Gespräch mit Experten – Anke Hofmann und Elisa Klar zur Carla-Datenbank

Anke Hofmann und Elisa Klar geben in diesem Interview Einblicke in die Entstehung und Bedeutung der CARLA-Datenbank an der Hochschule für Musik und Theater Leipzig. Mit der öffentlichen Plattform ist eine digitale Forschungsumgebung entstanden, die die Geschichte des Leipziger Konservatoriums erstmals umfassend online sichtbar macht. Die beiden Expertinnen erläutern, wie aus historischen Studienunterlagen ein international genutzter Datenpool wurde, welche Herausforderungen die Digitalisierung mit sich brachte und welche neuen Perspektiven sich damit für die Musik-, Geschichts- und Digital-Humanities-Forschung ergeben. Das von der DFG geförderte Projekt zu Carl Reinecke, das seit 2022 an der Universität Leipzig und der HMT Leipzig angesiedelt ist, nutzt CARLA über eine REST-API. Die Daten sind im erschienenen Sammelband eingegangen. Dieser beleuchtet Reineckes Netzwerk in Leipzig sowie seine Schaffenskraft aus vielen Perspektiven. Dieser Gesellschaftsroman in zwei Bänden wurde 1908 von der ehemaligen Studentin Ethel Florence Richardson alias Henry Handel Richardson geschrieben. Sie verarbeitete darin u. a. ihre Studienerfahrung am Leipziger Konservatorium in den 1890er Jahren mit einer Hommage an Leipzig. Ich habe CARLA bei meinen Recherchen zu Musikdirektoren und Musikern kennen und schätzen gelernt. Deshalb freue ich mich, nun mehr von Ihnen darüber zu erfahren. Als verantwortliche Bibliothekarinnen sind Sie beide mit Ihrem Team das Gesicht von CARLA und gestalten dieses Projekt seit der Konzeptionsphase. Was verbirgt sich eigentlich hinter der Abkürzung CARLA, und welche Informationen sind in dieser Datenbank enthalten? CARLA steht für „Conservatory Archive Records Leipzig with Additions“ und ist eine frei zugängliche Online-Datenbank zum Leben und Wirken der rund 13.000 Personen am Leipziger Konservatorium der Musik im Zeitraum von 1843 bis 1918. CARLA enthält Informationen und Unterlagen zu Studierenden, Lehrenden und weiteren Angehörigen des Konservatoriums, die aus dem Archiv der Hochschule für Musik und Theater „Felix Mendelssohn Bartholdy“ Leipzig (HMT Leipzig) stammen. Neben biographischen Angaben verzeichnet CARLA auch Informationen zum Studium, zur Lehrtätigkeit oder zur Verwaltungstätigkeit einzelner Personen. Digitalisate der historischen Studienunterlagen, die als als Quellengrundlage dienen, sind mit den entsprechenden Personen verknüpft. Zudem verweist CARLA auf externe Datenquellen, die ergänzendes Wissen zu den erfassten Personen enthalten. Umfangreiche Texte zur Bestands- und Projektbeschreibung runden die Plattform ab. An der Bibliothek und im Archiv der HMT Leipzig sind im Kontext von CARLA inzwischen mehrere Neben- und Unterprojekte entstanden, die sich ebenfalls mit der Geschichte des Leipziger Konservatoriums der Musik beschäftigen. Dazu zählen etwa die Erschließung historischer Konzertprogramme des Konservatoriums auf musiconn.performance oder die Transkription der Studienunterlagen auf Wikisource. Durch diese Verknüpfungen ist CARLA inzwischen zu einer wichtigen digitalen Forschungsumgebung zur Hochschulgeschichte geworden. Wie ist die Idee zu CARLA eigentlich entstanden? Welche Ziele verfolgte die Hochschule bei der Entwicklung? Das Leipziger Konservatorium der Musik war bei seiner Gründung 1843 die erste Einrichtung dieser Art in Deutschland und besaß von Beginn an eine hohe internationale Strahlkraft. Viele namhafte internationale Persönlichkeiten studierten und lehrten am Konservatorium, deren Spuren immer wieder erforscht werden. Beispiele wären u. a. der norwegische Komponist Edvard Grieg oder die englische Komponistin und Frauenrechtlerin Ethel Smyth. Die Quellen zur Konservatoriumsgeschichte sind nicht nur für die Musikforschung, sondern auch für Themen wie Kulturtransfer, Bildungsgeschichte