welche seit etwa Jahresfrist in unserem alten Schützenhaus oder, wie es jetzt heißt, in unserem Krystallpalast vor sich gegangen ist. Aus der Darstellung, die wir insonderheit in Nummer 86 unseres Blattes gaben, wird man bereits ein Bild von Demjenigen empfangen haben, was der Krystallpalast in Zukunft seinen Besuchern darzubieten im Stande ist und welche hervorragende Stellung derselbe nicht nur unter den Vergnügungs-Etablissements unserer Stadt, sondern unter denjenigen des gesammten Continents einnehmen wird. Wir bemerkten damals, daß wir auf diese glänzende Neuschöpfung und ihre Einzelheiten zurückkommen würden, wenn dieselbe in dem Stadium ihrer Vollendung angelangt sein werde. Nun, dieser Zeitpunct ist jetzt herbeigekommen, mit dem Osterfest ist die Stunde erschienen, in welcher der Circus-Neubau des Krystallpalastes und Alles, was damit im Zusammenhang steht, in festlicher Weise eröffnet und seiner Benutzung übergeben werden wird. Es ist daher unsere Aufgabe, die früheren allgemeineren Mittheilungen durch eine in das Einzelne eingehende Schilderung des Neugeschaffenen zu ergänzen.

Der Besucher unserer Stadt wird sich, wenn er, von der Goethestraße kommend, die Promenade überschreitet und sich nach dem Dresdner Bahnhof wendet, von einem überraschend eigenartigen Bilde gefesselt sehen, das am nordöstlichen Horizonte dem Blick sich bietet. Ein mächtiger Kuppelbau steigt in gewaltigen Dimensionen empor, hohe, große Fahnenstangen bezeichnen die vorspringenden Ecken und ein schlanker Thurmbau, bekrönt von einem gigantischen kugeltragenden Atlas, setzt sich auf die in ihren Formen riesige Rotunde. Dieser Bau, welcher hier seine scharfe Silhouette an den Himmel zeichnet, ist der neue Circus oder die Alberthalle. Vor Allem erscheint es rühmens- und bewunderungswerth, daß diese mit dem Aufgebote großer Arbeitskräfte begonnene und vollendete Schöpfung, welche sich in Plan und Gedanken weit über ähnliche Bauwerke der Gegenwart erhebt, in so kurzer Zeit hat durchgeführt werden können, denn zwischen Idee und Verwirklichung, zwischen Spatenstich und Vollendung des Baues liegt nicht ein Jahr. Welche riesengroße Aufgaben galt es innerhalb dieser Zeit zu bewältigen, welche Summe von Arbeit gehörte dazu, um das Unternehmen sowohl im Großen und Ganzen in Angriff zu nehmen, als es auch praktisch im Einzelnen zu verwirklichen und den großen Aufgaben gemäß zu gestalten, welche für das Werk von vornherein gestellt waren.

Unumwunden und mit dem Ausdruck vollster Anerkennung des Geleisteten muß in erster Linie den Verdiensten des Herrn Eduard Berthold Dank gezollt werden; der scharfe und praktische, auf das Werdende und weniger auf das Bestehende in unserer Stadt gerichtete Blick dieses Mannes ließ jetzt schon eine Metamorphose des Krystallpalastes entstehen, die früher oder später sich dringend erforderlich gemacht haben würde und die unserm immer mehr zur wirklichen Großstadt sich entwickelnden Leipzig mit seinen Monumentalbauten entschieden zur Zierde gereicht. Als das Project des Krystallpalastes ins Leben trat, als das ehemalige Schützenhaus sich zu einer, alle früheren localen Eigenschaften des Hauses beseitigende Umwandlung erhob, da staunte schon Leipzig ob der Kühnheit dieses Plans und des Umfanges der neuen Räume, die, wie Pessimisten, an denen bekanntlich in Leipzig kein Mangel ist, meinten, über das Maß der erreichbaren Frequenz zugeschnitten worden seien. Einige wenige Jahre haben genügt, darzuthun, daß jener Plan, welcher die Zukunft discontirt, sich in richtiger Würdigung der Verhältnisse dem steigenden Wachsthum unserer Stadt anschmiegt, daß der Gesellschaftsverkehr in jenen Räumen sich zu einer Ausdehnung erhob, die heute schon von Jedermann als selbstverständlich erachtet wird. Die jüngste Erste internationale Ausstellung für Volks-Ernährung und Kochkunst konnte zugleich die erfreuliche Thatsache bekräftigen, daß Ausstellungen umfassendster Art und mit den vielseitigsten Anforderungen verbunden mit einem Schlage in Leipzig unter Dach und Fach gebracht werden können, ohne daß sich die Herstellung kostspieliger Bauten nöthig erweist.

