Die Messe- und Universitätsstadt Leipzig besitzt in ihrem Palmengarten mit dem großen Palmenhause eine Sehenswürdigkeit, die weit über die Grenzen Sachsens hinaus gewürdigt zu werden verdient, denn nur wenige Städte Deutschlands haben Aehnliches aufzuweisen. Aus diesem Grunde ist der städtischen Behörde ganz besonderer Dank abzustatten, daß sie den im Jahre 1896 von einer Aktiengesellschaft gegründeten Palmengarten mit einem 225 000 qm umfassenden Areal in schwerster Zeit in eigene Verwaltung übernahm.
Der mustergültige, in englischem Stile angelegte Park, gegenüber dem Lindenauer Sportplatz, in unmittelbarer Nähe des großen Flutbeckens, ist vom Stadtinnern aus zu Fuß in einer Viertelstunde bequem zu erreichen; außerdem führen verschiedene Straßenbahnlinien zu den Eingängen an der Plagwitzer Straße und an der Frankfurter Straße. Hier wie dort eröffnet ein architektonisch schönes Tor das Gelände.
Motto:
„Die Natur hat tausend Freuden für den, der sie sucht und mit warmem Herzen in ihren Tempel eintritt.“
R. Varnhagen
Wir wählen den letztgenannten Zugang und bitten den Besucher, uns freundlichst folgen zu wollen. Vor uns liegt das von fachmännischer Hand geschaffene Blumenparterre in verblüffender Farbensymphonie, zusammengesetzt aus gefälligen Anordnungen und eigenartigen Formen von Schmuckbeeten von Goldlack, Stiefmütterchen, Primeln und rotleuchtenden holländischen Tulpen — je nach der Jahreszeit —, um ein künstliches formenvollendetes Wasserbecken gruppiert, an dessen Seiten zwei aus dem ehemaligen Sophienbade stammende allegorische Figuren (Zeus und Juno darstellend) sich sinnvoll anpassen.
Unmittelbar hinter dieser prächtigen Anlage erhebt sich das von Terrassen umgebene, großartige Gesellschaftshaus mit hohen Riesenfenstern und runden Türmen. Wir kommen darauf noch zurück. Zur Linken öffnet sich der von alten Bäumen beschattete Konzertgarten, der Musikpavillon und des weiteren die überdachte, 2000 Personen fassende Gartenhalle. Im Hintergrunde treten das grünumrankte große Orangeriehaus, ein Aufzuchtshaus, sowie die sogenannten Krankenhäuser [Kalthäuser], in denen früchtetragende Feigenbäume, Sagopalmen, Orchideen usw. auf ihren Sommerstand warten, hervor. Die Besichtigung ist gestattet.

Schreiten wir durch die Gartenhallen, so stoßen wir auf den geräumigen Spielplatz für Kinder mit allerhand Spielgeräten und weiter auf den Rosengarten. Diese köstliche Anlage mit ihren sechzehn belaubten Bögen, lauschigen Gängen, Rosenlauben und Pyramiden gleicht um die Blütezeit einem orientalischen Märchen mit berauschenden Düften. Die Farbenpracht ist unbeschreiblich, wenn sich die Rosen, die Königin aller Blumen, die Sinnbilder der Freude, des Glücks, der Liebe und Unschuld voll entfaltet haben. Alle Vertreter der Rosaceen sind vorhanden: die Teerose, deren erster Vertreter, die bekannte Marshall-Niel-Rose, in wunderbaren Exemplaren blüht; die Filzrose; die hundertblättrige Rose (centifolia); die Essigrose; die dicke Pfingstrose u. a.; auch die merkwürdige, doch weniger ins Auge fallende, grüne Rose. Schlingrosen wie Hängegeranien an Lauben, Bögen und Pyramiden verleihen dem Rosarium wieder ganz neue Reize, wenn im Monat Juli die Rosenfülle im Parterre zu verbleichen beginnt. Die gewissermaßen in der Luft schwebenden Bögen erinnern unwillkürlich an die hängenden Gärten der assyrischen Königin Semiramis. An den Längsseiten des Rosengartens lugen aus den Zweigen eine echte japanische Steinlaterne sowie eine bronzene Bacchusfigur hervor; ganz versteckt, der Mitte gegenüber, eine Rotkäppchengestalt, auch aus Bronze. Vor der rokokoartigen Anlage haftet der Blick auf ein Hügelbeet, das jedes Jahr eine andere Bepflanzung erhält, entweder mit hochstrebenden Fingerhutgewächsen oder mit irgendeiner Palmenart.