oder Gender Studies relevant. Entsprechend waren die historischen Studienunterlagen über viele Jahre der am häufigsten nachgefragte Bestand des Archivs. Vor Projektbeginn waren die Daten jedoch nur sehr rudimentär in einer lokalen Access-Datenbank erfasst, die schließlich als Grundlage für CARLA diente. Mit CARLA soll die Geschichte des Leipziger Konservatoriums digital sichtbar und online zugänglich gemacht werden. Zugleich ermöglicht die Projektarbeit den Aufbau von Kompetenzen in den Bereichen Forschungsdatenmanagement, Open Data und Open Science innerhalb des Teams. Wir fokussieren uns stark auf die Qualität der Daten, um eine Anbindung an andere Projekte und ihre Nachnutzbarkeit sowie technische Weiterentwicklungen zu ermöglichen. Durch die Beschäftigung mit Strukturen und Netzwerken der Digital Humanities konnte sich das Team fachlich wie institutionell weiter vernetzen. Mit CARLA wird nicht nur die Hochschulgeschichte sichtbar, sondern auch die gegenwärtigen Tätigkeiten von Bibliothek und Archiv als „Datenlieferantinnen“ und Informationsdienstleisterinnen. Welche Quellenbestände wurden für CARLA verwendet, und welche Herausforderungen gab es bei der Digitalisierung? Hauptgrundlage der Datenerfassung bilden historische Studiendokumente, die das Archiv der HMT Leipzig in außergewöhnlicher Vollständigkeit seit der Gründung des Konservatoriums 1843 bewahrt. Dazu zählen Register, Inskriptionsbücher mit Angaben zu Herkunft, Fähigkeiten und finanzieller Situation der Studierenden, Aufnahmeformulare sowie Zeugnisse. Bei Unklarheiten wurden ergänzende Unterlagen wie Studienprospekte, Schüler- und Personalverzeichnisse oder Festschriften aus dem Bestand der Bibliothek und des Archivs herangezogen. Auch externe Datenbanken wie Musik in Geschichte und Gegenwart (MGG), New Grove, Wikipedia oder Ancestry dienten zur Recherche. Die Digitalisierung der Studienunterlagen aus dem Archiv der HMT Leipzig erfolgte bereits 2004/2005 durch einen externen Dienstleister. Die dabei entstandenen Digitalisate entsprechen den aktuellen Standards aber nicht mehr und lagen zu Projektbeginn nur auf lokalen Laufwerken vor. Da personelle und technische Kapazitäten für einen eigenen Viewer oder ein Langzeitarchiv fehlten, war die Veröffentlichung nur dank der Unterstützung des Landesdigitalisierungsprogramms des Freistaates Sachsens (LDP) möglich. Dadurch konnten die vorhandenen Digitalisate nachgenutzt, langzeitarchiviert und auf sachsen.digital veröffentlicht werden. Zusätzlich konnten über das LDP auch Digitalisate weiterer Unterlagen angefertigt werden. Warum ist die Entwicklung von CARLA wichtig? Wie unterscheidet sich CARLA von anderen musikhistorischen Datenbanken? CARLA macht historische Quellen zugänglich, die bislang ausschließlich vor Ort genutzt werden konnten, und bereitet die darin enthaltenen Daten für die Forschung auf. So wird die Geschichte des Leipziger Konservatoriums der Musik für eine breite Öffentlichkeit und die Wissenschaft zugänglich. Dabei fokussiert sich CARLA exklusiv auf das Leben und Wirken am Leipziger Konservatorium der Musik als erste musikalische Bildungseinrichtung ihrer Art in Deutschland. Es wird aktiv auf weitere Informationen in anderen Datenpools wie Wikipedia, RISM, Kalliope oder MUGI (Musik und Gender im Internet) hingewiesen. Diese Verbindungen sind durch die Verzeichnung der GND-ID für jede Person in CARLA möglich. Hierfür wurden Normdatensätze in der Gemeinsamen Normdatei (GND) mit Daten aus CARLA angelegt bzw. angereichert. Gleichzeitig nutzt CARLA Daten aus der GND nach, um das Retrieval zu verbessern, z. B. bei Namensvarianten. CARLA bietet zudem die Möglichkeit, aktiv am Projekt mitzuwirken. Nutzende können über eine Kommentarfunktion Informationen zu Einzelpersonen ergänzen oder sich an der Transkription der historischen Studienunterlagen auf Wikisource beteiligen. Die Ergebnisse sind über einen Link an den Dokumenten auch in … Weiterlesen