Das Wort über dem Giebelfeld des ehemaligen Schützenhauses: „Laboris industriis civibus requies“, einst bescheiden ausgesprochen in Hinblick auf die Verhältnisse des Hauses, es wird zur verlockenden Einladung für Leipzigs ganze Bürgerschaft. Das Citat aus Schiller: „Raum für Alle hat die Erde“, krystallisirt sich, angepaßt auf communale Verhältnisse, in unserem Krystallpalast, als dessen gegenwärtiger Mittelpunct die 30 Meter hohe Alberthalle, ein Bau von großartiger Wirkung, zu bezeichnen ist. Der Besucher des Etablissements hat, wenn er von der Wintergartenstraße kommt, die Wahl zwischen drei Eingängen. Sie alle bezwecken vermittelst der geschaffenen, in directer Verbindung mit der Alberthalle und dem Diorama stehenden Colonnaden die Erzielung eines glatten und sich rasch entwickelnden Verkehrs. Jene mit Oberlicht versehenen Colonnaden, die rechts und links vom alten Hause liegen und von denen die linke eine Reihe von Verkaufsgewölben aufnimmt, schließen in ihren Baulichkeiten nicht weniger als sechs Kegelbahnen ein. Von diesen liegen vier nach Osten (die Asphaltbahnen: Germania- und Lipsiabahn und eine Doppelbahn, sowie die Tennenbahn Saxonia), während auf der westlichen Seite im linken Durchgang sich die Moltkebahn und die spitzwinkelig zulaufende Bismarckbahn befinden. In dieser Abtheilung des Einganges sind auch die großen Kellereien eingerichtet worden, deren das Etablissement für seinen so ausgedehnten Wirthschafts-Betriebe bedarf. Nach beiden Durchgängen hin ist zugleich vom Corridor des Hauses aus ein bequemer Eintritt geschaffen worden, so daß die Bewegung des Einzelnen, selbst bei Andrang großer Massen, nirgends gehemmt sein wird, ein Princip, das überall auf das Sorgfältigste zu Gunsten des Verkehrs, der sich in den Gesammträumen entwickeln soll, seine Durchführung gefunden hat. Die an den Parterresaal grenzende, bedeutend erweiterte Mittelcolonnade erhält unter der Estrade zwei große Buffets; vermöge ihrer praktischen Anlage versorgen die letzteren sowohl den Parterresaal als auch die Colonnade und den Garten. Hier wird das Bier der Leipziger Bierbrauerei von Riebeck & Co., das Franziskanerbräu von Jos. Sedlmayr in München direct vom Faß verzapft und auch Freiherrl. von Tucher‘sches Bier gereicht. Von diesem Ausganqspunct des Krystallpalastes genügen wenige Schritte für den Besucher, um sofort in den Garten zu gelangen, der in einem noch ganz bedeutenden Umfange erhalten geblieben ist und mit dem Eintritt günstiger Jahreszeit ein prächtiges Gewand annehmen wird.

Die neue Albert-Halle um 1900, Foto von Hermann Walther.

In monumentaler Schöne erhebt sich am nördlichen Ende des Gartens die Albert-Halle in ihrer kräftig gegliederten, architektonischen Form; es ist nicht ein Bau, teleskopartig in die Höhe geschoben, in kahler Einfachheit als gigantische Masse – sondern ein Kunstwerk im edlem Stil, äußerlich plastisch und malerisch wirksam ausgestattet. Auf dem massiven Fundament dieses Steinkolosses wölbt sich die ganz in Eisenconstruction gehaltene Kuppel, zu deren Herstellung die Königin-Marienhütte in Kainsdorf bei Zwickau 380 000 Kilo verarbeitetes Eisen geliefert hat. Die Vorsprünge der aufsteigenden Grundmauern tragen riesige Greifengestalten in phantastischer Ausführung; über dem hohen Portale, in dessen Eckzwickel weibliche Genien mit Lyra und Maske en relief eingefügt sind, leuchtet in hellem Gold das Wort: Alberthalle links und rechts die Inschriften Circus und Diorama hervor. Den Aufbau des Portales selbst krönt eine imposante Quadriga. Dieses überaus fein und künstlerisch schön modellirte Viergespann fügt sich der äußeren Decoration des Riesenbaues als wirksame Ergänzung seiner Einzelheiten an.
Alle Colonnaden stoßen, ein Quadrat bildend, mit dem Bau der Alberthalle zusammen; die große Musikhalle im Westen des Gartens ist um ungefähr 3 Meter vorgerückt worden, wodurch auch an dieser Seite nunmehr eine ungehinderte Verbindung zwischen Alberthalle und Krystallpalast besteht.

In den dekorativ prächtig ausgestatteten Colonnaden, von denen die nach Norden laufende an ihrem Ende Garderobe- und Buffet-Einrichtung erhält, werden die Tausende der Besucher der Albert-Halle bequem Unterkommen zu finden vermögen. Links vom Circus führt eine große Freitreppe auf eine Estrade empor, dorthin münden auch die Separat-Ausgänge vom ersten und zweiten Rang des Circus, welche die Bestimmung haben, den Menschenstrom in die Aufenthaltsplätze außerhalb des Circus zu leiten.