Wir nähern uns nun den malerischen, von Schilf umrahmten Teichen und Weihern. Am schmucken Bootshause laden eine Anzahl Gondeln zu ausgedehnten, nicht weniger malerischen Fahrten an Buchten und unter Brücken entlang ein. Gelegentlich schleudert wohl auch eine erleuchtete Fontäne ihre phosphoreszierenden Wassermassen gen Himmel. Wenn an lauen Abenden bunte Lampions sich im Wasser widerspiegeln, wird die Seelandschaft zum Märchen.
Mit wahrhaft kindlichem Verlangen verweilt das Auge auf den Seerosenfeldern. Die Nymphaeen steigen im Hochsommer, nach Osten geneigt, aus dem Wasserspiegel, öffnen sich zur Mittagszeit, wenden sich allmählich westwärts, die Kelchblätter schließend, und sinken wie ein Traumgebilde unter.
Sobald diese Seerosen in größerer Anzahl, wie hier häufig wahrzunehmen, zwischen den wachsartigen ausgerollten, tief herzförmigen Blättern ihre weißen, gelben, beziehentlich rosenroten, bis zehn Zentimeter breiten Blüten entfalten, gewähren sie ein bezauberndes Bild. Die obenauf schwimmenden Blätter dienen Fröschen als Beobachtungsposten, sie gehen von diesem erhöhten Standorte aus gern auf die Insektenjagd. Farbige schillernde Libellen ziehen ihre Kreise, eine winzige Kleintierwelt, für das unbewaffnete Auge freilich kaum sichtbar, bevölkert das smaragdgrüne, leise vom Winde bewegte Blätterfloß. Zu den Verwandten unserer Seerosen gehören bekanntlich die vielbesungene ägyptische Seerose oder Lotusblume, die in brasilianischen Gewässern in Unmengen vorkommende, wegen der riesigen Blätter angestaunte Victoria regia (amerikanische Seerose) und die indische Seerose (Nelumbo nucifera) mit trichterförmigen Blättern, als Nährpflanze in Südasien geschätzt.
Auf unserer Wanderung auf glatten, gewundenen Wegen stoßen wir bald auf eine künstliche, höchst stimmungsvolle Doppelgrotte, der, um das Erschauern der Kinder nicht zu erhöhen, nur noch der Drache aus den Nibelungen fehlt, den breiten Eingang schmücken Rhododendrongebüsche und Azaleen.
Nicht weit von der Grotte erhebt sich das „Alpinum“; es gedeihen hier allerhand Moosarten, z. B. Mauerpfeffer; Enzian, Almenrausch, die bekannte Erica, die gelbe Gemswurz, verschiedene Gattungen Primeln, der Steinbrech, die durch ihre himmelblauen Sternblumen hervorragende zweiblättrige Meerzwiebel (Scilla bifolia) und last but not least das samtene Edelweiß. Neben anderen Dickblattpflanzen auch Acandus, ein Kraut, dessen eigenartige Blattform im alten Griechenland häufig architektonische Nachahmung fand und heute noch in der Baukunst beliebt ist.
Eine besondere Anziehungskraft übt im Herbste das große Versuchsfeld der deutschen Dahliengesellschaft aus, wenn die Korbblütler, die umfangreichste aller Pflanzenfamilien, sich in ihren Spielarten dem Besucher zeigen.
Der sogenannte Märchenhain, der Lindenberg mit dem Strohpavillon in der Südwestecke des Gartens, ist eine der vielen Ruhestätten für diejenigen, die sich in stiller Betrachtung der Schönheit des Parkes hingeben wollen. Für reichliche Sitzgelegenheit ist durch 174 äußerst bequeme, im Parke verteilt aufgestellte Bänke Sorge getragen.
Den südöstlichen Teil des Palmengartens nimmt der von uralten Eichen bestandene stille Klingerhain ein; ein weißer Marmorblock aus Carraras Steinbrüchen, unter großen Schwierigkeiten hierher befördert, mit allegorischen Figuren aus den Opern Wagners, reliefartig vom Meister selbst gemeißelt, erinnert an den großen Sohn Leipzigs. Von hier aus ist in wenigen Minuten der Ausgang zur Plagwitzer Straße zu erreichen.
