Aus der Presse – Wiedereröffnung nach der Palmengarten-Katastrophe

Die frühlingsmilden Weihnachtsfeiertage waren in der That verlockend genug, um unsere Bewohnerschaft zu einem Gange nach dem Palmengarten und seinem neueröffneten Gesellschaftshause zu bewegen. Nach einer mehrmonatlichen Pause dem großen Verkehre wieder zurückgegeben und in neuer, glänzender Gestalt entstanden, hatte dieser Hauptraum durch sein verändertes Gewand und seine neue decorative Ausschmückung wohlberechtigten Anlaß zu einem erhöhten Besuche des Etablissements gegeben. Man war dabei allseitig überrascht, eine so wirkungsvolle, malerische Anordnung der Deckendecoration und ihrer Umgebung zu finden.

Drei bewährte Kräfte haben in erstaunlich kurzer Zeit die überraschende Metamorphose herbeiführen helfen: nach dem Abbruch des plastischen Plasonds durch Maurermeister Eduard Steyer schuf Zimmermeister Franz Linke die vollständig neue, platte Holzdecke, malte Richard Hesse auf dieser, mit Leinwand überspannten, quadratischen Fläche in großen, kraftvollen Zügen ein höchst vornehm gegebenes Ornamentenwerk, das die vier mächtigen Kronen des Saales an ihren Ausläufern mit einem feinen, goldenen Linienwerk kreisförmig umzieht und daneben auf dunkelblauem Grunde eine Fülle goldener Blüthen in symmetrischer Anordnung mit zarten Goldfäden verbindet, so daß die Gesammtwirkung eine außerordentlich anziehende wird. Den Abschluß der Deckenbemalung bildet ein schweres, aus stilisirten Lorbeergewinden gebildetes, goldenes Ornament, das an nordische Motive gemahnt. Ebenso fein stilisirt erweisen sich die Malereien der in Holz construirten Plasondkehlen. Vor Allem wurde mit dieser neuen malerischen Decoration eine vollständige Uebereinstimmung mit der vorhandenen Ausschmückung des prachtvollen Festsaales erreicht, ja, es dürfte nicht zu viel gesagt sein, wenn betont wird, daß mit den veränderten malerischen Momenten unstreitig eine Steigerung des Effectes erreicht worden ist.

Alle coloristischen Reize stimmen hier ungemein lebendig zusammen, und in das Blau und Gold der Decke, in den vornehmen Bronzeton der Galerien trägt durch die großen Scheiben des Palmenhauses das leuchtende Grün einer üppigen Tropenflora ein weiteres, wohlthuendes, farbiges Element. Mächtige Palmen und Baumfarne winken herein: die hoch emporgeschossene Kentia belmoreana mit breitem Schopf, die riesige Musa violacea und die herrliche Lévistonia chinensis – – –

Für die Weihnachtsfeiertage war das Winderstein-Orchester für eine Reihe von Concerten gewonnen worden. Die Wahl der einzelnen Programmnummern deutete dabei darauf hin, daß nur Erlesenes in musikalischer Beziehung geboten werden sollte. Dem entsprach auch allenthalben die Ausführung. Nach der wirthschaftlichen Seite hin trat bei der Wiedereröffnung der Räume Herr Albin Oertel, eine allen Leipzigern wohlbekannte und auf gastronomischen Gebiete hervorragende Persönlichkeit, als Leiter der Gastwirthschaft zur Zufriedenheit aller Gäste in Function.

– Leipzig, 26. December 1901.


Leipziger Palmengarten, in: SLUB Dresden. Leipziger Tageblatt und Anzeiger vom 27. Dezember 1901. Abendausgabe, S. 9232.


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