Der Gedanke, den neuen Monumentalbau „Albert-Halle“ zu nennen, darf als ein glücklicher bezeichnet werden, denn König Albert hat zu aller Zeit reges Interesse an allen wissenschaftlichen und gemeinnützigen Unternehmen gezeigt, die unserer Stadt zu Gute kommen. Liegt doch auch etwas Majestätisches in dem Bau!

Und nun der Innenraum der Albert-Halle selbst! Sie bricht vollständig mit allen Circustraditionen, mit jenen Einrichtungen, die immer nur aus das hippologische Princip weisen, sie bricht mit dem Althergebrachten, mit der Gewohnheit der bisherigen Circus-Periode. Beim Eintritt in die im edelsten Stil gehaltene, farbenprächtig ausgeschmückte Rotunde, in deren Deckenwölbung eine gar anmuthige und im Colorit heiter-freundlich gehaltene Symbolisirung der zwölf Monate sichtbar wird, ergreift den Besucher unwillkürlich das Gefühl hoher Bewunderung. Edel, ernst und gediegen sind die Charakterzüge der architektonischen Kunst in diesem Innenraume; auf den ersten Blick wird die praktische Anordnung sichtbar, welche auch dem Kleinsten Beachtung geschenkt hat. wird das Bestreben erkennbar, nur Gediegenheit walten zu lassen und neben dem praktischen Bedürfniß der Schönheit den ihr gebührenden Raum zu geben. Von der kreisrunden Arena an, vom Parquet steigt die Reihenfolge der amphitheatralisch aufsteigenden Sitze, in Logen, in erstem und zweitem Rang auf; der erste Rang ist im Süden der Halle von der Königsloge unterbrochen. Eine große Anzahl von Zugängen erleichtert den Zutritt zu allen Plätzen, für die elegante Klappsitze bester und neuester Construction aufgestellt wurden. So hoch sich hier auch der Besucher der Halle versteigen mag, immer bleibt ihm der volle und freie Ueberblick über die Arena und über die Vorgänge in derselben.

Die Alberthalle von Innen um 1905, Foto von Hermann Vogel.

Vier Kolossalkronen, in denen elektrische Glühlichter strahlen werden (der ganze Circus bedarf allein 1000 Glühlichter), bringen den hellsten Glanz in der mit kühner Spannung gewölbten Monstrehalle hervor, während das Tageslicht durch genügend vorhandene Fensteröffnungen reichlich den Raum zu durchfluthen vermag. Reich vergoldete Säulen ragen nur an der äußersten Peripherie der Halle empor und tragen ihren schimmernden Glanz in das Gewölbe. In bestechender Symmetrie liegt der Raum vor dem Beschauer, wenn letzterer sich einen hohen Standpunct erwählt; die praktischen Anordnungen des Architekten spiegeln sich in der ganzen Linienführung der inneren Einrichtungen wieder. Alles ist bequem, praktisch und den Ansprüchen unserer etwas verwöhnten Zeit angemessen, die Anlage ist weit und groß, es spricht aus allen ihren Einzelheiten ein großer schöpferischer Plan, welcher in gediegener, die Herstellungskosten nicht ängstlich bemessender Weise zur Ausführung gelangt ist.
Dieselbe Sorgfalt, welche die am Bau betheiligten technischen Kräfte dem mit großer Kühnheit ins Leben gerufenen und mit trefflichem Scharfblick überwachten Unternehmen zugewendet haben, prägt sich in allen Theilen des Baues aus, mag der Besucher nun die vortheilhaft angelegten Gassen am Portal betrachten, mag er die großen Reitergänge mit ihren Nischen, die Lichthöfe mit der bunten Oberlichtbedachung, mit ihren Spiegeln und Fontainen in Augenschein nehmen, mag er die zur Aufnahme der 100 Pferde angelegten Pferdeställe durchwandern, immer tritt ihm der oberste Grundzug des Ganzen entgegen: Solidität und praktische Ausnutzung des Raumes. Gerade in dieser praktischen Ausnutzung des Baues liegt ein besonderer Werth. Es erscheint in der That oftmals unbegreiflich, wie es möglich gewesen ist, Alles so vortheilhaft zu vertheilen und den Ansprüchen, die der Betrieb eines so großen Unternehmens stellt, gerecht zu werden. Da sind die Garderoben für die Künstler, da ist der große Balletsaal, ein Schneidersaal und ein Restaurationssaal mit Foyer – Alles in der Alberthalle, und endlich thut sich oberhalb des Circus noch jenes in seinem Inhalt entzückende Diorama auf, in welchem die moderne Kunst durch herrliche Motive aus Landschaft, Geschichte und Cultur hohe Triumphe feiert.

Von der rechten Seite des Gartens führt eine steinerne Treppe – überall sind steinerne Aufgänge vorhanden – in den Raum des Dioramas; der Bequemlichkeit des Publicums kommt überdies ein hydraulischer Aufzug zu statten, mittelst dessen Hilfe der Besucher aus dunklem Schacht in eine heitere sonnige Welt geleitet wird.


Die Krystallpalast in seiner neuen Gestalt. I., in: SLUB Dresden. Leipziger Tageblatt und Anzeiger. Freitagausgabe vom 8. April 1887, S. 1971.


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