Auf vielgewundenen Wegen, vorbei an Pavillons, Weihern und aussichtsreichen Plätzchen, wo wir der Ruhe genießen können, kehren wir zurück. Bevor wir dem berühmten Palmenhause einen Besuch abstatten, wollen wir wenigstens noch einige der interessantesten Bäume namhaft machen. Sie sind zum Teil durch Tafeln gekennzeichnet, andernfalls gibt ein Gärtner in der Nähe gern Auskunft. Da steht unweit des Spielplatzes der sogenannte Götterbaum, in China und Japan heimisch; er ist ein entfernter Verwandter der Orangengewächse. Die hohe Belaubung des bis zu 20 Meter hoch werdenden Baumes bildet in der Heimat das Universalfutter für den Seidenraupenspinner. Beim Rosengarten steht eine Gleditsia, eine Akazienart, Christusdorn, mit schwarzen, nicht leicht erkennbaren Dornen. Nicht weit davon bemerken wir einen blättertragenden Nadelbaum (Gingko) aus Japan, wo man ihn als heiligen Baum verehrt; das grüne Blatt ist fächerförmig genärbt, dadurch seine Art kennzeichnend; die Früchte gleichen ganz denen des Nadelbaumes. Eine Zierde des Palmengartens ist außer den Tulpenbäumen der mächtige blütenreiche amerikanische Trompetenbaum, da er noch schöner blüht als die Kastanie. Ihm verwandt ist der herrliche, dicht belaubte Magnolienbaum mit grünlichgelben Blüten. Wir treffen ferner im Parke noch an: die schöne Silberweide, die Purpurweide und Salix viminalis; diese beiden liefern das bekannte gute Korbflechtmaterial. Durch wunderschöne goldige Herbstfärbung überrascht die falsche Lärche (Larix pseudo) aus Japan; sie übertrifft in der Schnelligkeit des Wachstums alle anderen Nadelhölzer. An einem Wegrande in der Nähe des Dahlienfeldes blüht im Sommer die japanische Kirsche mit der aufgeblasenen, oben zugespitzten rötlichen Hülle; die kirschartige Frucht wird in Japan zu Kompott hergerichtet. In seiner Nachbarschaft steht der Geweihbaum, so genannt nach den hirschgeweihähnlichen, doppeltgefiederten Blättern.
Unser Garten besitzt auch einen Korkbaum (Quercus suber), sowie eine Anzahl Edeltannen. Die alten Eichen, das Sinnbild deutscher Kraft, wurden bereits genannt. Auffällig ist der Lederbaum mit seinen lederartigen Blättern. Trauerweiden mit lang herabhängenden Zweigen zieren an verschiedenen Stellen die Ufer der Teiche. Von den in früheren Zeiten viel gezogenen Farbhölzern haben wir hier als einzigen Vertreter das amerikanische Gelbholz. Rechts vom Eingange an der Frankfurter Straße sind zwei große und zehn kleine Bananengewächse, außerdem Eucalyptus und indischer Hanf angepflanzt. Aus der Faser der letztgenannten Pflanze fertigt man in Ostasien Schiffstaue.
Wir mögen den Palmengarten zu jeder Jahreszeit durchstreifen, stets bietet er neue landschaftliche Reize: im hoffnungsvollen Frühjahrskleide, im freudigen, im Blütenflor strahlenden und duftenden Sommerkleide, im farbenberauschenden Blätterkleide des Herbstes. Der Raum der kleinen Broschüre ist begrenzt, wir eilen zum Glanzstück des städtischen Palmengartens, dem berühmten Palmenhause, das unabhängig von der Witterung alle Tage des Jahres die Herzen der Naturfreunde höher schlagen läßt. Das 1200 qm große Palmenhaus ist durch eine mächtige Glaswand vom Gesellschaftssaale getrennt. Wir befinden uns inmitten einer echten Tropenwelt, feuchte Wärme umfängt uns in diesem fünf Stock hohen Glashause, und fast glauben wir, in der Nähe der berüchtigten Moskitos, Erdflöhe, giftigen Spinnen und Schlangen zu sein. Doch nein! Dank der gärtnerischen Kunst wandeln wir auf sauberen Pfaden diesmal ungestraft unter Palmen.