Vision zur Wiederbelebung der Pavillon-Kultur – Ein Kommentar

Die Vision von Greta Taubert zur Wiederbelebung der Leipziger Pavillon-Kultur hat bei mir große Zustimmung, aber auch weitere Gedanken ausgelöst. Die Idee, öffentliche Räume wieder stärker als soziale Orte für Begegnung, Kultur und Demokratie zu begreifen, ist wichtig und richtig. Gleichzeitig lohnt sich auch ein Blick auf die Geschichte dieser Bauwerke und auf den heutigen Umgang mit den noch vorhandenen Pavillons in Leipzig. Denn Visionen entfalten ihre Wirkung erst dann nachhaltig, wenn sie mit Verantwortung und Pflege des Bestehenden verbunden werden. Leipzig stand einst in einer Reihe europäischer Städte und Länder mit einer ausgeprägten Pavillon-Tradition – teils in städtischer, teils in privater Regie. Vieles davon ist durch Kriege und strukturelle Umbrüche verloren gegangen. Wer sich mit der Geschichte dieser Bauwerke beschäftigt, erkennt schnell: Die Pavillon-Kultur ist ein europäisches Kulturerbe. In Leipzig ist sie mit der historischen Park- und Gartenkultur eng verbunden, für die diese Stadt in besonderer Weise steht. Man denke an den Palmengarten, den Clara-Zetkin-Park oder andere historische Anlagen. Pavillons sind Teil der gewachsenen Kulturlandschaft, die leider keinen großen Stellenwert mehr in der Stadt haben. In der Galerie sind Bilder vom Palmengarten-Pavillon, der im LVZ-Artikel vom 9. Januar 2026 versehentlich als „Gerhardscher Pavillon im Clara-Zetkin-Park in Leipzig“ betitelt wird. Zwar werden in Städten wie Freiburg, Chemnitz, Krefeld, Hamburg oder Potsdam einzelne Musikpavillons wieder saniert, doch von einem echten Trend kann keine Rede sein. Ganz anders als in England, wo die Pavillon-Kultur als nationales Kulturerbe gilt und der Erhalt und Wiederaufbau von der Bürgerschaft sowie öffentlichen Stellen finanziell und kulturell breit unterstützt werden. Die Leipziger Stadtverwaltung ringt bis heute damit, die noch vorhandenen historischen Pavillons im öffentlichen Raum vor dem Verfall zu bewahren, da sie regelmäßig beschädigt werden. Selbst, wenn diese unter Denkmalschutz stehen. Dazu zählen unter anderem: Der letzte noch erhaltene Pavillon mit einem regelmäßigen Kulturbetrieb ist der Musikpavillon im Clara-Zetkin-Park. Seine Sanierung wurde durch privates bürgerschaftliches Engagement finanziert, getragen wird er seit 2008 durch einen Wirtschaftsbetrieb. Für dieses Engagement gab es 2015 eine Nominierung unter die Top 10 des Deutschen Bürgerpreises. Bemerkenswert ist dabei: Für die öffentlichen Veranstaltungen und Kulturangebote wird kein Eintritt verlangt, von Vandalismus bleibt aber auch dieser nicht verschont. Gerade deshalb sollte das Plädoyer für neue hölzerne Pavillons auch mit einem Aufruf verbunden werden, sich bürgerschaftlich für die bereits existierenden Bauwerke zu engagieren und die Stadt bei deren Erhalt zu unterstützen, damit diese Orte ihre Rolle für Gemeinschaft, Solidarität und Demokratie überhaupt erfüllen können. Ehrlich gesagt fehlt mir ebenso der Hinweis auf einen verantwortungsvollen Umgang mit unserem Kulturerbe. Gerade von Künstlerinnen, Musikern und all jenen, die diese Orte nutzen, wäre zu erwarten, dass sie respektvoll mit den Pavillons umgehen und diese schon aus eigenem Interesse heraus schützen. Die Realität ist leider oft eine andere: Müll, Graffiti und andere Beschädigungen verursachen jährlich erhebliche Kosten. Das ist ein gesellschaftliches Problem, das benannt werden muss. In der Galerie sind Bilder vom unsanierten Musikpavillon (2008), sanierten Gerhardscher Pavillon beide im Clara-Zetkin-Park (2019, Foto: C. Herold) und sanierten Palmengarten-Pavillon (2026, Foto: D. Neumann). Für mich gehört zur Wiederbelebung der Pavillon-Kultur daher zwingend eine öffentliche Debatte über gesellschaftsrelevante