Was schauen unsere trunkenen Augen alles? Fast bis zum Glasdache reichend die große Zuckerpalme Ostindiens, die schön gefiederte Phoenix silvestris, die Kentia Forsteriana aus der nämlichen Gegend, die prächtige Livistonia chinensis, diese als höchste Palme des Hauses. Wachspalmen und Königspalmen aus Kuba fallen nicht minder auf; an deren glatten Stämmen hängt die nach ihrer Blätterform genannte merkwürdige Hirschgeweihfarne; die Banane (Musa paradisiensis) zeigt uns ihre schmackhaften Früchte. Doch die schönste aller Fächerpalmen ist die Livistonia altissima von den Sundainseln mit ihren sich weit ausbreitenden gefiederten Wedeln. Durch das helle Grün macht sich die Baumfarne Australiens bemerkbar, eine andere mit Schuppenbildung aus Java und wieder eine andere mit gesägten Blättern von den heißen Antillen. Und hinter dem kleinen Wasserbecken, aus dem die große Sumpfpflanze Alveasia und der ägyptische Papyrus aufsteigt, ragt mit 24 starken grünen Stämmen der Bambus (brasiliensis) mit lanzförmigen, schmalen Blättern bis zum Dachfirst hinauf. Als seltenste, wertvollste Palme gilt die Zwillingspalme, eine Pflanze von sechs Stämmen; sie war ehemals auf einer kleinen Insel unweit Java heimisch, die vor Jahren bei einem Erdbeben im Meere spurlos versank. Ein zweites Exemplar soll nur noch London besitzen. Abweichend von den übrigen hohen Pflanzengruppen sind die den Palmen ähnlichen Drachenbäume (Dracaena), auch Keulenbäume genannt (wegen der Verdickung am Fuße). An manchen Baumschäften zieht sich das Schmarotzergeschlecht der Lianen empor, hier und da leuchten aus dem dunklen Grün der Blätter oder am Stamme gleich einem bunten Farbklecks die bizarrgeformten, oft betäubend riechenden Orchideen.
Schließlich verdient noch ein sonderbares Gewächs, Rhapis flabelliformis aus China erwähnt zu werden, dessen Zweige sich wie Rohr biegen lassen. Die Aufzählung aller Schätze des Palmenhauses ist noch lange nicht beendet. Es mangelt an Raum bei diesem kleinen Führer. Genieße mit Weile das Gebotene! Weiße, bequeme Stühle laden zum beschaulichen Studium ein.
Wollen wir uns nach dem geistigen Genusse einen körperlichen verschaffen, so treten wir in das Gesellschaftshaus ein. Eine Sehenswürdigkeit für sich allein! Mit einem ganz hervorragenden Wirtschaftsbetrieb! Was Küche und Keller bei wohlfeilen Preisen unter fachmännischer Leitung des rührigen Direktors Oskar Herbst leisten, davon mag sich jeder selbst überzeugen. Der ganze Betrieb ist einfach mustergültig, wovon die riesigen Bratherde, Kaffeemaschinen, Backöfen (auch für Konditoreiwaren), neuzeitliche Kühlanlagen, Eismaschinen, wie die besteingerichteten Bier- und Weinkellereien ein beredtes Zeugnis ablegen.
Neben dem vornehm ausgestatteten, märchenhaft schönen, großen Saale (2500 Personen fassend, bei Bällen 500) mit verblüffendem Blick in das Palmenhaus, stehen Gesellschaften und Vereinen noch der weiße Saal (für 200 – 300 Personen) sowie der rote Saal (mit dem gleichen Fassungsvermögen) zur Verfügung. Uebrigens kommt die Direktion den jeweiligen Mietern auf das weiteste entgegen. Weinterrassen und Weinpavillons laden zu intimeren Festlichkeiten ein.
Durch Einführung sogenannter billiger Tage: Montags, Mittwochs und Freitags für Erwachsene 25 Pfg., für Kinder 15 Pfg., und an je zwei Sonntagen im Monat 50 Pfg., beziehentlich 25 Pfg., glaubt die Direktion auch allen Besuchern mit kleiner Börse gerecht zu werden.
Für musikalische Unterhaltung sorgen auserwählte Nachmittags- und Abendkonzerte. (Siehe die Tagesanzeigen.)
Wenn diese Zeilen dazu beitragen, allen Freunden unseres Palmengartens dessen Besuch zu einem wirklichen Genuß zu machen, dann ist der Zweck dieser kleinen Broschüre erfüllt.
Leipziger Palmengarten (Hg.): Die Wunder des Palmengartens. Kurzer Führer für jedermann. Leipzig: Verlag des Leipziger Palmengartens, Druck: Edgar Herfurth & Co., Leipzig o. J. [ca. 1920er].