Fragen: Pflege- und Erhaltungskosten, Leipziger Park- und Gartenkulturerbe im speziellen, Müllprobleme in öffentlichen Stadt- und Grünanlagen, Vandalismus an Kultur- und Gartendenkmälern, Schutz von klimawirksamen Frei- und Grünflächen und die damit verbundenen Konflikte. Ein Lichtblick ist ein Stadtratsbeschluss aus dem Jahr 2024, der den Oberbürgermeister auffordert, anlässlich des 130-jährigen Bestehens des Palmengartens im Jahr 2029 ein dezernatsübergreifendes Themenprojekt in Kooperation mit zivilgesellschaftlichen Akteuren zu prüfen – auch mit Blick auf den Umgang mit diesem Kulturerbe. In dem Jahr wird ebenso der Albert-Park, der heutige Clara-Zetkin-Park, ein 125-jähriges Jubiläum begehen. Es wäre also eine gute Zeit, darüber zu reden. Trotz aller Ergänzungen und punktuellen Einwände befürworte ich diesen Vorschlag, die Leipziger Pavillon-Kultur wieder aufleben zu lassen. Gerade dann, wenn Vision und Verantwortungsbewusstsein zusammengedacht werden, können wir diese gemeinschaftlich und mit kreativen Ansätzen neu entfalten. Siehe auch – 50 Visionen für Leipzig: Greta Taubert wünscht sich eine Wiederbelebung der Leipziger Pavillon-Kultur – LVZ-Artikel

Wanderausstellung – Von der HTWK Leipzig nach Frankfurt am Main

Nach dem Erfolg der Kabinettausstellung „Leipziger Palmengarten – Ein Leuchtturm der Stadt“, die 2024 anlässlich des 125-jährigen Jubiläums der Parkanlage unter anderem mit Unterstützung des Stadtgeschichtlichen Museums und der Lotter-Gesellschaft im Capa-Haus realisiert wurde, konnte die Ausstellungsreise fortgesetzt werden. Diese führte 2025 zunächst in die Bibliothek der HTWK Leipzig und anschließend in den Frankfurter Palmengarten, wo die Rückmeldungen durchweg positiv ausfielen. Ein Schwerpunkt lag auf dem Andenken an die geschätzten Kollegen Hans-Joachim Hädicke und Michael Liebmann, die 2024 viel zu früh verstorben sind. Ihnen war ein Teil der Ausstellung gewidmet, der an ihren wertvollen Beitrag erinnert und künftig Bestandteil der Ausstellung bleiben wird. Darüber hinaus wurden neue Perspektiven integriert. Dazu zählten Einblicke in Leben und Wirken von Carl Reinecke und seine Verbindung zum Leipziger Palmengarten in Kooperation mit dem Reinecke-Museum in Leipzig, die Einordnung der Jubiläums-Gartenbau-Ausstellung von 1893 sowie die Präsentation einer HTWK-Masterarbeit samt Modell zum möglichen Wiederaufbau des Gesellschafts- und Palmenhauses als utopische Vision. In der Mainmetropole war die Ausstellung als Beitrag zum 35. Jahr der Städtepartnerschaft zwischen Frankfurt am Main und Leipzig zu sehen. Der Frankfurter Palmengarten diente nicht nur als Vorbild für den Leipziger Palmengarten, sondern auch für zahlreiche andere Palmengärten seiner Zeit. Heute ist er der älteste noch erhaltene Palmengarten Deutschlands. Im Jahr 2012 wurde der Botanische Garten in den Frankfurter Palmengarten integriert und so vor der drohenden Auflösung bewahrt. Ein Besuch der städtischen Anlagen lohnt sich durchaus, denn beide Einrichtungen beherbergen zusammen über 12.000 Pflanzenarten aus aller Welt. Die Wanderausstellung trägt dazu bei, ein bislang vernachlässigtes Kapitel der Leipziger Stadtgeschichte über die Stadtgrenzen hinaus sichtbar zu machen und neu zu beleben. Allen Unterstützern sowie Besucherinnen und Besuchern gilt besonderer Dank für ihr Interesse und ihre Mitwirkung an diesem Projekt. Rückblick im Capa-Haus Siehe auch – Leipziger Palmengarten – Ausstellung und Begleitprogramm Siehe auch – Gespräch mit Experten – Dr. Katja Heubach zum Palmengarten am Main Siehe auch – Der Frankfurter Palmengarten – Historischer Garten mit Weltruf Siehe auch – Gespräch mit Experten – Dr. Kilian Jost zum historischen Grottenbau © 2026 is licensed under CC BY-NC-SA 4.0 Namensnennung – Nicht-kommerziell – Weitergabe unter gleichen Bedingungen

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